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RUBENS 72 1. Juli 2002

Konturen des Protestes

Aktionen gegen Studiengebühren an der RUB

Unterm Schlagwort "Streik" haben sich die Studierenden der RUB am 4.6. auf der Vollversammlung (VV) in der Mensa mit großer Mehrheit für befristete aktive Proteste gegen Studiengebühren (Verwaltungs- und Langzeitgebühren) ausgesprochen. Höhepunkt der ersten Woche war die Demo am 8.6. in Düsseldorf mit ca. 20.000 Teilnehmern zahlreicher NRW-Hochschulen. Mit Beschluss der VV am 11.6. wurde der Protest an der RUB um eine weitere Woche verlängert - diesmal als "Streik light", denn es mehrten sich die Stimmen gegen die Form des Protestes. Lehrveranstaltungen sollten teilweise wieder regulär stattfinden, die Aktionen sollten insgesamt öffentlichkeitswirksamer und gezielter werden. Obwohl seit dem 18.6. zumindest die Verwaltungsgebühren für Einschreibung und Rückmeldung vom Tisch waren, sprach sich am 19.6. eine dritte VV in der Großen Mensa für die Fortsetzung der Proteste aus, das ganze Sommersemester wurde per Resolution zum "Aktionssemester" erklärt. Hier folgen einige "Streik-Spots".

Seminarwanderungen

Prof. Wilhelm Bleek verlegte sein Seminar bei angenehmen Außentemperaturen in das Rondell vor dem Gebäude GB und diskutierte dort vor einer großen Landkarte (Welt-)Politisches. Andere Seminare wanderten aus, z. B. auf die Treppe zwischen den Ebenen 03 und 02 an der GA-Nordstraße. "Wir sollten das Seminar via Handy abhalten", sagte ein Dozent, der mit seinen Studierenden aus dem Gebäude NA ausweichen musste, schmunzelnd im Vorbeigehen. Wer jedoch Veranstaltungen in den angestammten Räumen anbieten wollte, rief das "Sprengkommando" auf den Plan: Mit Trillerpfeifen, Trommeln, Gitarren und minutenlangem, rhythmischen Klatschen beendete es Vorlesungen oder Seminare, die "regulär" stattfanden. Manch Lehrende und Studierende bezeichneten dies als "undemokratisch" den Lernwilligen gegenüber, das Sprengkommando argumentierte, die Veranstaltungen seien "unsolidarisch", weil Studierende, die sich im Streik engagierten, prüfungsrelevanten Stoff verpassten. Politische Diskussionen - auch in naturwissenschaftlichen Vorlesungen.

Brennpunkt GC

In der ersten Woche machten immer wieder Gerüchte die Runde, vor dem Gebäude GC sei es zwischen so genannten "Streikposten" und Studierenden zu Handgreiflichkeiten gekommen. Am 6.6. hatten drei Studentinnen, die teils gewaltsam versucht hatten, in das Gebäude zu gelangen, die Polizei gerufen. Zwei Beamte in zivil erschienen, Johannes Schevel, Dezernent Technischer Hochschulbetrieb (Dezernat 5), konnte vermitteln und die Gemüter beruhigen. "Mit der Polizei habe ich vereinbart, dass sie den Campus nicht betritt, ohne uns zu informieren", sagte Schevel. "Das Hausrecht liegt beim Rektor, nur er kann die Polizei rufen. Wenn irgend etwas in der Richtung unternommen wird, läuft das über unser Dezernat." Die Ereignisse vor GC waren auch Gegenstand der zweiten VV am 11.6.: Die Studierenden einigten sich darauf, gemeinsam nach außen zu protestieren statt sich gegenseitig auf dem Campus zu bekämpfen.

Schuhe putzen

"Schuhe putzen für Bücher und Bildung", lautete z. B. das Motto einer der zahlreichen öffentlichen Aktionen. Am 6. und 10.6. gingen Studierende der RUB in die Bochumer City, um vor der Mayerschen Buchhandlung Schuhe putzend gegen Studiengebühren zu demonstrieren. Lehrveranstaltungen wurden in die Innenstadt verlegt, an den Hauptbahnhof, ins Schauspielhaus oder auf den Konrad Adenauer-Platz, wo öffentliche Mathematikvorlesungen stattfanden. Einige Dozenten verließen den üblichen Lehrplan, um im weitesten Sinne über Studiengebühren zu diskutieren, z. B. Prof. Huckleberry (Mathematik) mit der "linearen Algebra der Studiengebühren" auf der Mandragora-Bühne im Bermuda-Dreieck. Weitere Aktionen waren: eine 24-Stunden-"Mahnwache" auf der Huestraße, Bochum City, eine Mahnwache von Medizin-Studierenden vor den Universitätskliniken Bergmannsheil, St. Josef-Hospital, Knappschaftskrankenhaus Langendreer und Marienhospital Herne am 17.6. (jew. eine Stunde), um Patienten, Besucher und Ärzte auf die Problematik aufmerksam zu machen. Am gleichen Tag gingen Medizin-Studierende in die Bochumer Innenstadt, um beim öffentlichen Blutdruckmessen über ihren Protest zu informieren.
Für alle "Daheimgebliebenen" auf dem Campus hatte der AStA eine Sitzecke an der Unibrücke eingerichtet: Gemütliche Sessel sollten dazu einladen, sich mit dem Motto "Setz Dich, Hör zu, Denk nach, Mach mit" auseinander zu "setzen". Und wer mit Übernachtungen seinen Beitrag zum Protest leisten wollte, hatte im Zeltcamp vor H-GA die entsprechende Gelegenheit. Die Fachschaft Klassische Philologie blieb ebenfalls auf ihrem Terrain, um ab Sonntag, 16.6., "fünf vor zwölf", zu einen 24 Stunden-Vorlesungsmarathon im Foyer des Gebäudes GB einzuladen.

Tortenwurf

"Tortenwurf" gegen Abgeordnete - auf dem Campus ging es auch nach den beigelegten Feindseligkeiten vor GC nicht immer friedlich zu. "In aller Form" entschuldigte sich Rektor Prof. Dr. Dietmar Petzina am 14.6. schriftlich bei der SPD-Landtagsabgeordneten Carina Gödecke. Gödecke war am Mittwoch, 12.6., in der RUB mit einer Torte beworfen worden. Zuvor hatten Studierende der RUB das Bochumer SPD-Büro besetzt und die Abgeordnete aufgefordert, noch am gleichen Abend an einer Diskussion in der Ruhr-Universität teilzunehmen. Gödecke sagte zu.
Petzina kündigte an, der Vorgang werde sorgfältig überprüft, gegebenenfalls würden rechtliche Schritte eingeleitet. Er bedauere den Vorfall um so mehr, als die Parlamentarierin die Bereitschaft zeige, sich "auch schwierigen Diskussionen zu stellen". Bei allem Verständnis für die studentischen Proteste: "Gewalt darf kein Mittel der Auseinandersetzung sein", so Petzina. Nach dem "Tortenwurf" hatte Gödecke das Treffen mit den Studierenden sofort abgebrochen. Wer die Torte geworfen hat, ist bisher noch unbekannt.
"Die Überzeugungskraft von Argumenten kann durch Nichts ersetzt werden", heißt es auch in einer Erklärung des Rektorats der RUB vom 11.6., also einem Tag zuvor. Nach dem Beschluss der zweiten VV, die Proteste fortzusetzen, äußerste das Rektorat Bedenken gegen den "Boykott von Lehrveranstaltungen": Studierenden könnten so Nachteile entstehen, die im laufenden Semester nicht mehr auszugleichen seien. Zugleich bekundete das Rektorat, dass es "sich mit den Studierenden in der Ablehnung der ‚Gebührenpläne' der Landesregierung einig" wisse.


Gebührenpläne

Studiengebühren in Höhe von 650 Euro pro Semester will die Landesregierung für Langzeit-, Zweit- und Seniorenstudierende erheben. Als Langzeitstudierender gilt, wer die Regelstudienzeit um mehr als vier Semester überschreitet. Zusätzlich erörterte das Kabinett in Düsseldorf zunächst, 50 Euro "Immatrikulationsgebühr" pro Semester zu erheben - "als Ausgleich für Verwaltungskosten", wie es in einer Pressemitteilung der Landesregierung vom 10.6.2002 heißt. Bei einer Kabinettssitzung am 18.6. wurde jedoch dieser Plan offenbar wieder verworfen. jw

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Letzte Änderung: 01.07.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik