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RUBENS 72 1. Juli 2002

Sexy Sons

Wissenschaftsroman

Die Gentechnik findet allmählich Eingang in die moderne Literatur. In den vergangenen Jahrhunderten war noch die Neu-Erschaffung des Menschen durch den Menschen nur eine von Allmachtsphantasien getragene vage Vorstellung, literarisch ausgeformt etwa in der Figur des Golems in Hubert Meyrinks gleichnamigen Roman, in der des "Homunkulus" in Goethes Faust II oder in "L' Eve Future" von Villiers de l'Isle-Adam. Die Entzifferung des menschlichen Genoms und die Erfolge moderner Reproduktionsbiologie machen aus einem Traum einen Albtraum - oder die arge Nähe zur Realität: Dem Wissenschaftler in Harry Mulischs "Die Prozedur" (1998) z.B. gelingt es, wie Gott in tote Materie Leben einzuhauchen, aber sein krankes Kind kann er nicht retten. Michel Houellebecq radikalisiert in seinen "Elementarteilchen" (1998) an zwei einander völlig wesensfremden Brüdern die Trennung von Sexualität und Geilheit einerseits und Reproduktion ohne Geschlechtsakt andererseits.
Der Roman "Sexy Sons" von Bernhard Kegel wiederum entführt uns in ein nicht weit vor uns liegendes Zeitalter, in dem diese Trennung längst vollzogen ist, und wir nur noch eine rudimentäre, unaufgeregte Erinnerung an die moralischen Bedenken heutiger Tage haben. Im Zeitalter der "Sexy Sons" überlässt man selbstverständlich weder die Haarfarbe, noch die Größe, die Schönheit und erst recht nicht die Intelligenz einfach dem Zufall. Reproduktionsmediziner stellen Eltern Kinder nach Katalog zusammen - natürlich in Abhängigkeit vom eigenen Geldbeutel. Dort, wo die Qualität männlichen Samens sinkt, steigt die Begehrlichkeit nach genetisch gutem Material. Dieses Thema verwebt Kegel kunstvoll mit einer weiteren Errungenschaft moderner Gentechnik: Der reiche Hamburger Unternehmer Senft bringt Globacter auf den Markt, ein vollkommen synthetisch hergestelltes Bakterium, das in kürzester Zeit Erdöl in einen unschädlichen Stoff verwandelt. Vorbei ist die Angst vor Schiffsunfällen wie der "Brent Spar".
Am gleichen Abend, als in einem Schwimmbad das neue Wunderbakterium der Öffentlichkeit präsentiert wird, wird dort die in jeder Hinsicht begehrenswerte Schwimmerin Rebecca Scholz angegriffen; zudem werden zwei Behälter Globacter gestohlen. Erpressung und genetischer Raub - die Ermittlungen einer jungen Kommissarin führen sie zu Wissenschaftlern des Unternehmens, zu Reproduktionsmedizinern (auch sie denkt beiläufig darüber nach, sich einen im Reagenzglas erzeugten Embryo einpflanzen zu lassen) und schließlich zu Senfts "genetischem" Sohn.
Kegel konfrontiert in seinem Roman gekonnt die Jagd nach genetisch gutem Material u.a. mit den psychischen Nöten künstlich erzeugter Nachkommen: "Er musste daran denken, dass er noch nie Kinderbilder seines Vaters gesehen hatte. Dieser Junge auf dem Bild, der kleine Ed, sah haargenauso aus wie er, eine Kopie". Er verquickt den medizinischen Fortschritt mit dem Streben nach Gewinn: "Er betrachtete die verunsicherte Frau, die ihm gegenübersaß. Hier ging es nicht um einen Grundkurs in sexueller Selektion. Das hier war ein Verkaufsgespräch. ‚Sehen Sie, am leichtesten haben es natürlich die, die schon eine Person im Auge haben, sagen wir einen Sportler, Künstler, Nobelpreisträger. Wenn Spendersamen dieser Personen am Markt erhältlich sind, verschwenden sie keinen Gedanken an mögliche Alternativen. Es gibt heute Prominente, vor allem unter Sportlern und Schauspielern, die es durch den Verkauf ihrer Samen auf Hunderte von Kindern in der ganzen Welt gebracht haben ...'" Dass das genetische Material solcher Nachkommen selbstverständlich zur Rettung kranker Eltern gereichen kann, ist heute nur eine vielleicht perfide, im Zeitalter der "Sexy Sons" aber selbstverständliche Einstellung.
Der promovierte Biologe Kegel weiß wovon er schreibt und er versteht es meisterlich, komplizierte Erkenntnisse moderner Genetik und Reproduktionsbiologie in einfache Dialoge und spannende Erzählstränge zu binden. Mit einer lapidaren, gleichsam beiläufigen Sprache führt er uns - ohne moralisch erhobenen Zeigefinger - vor Augen, welchen moralischen Preis wir für den Fortschritt zu zahlen bereit sind. jk

Bernhard Kegel: "Sexy Sons", Ammann Verlag, Zürich 2001, 22 Euro ad
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Letzte Änderung: 01.07.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik