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Artikel » Ausgabe 71 »Archiv » RUBENS » Pressestelle » Ruhr-Universität
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RUBENS 71 1. Juni 2002

Kabuler Kooperation

Interview: Eine Woche Afghanistan

Die seit 1966 bestehende Partnerschaft der RUB mit der Uni Kabul ruht seit der Besetzung Afghanistans durch die UdSSR (1979). Jetzt wird sie wiederbelebt, gleiches gilt für die gesamten wissenschaftlichen Kooperationen Deutschlands mit Afghanistan. Deshalb besuchte Ende April eine zwölfköpfige DAAD-Delegation Kabul. Mit dabei war Dr. Wilhelm Löwenstein, Geschäftsführer des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik (IEE) der RUB. Er ist zuständig für die Kooperation der deutschen Wirtschaftsfakultäten mit Kabul und versuchte eine Bestandsaufnahme an der dortigen Wirtschaftsfakultät: Infrastruktur, Personal, Lehrplan, Studierende. Mit Löwenstein sprach Arne Dessaul.

RUBENS: Welche Eindrücke haben Sie in Kabul gesammelt?
Löwenstein: Schon die Anreise in einer zivilen A-310 der Bundeswehr nach Usbekistan war ungewohnt. Nach einem längeren Aufenthalt ging es weiter mit einer uralten Transall nach Kabul. Dort ist der Stadtkern kaum zerstört. Der Basar ist gut bestückt: Nahrungsmittel aller Art, Kleidung, Computer und DVD-Player. Die Präsenz von Hilfsorganisationen, insbesondere von deutschen, ist bemerkenswert. Größter Kabuler Arbeitgeber ist das THW mit Bauprojekten, finanziert aus Mitteln der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. An vielen Orten in Kabul wird gebaut, gehandelt, produziert.

"Überall fehlen Strom, Wasser und Heizung"

RUBENS: Und die Uni?
Löwenstein: Dort, wo - vom Stadtkern abgehend - die Ausfallstraßen starten, beginnen auch die massiven Zerstörungen. Die Uni liegt in einem völlig zerstörten Stadtviertel als grüne Oase mit kaum beschädigten Gebäuden. Allerdings fehlen überall Strom, Wasser und Heizung.

RUBENS: Wie sah es an der Wirtschaftsfakultät aus?
Löwenstein: Die Fakultät verfügt über mehrere Seminarräume für je etwa 50 Studierende, die aber mit keiner funktionsfähigen Bestuhlung oder Tafel ausgerüstet sind. Die Fakultätsbibliothek ist in einem erstaunlich guten Zustand. Die deutschen, englischen, französischen und russischen Bücher decken den wirtschaftswissenschaftlichen Kanon bis Mitte der 1970er-Jahre ab. Hinzu kommen einige deutsche und englische Neuanschaffungen aus den Jahren 1995 bis 2000 sowie ein paar ins Dari übersetzte Lehrbücher, die noch aus der Zeit der aktiven Partnerschaft zwischen Kabul, Bochum, Bonn und Köln datieren.

RUBENS: Was ist mit den Dozenten und den Studierenden?
Löwenstein: An der Fakultät sind 19 Dozenten angestellt, davon drei im Rang eines Professors. Daneben lehren der Minister für Wiederaufbau, Dr. Amin Fahang (ein Ex-Bochumer), dessen Staatssekretär, Prof. Shahidi (vor zwei Jahren zu Besuch an der RUB auf DAAD-Einladung), sowie der Staatssekretär im Ministerium für höhere Bildung, Dr. Mangal. Ende April waren an der Fakultät 200 Studierende im vierjährigen Bachelorprogramm eingeschrieben. Zum nächsten Semester werden 500 Neueinschreibungen erwartet. Die Uni hat sich auch in schwierigen Zeiten immer wieder um einen mindestens improvisierten Studienbetrieb bemüht. An der Wirtschaftsfakultät feierten während unseres Besuches die Studierenden des Einschreibungsjahrgangs 1990 mit ihren Dozenten ihren Abschluss - nach zwölfjähriger, immer wieder unterbrochener Studienzeit.

Notpakete

RUBENS: Gab es konkrete Ergebnisse für die RUB?
Löwenstein: Die RUB ist der Uni Kabul seit August 1966 partnerschaftlich verbunden. Seit der Besetzung Afghanistans durch sowjetische Truppen im Jahr 1979 ruht sie. Rektor Prof. Dietmar Petzina hat signalisiert, dass im Rektorat Konsens über die Reaktivierung der Partnerschaft besteht. Das IEE plant fürs Jahr 2002 - unterstützt durch den DAAD - folgende Maßnahmen: In den nächsten Wochen werden erste "Notpakete" mit Büchern für die Wiederaufnahme des Studienbetriebs an der Wirtschaftsfakultät nach Kabul geliefert. Außerdem werden afghanische Kollegen deutsche Lehrbücher und Skripte ins Dari übersetzen.
Viele der afghanischen Kolleginnen und Kollegen haben in schwieriger Zeit in Afghanistan ausgeharrt und hatten keine Möglichkeiten zu internationalen Kontakten. Deshalb finanziert der DAAD im Herbst und Winter 2002 thematische Kurzschulen an deutschen Unis, zu denen afghanische Hochschulangehörigen - in den dortigen Semesterferien - eingeladen werden. Das IEE wird zwei solcher Kurzschulen in Bochum ausrichten.
Schließlich planen DAAD und IEE die personelle Unterstützung der Wirtschaftsfakultät in Kabul durch die Einrichtung von Lang- und Kurzzeitdozenturen.
Allerdings können die Kooperationspläne nur dann umgesetzt werden, wenn sie von drei Ministerien sowie von der Afghan Assistance Coordination Authority gebilligt werden. Weitere Unsicherheiten ergeben sich aus der im Juni geplanten Loya Jirga, einer Versammlung gesellschaftlicher Gruppen, die über die Zusammensetzung der künftigen Übergangsregierung Afghanistans entscheidet. Das könnte dazu führen, dass Posten in der Spitze von Ministerien - aber auch der Universität - neu besetzt werden. Damit könnten alle Absprachen mit den heutigen Entscheidungsträgern durch die neuen Amtsinhaber geprüft und gegebenenfalls neu entschieden werden.

RUBENS: Die Unterstützung geht aber zunächst weiter?
Löwenstein: Ja, wir planen sogar langfristig. Afghanische Dozenten sollen Lehr- und Lernmaterialien aus dem IEE-Blackboardsystem erhalten. Geplant ist die Integration junger Kabuler Dozenten ins IEE-Programm Master of Arts in Development Management (MDM). Einige MDM-Module sollen nach Kabul exportiert werden, das geht bis zum kumulativen Erwerb des Bochumer MA in Kabul. Angedacht sind auch gemeinsame politiknahe Forschungen mit dem als An-Institut im Entstehen begriffenen National Policy Research Center.

ad
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Letzte Änderung: 31.05.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik