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RUBENS 72 1. Juli 2002

Lebenslügen

Editorial

Wolfgang Clement hat es geschafft, mit dem Stichwort "Studiengebühren" alle gegen sich aufzubringen - und eine Debatte auszulösen, in der es von Lebenslügen nur so wimmelt. Einige Kostproben gefällig?
Da ist die Lebenslüge (LL) Gerechtigkeit: Studiengebühren müssten bis 2004/05 den Landesetat sichern helfen, weil die "Hochschulen durch den Qualitätspakt besser als alle anderen öffentlichen Einrichtungen gestellt und von Haushaltsrestriktionen ausgenommen sind ..." Dabei sind es doch die Hochschulen, die mit dem Qualitätspakt eine Vorleistung erbrachten - sie sparen 2.000 Stellen ein!
Da sind die LL, Studiengebühren würden "Langzeitstudierende zu einem ergebnisorientierten Studium veranlassen", die "Hochschulen entlasten und der Volkswirtschaft Vorteile bringen." Wer im 16., 19. oder gar 30. Semester ist, hat sich innerlich zumeist von der Uni verabschiedet. Langzeitstudierende belasten die Unis nicht, weil sie ihre Leistungen nicht in Anspruch nehmen. Ob die Volkswirtschaft wirklich einen Vorteil hat, wenn Studierende aus Kostengründen wieder auf den PKW umsteigen, ist nicht bewiesen.
Da ist die LL, Studiengebühren verteuerten den Sozialbeitrag und das Semesterticket. Den Sozialbeitrag subventionieren viele, die die Leistungen der Studentenwerke gar nicht wahrnehmen. Und der Preis fürs Semesterticket müsste nur neu ausgehandelt werden, weil viel weniger auf ihn Anspruch hätten. Am härtesten träfe es den AStA; dessen Etat ließe kräftig Federn.
Gebühren für Langzeitstudierende bereinigten höchstens die Statistiken - 49 Prozent unserer Studierenden sind im 13. oder einem höheren Hochschulsemester. Wir zählten dann nicht 35.000, sondern 26.000, vielleicht sogar nur 20.000 Studierende (in Baden-Württemberg sank die Zahl der Studierenden nach Einführung von Studiengebühren um 44 Prozent!) - und befreiten uns von der LL "Massenuniversität".
Da ist die LL, Studierende könnten sich 50 Euro im Semester nicht leisten und müssten deshalb mehr als bisher nebenbei arbeiten. Studierende arbeiten nicht nur, um sich ihr Studium zu finanzieren. Bewusster Lebensplan vieler ist ein Wochenrhythmus aus je einem Drittel Studium, Arbeit und Freizeit. Längst müsste sich deswegen die Uni auch von der LL "Regelstudium = Vollzeitstudium" befreien und Teilzeitstudien anbieten.
Und da ist die LL, mit Gebühren könnten Studierende als Kunden die Leistungen der Hochschulen steuern. Wer das sagt, schwärmt meist von den USA und verschweigt, dass Amerikaner 15 Prozent oder weniger Einkommensteuer zahlen - wir in Deutschland aber 35, 40 oder sogar 45 Prozent. Daher rufen wir doch dauernd: "Der Staat soll es richten" - übrigens auch eine LL, denn der Staat sind wir alle.
Ach, eine LL hätte ich fast vergessen: Dass jetzt, wo die 50 Euro vom Tisch sein sollen, Clement nicht andere Teile des Hochschulhaushalts kappen könnte ... jk
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Letzte Änderung: 01.07.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik