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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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Sexy
Sons
Wissenschaftsroman
Die Gentechnik findet allmählich
Eingang in die moderne Literatur. In den vergangenen Jahrhunderten war noch
die Neu-Erschaffung des Menschen durch den Menschen nur eine von Allmachtsphantasien
getragene vage Vorstellung, literarisch ausgeformt etwa in der Figur des
Golems in Hubert Meyrinks gleichnamigen Roman, in der des "Homunkulus"
in Goethes Faust II oder in "L' Eve Future" von Villiers de l'Isle-Adam.
Die Entzifferung des menschlichen Genoms und die Erfolge moderner Reproduktionsbiologie
machen aus einem Traum einen Albtraum - oder die arge Nähe zur Realität:
Dem Wissenschaftler in Harry Mulischs "Die Prozedur" (1998) z.B.
gelingt es, wie Gott in tote Materie Leben einzuhauchen, aber sein krankes
Kind kann er nicht retten. Michel Houellebecq radikalisiert in seinen "Elementarteilchen"
(1998) an zwei einander völlig wesensfremden Brüdern die Trennung
von Sexualität und Geilheit einerseits und Reproduktion ohne Geschlechtsakt
andererseits.
Der Roman "Sexy Sons" von Bernhard Kegel wiederum entführt
uns in ein nicht weit vor uns liegendes Zeitalter, in dem diese Trennung
längst vollzogen ist, und wir nur noch eine rudimentäre, unaufgeregte
Erinnerung an die moralischen Bedenken heutiger Tage haben.
Im Zeitalter der "Sexy Sons" überlässt man selbstverständlich
weder die Haarfarbe, noch die Größe, die Schönheit und erst
recht nicht die Intelligenz einfach dem Zufall. Reproduktionsmediziner stellen
Eltern Kinder nach Katalog zusammen - natürlich in Abhängigkeit
vom eigenen Geldbeutel. Dort, wo die Qualität männlichen
Samens sinkt, steigt die Begehrlichkeit nach genetisch gutem Material. Dieses
Thema verwebt Kegel kunstvoll mit einer weiteren Errungenschaft moderner
Gentechnik: Der reiche Hamburger Unternehmer Senft bringt Globacter auf
den Markt, ein vollkommen synthetisch hergestelltes Bakterium, das in kürzester
Zeit Erdöl in einen unschädlichen Stoff verwandelt. Vorbei ist
die Angst vor Schiffsunfällen wie der "Brent Spar".
Am gleichen Abend, als in einem Schwimmbad das neue Wunderbakterium der
Öffentlichkeit präsentiert wird, wird dort die in jeder Hinsicht
begehrenswerte Schwimmerin Rebecca Scholz angegriffen; zudem werden zwei
Behälter Globacter gestohlen. Erpressung und genetischer Raub - die
Ermittlungen einer jungen Kommissarin führen sie zu Wissenschaftlern
des Unternehmens, zu Reproduktionsmedizinern (auch sie denkt beiläufig
darüber nach, sich einen im Reagenzglas erzeugten Embryo einpflanzen
zu lassen) und schließlich zu Senfts "genetischem" Sohn.
Kegel konfrontiert in seinem Roman gekonnt die Jagd
nach genetisch gutem Material u.a. mit den psychischen Nöten künstlich
erzeugter Nachkommen: "Er musste daran denken, dass er noch
nie Kinderbilder seines Vaters gesehen hatte. Dieser Junge auf dem Bild,
der kleine Ed, sah haargenauso aus wie er, eine Kopie". Er verquickt
den medizinischen Fortschritt mit dem Streben nach Gewinn: "Er betrachtete
die verunsicherte Frau, die ihm gegenübersaß. Hier ging es nicht
um einen Grundkurs in sexueller Selektion. Das hier war ein Verkaufsgespräch.
Sehen Sie, am leichtesten haben es natürlich die, die schon eine
Person im Auge haben, sagen wir einen Sportler, Künstler, Nobelpreisträger.
Wenn Spendersamen dieser Personen am Markt erhältlich sind, verschwenden
sie keinen Gedanken an mögliche Alternativen. Es gibt heute Prominente,
vor allem unter Sportlern und Schauspielern, die es durch den Verkauf ihrer
Samen auf Hunderte von Kindern in der ganzen Welt gebracht haben ...'"
Dass das genetische Material solcher Nachkommen selbstverständlich
zur Rettung kranker Eltern gereichen kann, ist heute nur eine vielleicht
perfide, im Zeitalter der "Sexy Sons" aber selbstverständliche
Einstellung.
Der promovierte Biologe Kegel weiß wovon er schreibt und er versteht
es meisterlich, komplizierte Erkenntnisse moderner Genetik und Reproduktionsbiologie
in einfache Dialoge und spannende Erzählstränge zu binden. Mit
einer lapidaren, gleichsam beiläufigen Sprache führt er uns -
ohne moralisch erhobenen Zeigefinger - vor Augen, welchen moralischen Preis
wir für den Fortschritt zu zahlen bereit sind. jk
Bernhard Kegel: "Sexy Sons", Ammann Verlag,
Zürich 2001, 22 Euro ad
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