Frauen
auf der Pazifikinsel Palau
RUB
Studie: Veränderung von Macht im Geschlechterverhältnis
Wie entwickeln sich patriarchale
Machtverhältnisse in sozialen Wandlungs- und Modernisierungsprozessen?
Dieser viel diskutierten Frage der Geschlechterforschung ist Dr. Claudia
Lauterbach (Fakultät für Sozialwissenschaft) in ihrer Dissertation
"Von Frauen, Machtbalance und Modernisierung - Das etwas andere Geschlechterverhältnis
auf der Pazifikinsel Palau" nachgegangen. Ihre Arbeit, die im Verlag
Leske und Budrich erschienen ist, beweist: Erst die
Einflüsse von Kolonisierung und Modernisierung haben die Machtbalance
zwischen Frauen und Männern auf der Insel ins Wanken gebracht.
Vormodernes Paradies
"Die vormoderne Gesellschaft von Palau war eine geschlechterbalancierte
Gesellschaft", stellt Claudia Lauterbach nach ihrer Rekonstruktion
anhand älterer Forschungsberichte und neuerer Literaturquellen fest.
Frauen und Männer waren unterschiedlich, aber gleichwertig in Entscheidungen
des sozialen, ökonomischen, kulturellen und politischen Lebens einbezogen.
Frauen erwarben durch Tauschgeschäfte Geld und Güter und hatten
daher eine hohe ökonomische Bedeutung. Ihre Rolle wurde balanciert
durch eine politische Führungs- und Repräsentationsfunktion
ranghoher männlicher Oberhäupter. Weibliche Oberhäupter
hatten wiederum das Wahl- und Absetzungsrecht gegenüber den männlichen.
Dieses Gefüge wurde durch die Kolonisierung der Insel durcheinandergebracht.
Palau gehörte Ende des 19. Jahrhunderts zum Hoheitsgebiet von Spanien,
das die Inseln an Deutschland verkaufte. Zu Beginn des 1. Weltkrieges
bekam Japan das Mandat über die palauanischen Inseln und verlor es
nach dem 2. Weltkrieg an die USA, unter deren Treuhandschaft Palau bis
1993 stand. Seit 1994 ist Palau ein unabhängiger Inselstaat.
Die Geschichte der Kolonisierung und Modernisierung
in Palau zeigt eindrucksvoll den sozialen Wandel und die Veränderung
des Geschlechterverhältnisses in der kleinen Inselgesellschaft. Die
Patriarchalisierung entwickelte sich u.a. durch das Verbot weiblichen
Gelderwerbs durch sexuelle Dienste, durch Abtreibungsverbot und neue Kleinfamilienformen.
Weitere Faktoren waren die Einführung der Lohnarbeit für Männer,
der Einsatz von männlichen Führungspersonen und die Zentralisierung
von politischen Entscheidungsstrukturen.
Die stärkste Verschiebung in der früheren Machtbalance zwischen
den Geschlechtern ist bei politischen Entscheidungen spürbar: Das
Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern ist im modernen politischen
Staat einer eindeutigen Dominanz von Männern gewichen. Nur wenige
palauanische Frauen haben hohe politische Ämter. Die Grenzen direkter
politischer Einflussnahme von Frauen zeigte sich im vergeblichen Kampf
einer Gruppe ranghoher älterer Frauen um den Erhalt des atomwaffenfreien
Status in der palauanischen Verfassung, der auch internationales Aufsehen
erregte.
Über 40 Interviews
In über 40 Interviews mit palauanischen Frauen und Männern
zeigt Dr. Lauterbach die augenblickliche, erneut gewandelte Situation
auf Palau: Trotz der Patriarchalisierung ermöglichen strukturelle
Voraussetzungen, dass Frauen Machtfelder auch in Modernisierungsprozessen
behaupten oder sogar ausweiten können. So öffnete ihre hohe
ökonomische Bedeutung Frauen den Zugang zu guter Bildung und Berufstätigkeit,
die über entlohnte Hilfen im Haushalt abgesichert ist. Die Lohndifferenz
zwischen Männern und Frauen ist gering, und immer noch wird innerhalb
der Familien die reproduktive Arbeit von Frauen entlohnt, ebenso die eheliche
Sexualität. Die ökonomisch bedeutende Rolle von palauanischen
Frauen zeigt sich auch darin, dass sie als Ehefrauen den Lohn der Männer
und das Familieneinkommen verwalten.
Das Buch hilft beim Verständnis von Prozessen der Patriarchalisierung
und zeichnet ein differenziertes Bild der Inselgesellschaft von Palau,
indem es die Interpretationen palauanischer Frauen ernst nimmt, sie aber
auch kritisch hinterfragt. Nicht zuletzt ermöglicht das Buch die
Begegnung mit Frauen, für die weibliche Stärke und Partizipation
selbstverständlich sind und die sich deshalb in den Prozess der Modernisierung
einschalten. md
Claudia Lauterbach: "Von Frauen, Machtbalance und
Modernisierung". Reihe Geschlecht und Gesellschaft, Hg. Ilse Lenz
u. a., Leske+Budrich, Opladen 2001, 278 S., € 20,-
Wir verlosen das Buch unter allen, die uns bis zum
24.6.02 eine Postkarte schicken: RUBENS, Pressestelle der RUB, UV 3/366,
44780 Bochum. Stichwort ist die Antwort auf die Frage "Wer vertrat
die RUB in Kabul?"
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