Konturen
des Protestes
Aktionen
gegen Studiengebühren an der RUB
Unterm
Schlagwort "Streik" haben sich die Studierenden der RUB am 4.6.
auf der Vollversammlung (VV) in der Mensa mit großer Mehrheit für
befristete aktive Proteste gegen Studiengebühren (Verwaltungs- und
Langzeitgebühren) ausgesprochen. Höhepunkt der ersten Woche war
die Demo am 8.6. in Düsseldorf mit ca. 20.000 Teilnehmern zahlreicher
NRW-Hochschulen. Mit Beschluss der VV am 11.6. wurde der Protest an der
RUB um eine weitere Woche verlängert - diesmal als "Streik light",
denn es mehrten sich die Stimmen gegen die Form des Protestes. Lehrveranstaltungen
sollten teilweise wieder regulär stattfinden, die Aktionen sollten
insgesamt öffentlichkeitswirksamer und gezielter werden. Obwohl seit
dem 18.6. zumindest die Verwaltungsgebühren für Einschreibung
und Rückmeldung vom Tisch waren, sprach sich am 19.6. eine dritte VV
in der Großen Mensa für die Fortsetzung der Proteste aus, das
ganze Sommersemester wurde per Resolution zum "Aktionssemester"
erklärt. Hier folgen einige "Streik-Spots".
Seminarwanderungen
Prof. Wilhelm Bleek verlegte sein Seminar bei angenehmen Außentemperaturen
in das Rondell vor dem Gebäude GB und diskutierte dort vor einer
großen Landkarte (Welt-)Politisches. Andere Seminare wanderten aus,
z. B. auf die Treppe zwischen den Ebenen 03 und 02 an der GA-Nordstraße.
"Wir sollten das Seminar via Handy abhalten", sagte ein Dozent,
der mit seinen Studierenden aus dem Gebäude NA ausweichen musste,
schmunzelnd im Vorbeigehen. Wer jedoch Veranstaltungen in den angestammten
Räumen anbieten wollte, rief das "Sprengkommando" auf den
Plan: Mit Trillerpfeifen, Trommeln, Gitarren und minutenlangem, rhythmischen
Klatschen beendete es Vorlesungen oder Seminare, die "regulär"
stattfanden. Manch Lehrende und Studierende bezeichneten dies als "undemokratisch"
den Lernwilligen gegenüber, das Sprengkommando argumentierte, die
Veranstaltungen seien "unsolidarisch", weil Studierende, die
sich im Streik engagierten, prüfungsrelevanten Stoff verpassten.
Politische Diskussionen - auch in naturwissenschaftlichen Vorlesungen.
Brennpunkt GC
In der ersten Woche machten immer wieder Gerüchte die Runde, vor
dem Gebäude GC sei es zwischen so genannten "Streikposten"
und Studierenden zu Handgreiflichkeiten gekommen. Am 6.6. hatten drei
Studentinnen, die teils gewaltsam versucht hatten, in das Gebäude
zu gelangen, die Polizei gerufen. Zwei Beamte in zivil erschienen, Johannes
Schevel, Dezernent Technischer Hochschulbetrieb (Dezernat 5), konnte vermitteln
und die Gemüter beruhigen. "Mit der Polizei habe ich vereinbart,
dass sie den Campus nicht betritt, ohne uns zu informieren", sagte
Schevel. "Das Hausrecht liegt beim Rektor, nur er kann die Polizei
rufen. Wenn irgend etwas in der Richtung unternommen wird, läuft
das über unser Dezernat." Die Ereignisse vor GC waren auch Gegenstand
der zweiten VV am 11.6.: Die Studierenden einigten sich darauf, gemeinsam
nach außen zu protestieren statt sich gegenseitig auf dem Campus
zu bekämpfen.
Schuhe putzen
"Schuhe putzen für Bücher und Bildung", lautete z.
B. das Motto einer der zahlreichen öffentlichen Aktionen. Am 6. und
10.6. gingen Studierende der RUB in die Bochumer City, um vor der Mayerschen
Buchhandlung Schuhe putzend gegen Studiengebühren zu demonstrieren.
Lehrveranstaltungen wurden in die Innenstadt verlegt, an den Hauptbahnhof,
ins Schauspielhaus oder auf den Konrad Adenauer-Platz, wo öffentliche
Mathematikvorlesungen stattfanden. Einige Dozenten verließen den
üblichen Lehrplan, um im weitesten Sinne über Studiengebühren
zu diskutieren, z. B. Prof. Huckleberry (Mathematik) mit der "linearen
Algebra der Studiengebühren" auf der Mandragora-Bühne im
Bermuda-Dreieck. Weitere Aktionen waren: eine 24-Stunden-"Mahnwache"
auf der Huestraße, Bochum City, eine Mahnwache von Medizin-Studierenden
vor den Universitätskliniken Bergmannsheil, St. Josef-Hospital, Knappschaftskrankenhaus
Langendreer und Marienhospital Herne am 17.6. (jew. eine Stunde), um Patienten,
Besucher und Ärzte auf die Problematik aufmerksam zu machen. Am gleichen
Tag gingen Medizin-Studierende in die Bochumer Innenstadt, um beim öffentlichen
Blutdruckmessen über ihren Protest zu informieren.
Für alle "Daheimgebliebenen" auf dem Campus hatte der AStA
eine Sitzecke an der Unibrücke eingerichtet: Gemütliche Sessel
sollten dazu einladen, sich mit dem Motto "Setz Dich, Hör zu,
Denk nach, Mach mit" auseinander zu "setzen". Und wer mit
Übernachtungen seinen Beitrag zum Protest leisten wollte, hatte im
Zeltcamp vor H-GA die entsprechende Gelegenheit. Die Fachschaft Klassische
Philologie blieb ebenfalls auf ihrem Terrain, um ab Sonntag, 16.6., "fünf
vor zwölf", zu einen 24 Stunden-Vorlesungsmarathon im Foyer
des Gebäudes GB einzuladen.
Tortenwurf
"Tortenwurf" gegen Abgeordnete - auf dem Campus ging es auch
nach den beigelegten Feindseligkeiten vor GC nicht immer friedlich zu.
"In aller Form" entschuldigte sich Rektor Prof. Dr. Dietmar
Petzina am 14.6. schriftlich bei der SPD-Landtagsabgeordneten Carina Gödecke.
Gödecke war am Mittwoch, 12.6., in der RUB mit einer Torte beworfen
worden. Zuvor hatten Studierende der RUB das Bochumer SPD-Büro besetzt
und die Abgeordnete aufgefordert, noch am gleichen Abend an einer Diskussion
in der Ruhr-Universität teilzunehmen. Gödecke sagte zu.
Petzina kündigte an, der Vorgang werde sorgfältig überprüft,
gegebenenfalls würden rechtliche Schritte eingeleitet. Er bedauere
den Vorfall um so mehr, als die Parlamentarierin die Bereitschaft zeige,
sich "auch schwierigen Diskussionen zu stellen". Bei allem Verständnis
für die studentischen Proteste: "Gewalt darf kein Mittel der
Auseinandersetzung sein", so Petzina. Nach dem "Tortenwurf"
hatte Gödecke das Treffen mit den Studierenden sofort abgebrochen.
Wer die Torte geworfen hat, ist bisher noch unbekannt.
"Die Überzeugungskraft von Argumenten kann durch Nichts ersetzt
werden", heißt es auch in einer Erklärung des Rektorats
der RUB vom 11.6., also einem Tag zuvor. Nach dem Beschluss der zweiten
VV, die Proteste fortzusetzen, äußerste das Rektorat Bedenken
gegen den "Boykott von Lehrveranstaltungen": Studierenden könnten
so Nachteile entstehen, die im laufenden Semester nicht mehr auszugleichen
seien. Zugleich bekundete das Rektorat, dass es "sich mit den Studierenden
in der Ablehnung der Gebührenpläne' der Landesregierung
einig" wisse.
Gebührenpläne
Studiengebühren in Höhe von 650 Euro pro Semester will die Landesregierung
für Langzeit-, Zweit- und Seniorenstudierende erheben. Als Langzeitstudierender
gilt, wer die Regelstudienzeit um mehr als vier Semester überschreitet.
Zusätzlich erörterte das Kabinett in Düsseldorf zunächst,
50 Euro "Immatrikulationsgebühr" pro Semester zu erheben
- "als Ausgleich für Verwaltungskosten", wie es in einer
Pressemitteilung der Landesregierung vom 10.6.2002 heißt. Bei einer
Kabinettssitzung am 18.6. wurde jedoch dieser Plan offenbar wieder verworfen.
jw
ad
|