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RUBENS 71 1. Juni 2002

Frauen auf der Pazifikinsel Palau

RUB Studie: Veränderung von Macht im Geschlechterverhältnis

Wie entwickeln sich patriarchale Machtverhältnisse in sozialen Wandlungs- und Modernisierungsprozessen? Dieser viel diskutierten Frage der Geschlechterforschung ist Dr. Claudia Lauterbach (Fakultät für Sozialwissenschaft) in ihrer Dissertation "Von Frauen, Machtbalance und Modernisierung - Das etwas andere Geschlechterverhältnis auf der Pazifikinsel Palau" nachgegangen. Ihre Arbeit, die im Verlag Leske und Budrich erschienen ist, beweist: Erst die Einflüsse von Kolonisierung und Modernisierung haben die Machtbalance zwischen Frauen und Männern auf der Insel ins Wanken gebracht.

Vormodernes Paradies

"Die vormoderne Gesellschaft von Palau war eine geschlechterbalancierte Gesellschaft", stellt Claudia Lauterbach nach ihrer Rekonstruktion anhand älterer Forschungsberichte und neuerer Literaturquellen fest. Frauen und Männer waren unterschiedlich, aber gleichwertig in Entscheidungen des sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Lebens einbezogen. Frauen erwarben durch Tauschgeschäfte Geld und Güter und hatten daher eine hohe ökonomische Bedeutung. Ihre Rolle wurde balanciert durch eine politische Führungs- und Repräsentationsfunktion ranghoher männlicher Oberhäupter. Weibliche Oberhäupter hatten wiederum das Wahl- und Absetzungsrecht gegenüber den männlichen.
Dieses Gefüge wurde durch die Kolonisierung der Insel durcheinandergebracht. Palau gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zum Hoheitsgebiet von Spanien, das die Inseln an Deutschland verkaufte. Zu Beginn des 1. Weltkrieges bekam Japan das Mandat über die palauanischen Inseln und verlor es nach dem 2. Weltkrieg an die USA, unter deren Treuhandschaft Palau bis 1993 stand. Seit 1994 ist Palau ein unabhängiger Inselstaat.
Die Geschichte der Kolonisierung und Modernisierung in Palau zeigt eindrucksvoll den sozialen Wandel und die Veränderung des Geschlechterverhältnisses in der kleinen Inselgesellschaft. Die Patriarchalisierung entwickelte sich u.a. durch das Verbot weiblichen Gelderwerbs durch sexuelle Dienste, durch Abtreibungsverbot und neue Kleinfamilienformen. Weitere Faktoren waren die Einführung der Lohnarbeit für Männer, der Einsatz von männlichen Führungspersonen und die Zentralisierung von politischen Entscheidungsstrukturen.
Die stärkste Verschiebung in der früheren Machtbalance zwischen den Geschlechtern ist bei politischen Entscheidungen spürbar: Das Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern ist im modernen politischen Staat einer eindeutigen Dominanz von Männern gewichen. Nur wenige palauanische Frauen haben hohe politische Ämter. Die Grenzen direkter politischer Einflussnahme von Frauen zeigte sich im vergeblichen Kampf einer Gruppe ranghoher älterer Frauen um den Erhalt des atomwaffenfreien Status in der palauanischen Verfassung, der auch internationales Aufsehen erregte.

Über 40 Interviews

In über 40 Interviews mit palauanischen Frauen und Männern zeigt Dr. Lauterbach die augenblickliche, erneut gewandelte Situation auf Palau: Trotz der Patriarchalisierung ermöglichen strukturelle Voraussetzungen, dass Frauen Machtfelder auch in Modernisierungsprozessen behaupten oder sogar ausweiten können. So öffnete ihre hohe ökonomische Bedeutung Frauen den Zugang zu guter Bildung und Berufstätigkeit, die über entlohnte Hilfen im Haushalt abgesichert ist. Die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen ist gering, und immer noch wird innerhalb der Familien die reproduktive Arbeit von Frauen entlohnt, ebenso die eheliche Sexualität. Die ökonomisch bedeutende Rolle von palauanischen Frauen zeigt sich auch darin, dass sie als Ehefrauen den Lohn der Männer und das Familieneinkommen verwalten.
Das Buch hilft beim Verständnis von Prozessen der Patriarchalisierung und zeichnet ein differenziertes Bild der Inselgesellschaft von Palau, indem es die Interpretationen palauanischer Frauen ernst nimmt, sie aber auch kritisch hinterfragt. Nicht zuletzt ermöglicht das Buch die Begegnung mit Frauen, für die weibliche Stärke und Partizipation selbstverständlich sind und die sich deshalb in den Prozess der Modernisierung einschalten. md
Claudia Lauterbach: "Von Frauen, Machtbalance und Modernisierung". Reihe Geschlecht und Gesellschaft, Hg. Ilse Lenz u. a., Leske+Budrich, Opladen 2001, 278 S., € 20,-
Wir verlosen das Buch unter allen, die uns bis zum 24.6.02 eine Postkarte schicken: RUBENS, Pressestelle der RUB, UV 3/366, 44780 Bochum. Stichwort ist die Antwort auf die Frage "Wer vertrat die RUB in Kabul?"


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Letzte Änderung: 31.05.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik