Kabuler
Kooperation
Interview:
Eine Woche Afghanistan
Die seit
1966 bestehende Partnerschaft der RUB mit der Uni Kabul ruht seit der Besetzung
Afghanistans durch die UdSSR (1979). Jetzt wird sie wiederbelebt, gleiches
gilt für die gesamten wissenschaftlichen Kooperationen Deutschlands
mit Afghanistan. Deshalb besuchte Ende April eine zwölfköpfige
DAAD-Delegation Kabul. Mit dabei war Dr. Wilhelm Löwenstein, Geschäftsführer
des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik (IEE)
der RUB. Er ist zuständig für die Kooperation der deutschen Wirtschaftsfakultäten
mit Kabul und versuchte eine Bestandsaufnahme an der dortigen Wirtschaftsfakultät:
Infrastruktur, Personal, Lehrplan, Studierende. Mit Löwenstein sprach
Arne Dessaul.
RUBENS: Welche Eindrücke haben Sie in Kabul gesammelt?
Löwenstein: Schon die Anreise in einer zivilen A-310 der Bundeswehr
nach Usbekistan war ungewohnt. Nach einem längeren Aufenthalt ging
es weiter mit einer uralten Transall nach Kabul. Dort ist der Stadtkern
kaum zerstört. Der Basar ist gut bestückt: Nahrungsmittel aller
Art, Kleidung, Computer und DVD-Player. Die Präsenz von Hilfsorganisationen,
insbesondere von deutschen, ist bemerkenswert. Größter Kabuler
Arbeitgeber ist das THW mit Bauprojekten, finanziert aus Mitteln der deutschen
Entwicklungszusammenarbeit. An vielen Orten in Kabul wird gebaut, gehandelt,
produziert.
"Überall fehlen Strom, Wasser und Heizung"
RUBENS: Und die Uni?
Löwenstein: Dort, wo - vom Stadtkern abgehend - die Ausfallstraßen
starten, beginnen auch die massiven Zerstörungen. Die Uni liegt in
einem völlig zerstörten Stadtviertel als grüne Oase mit
kaum beschädigten Gebäuden. Allerdings fehlen überall Strom,
Wasser und Heizung.
RUBENS: Wie sah es an der Wirtschaftsfakultät
aus?
Löwenstein: Die Fakultät verfügt über mehrere Seminarräume
für je etwa 50 Studierende, die aber mit keiner funktionsfähigen
Bestuhlung oder Tafel ausgerüstet sind. Die Fakultätsbibliothek
ist in einem erstaunlich guten Zustand. Die deutschen, englischen, französischen
und russischen Bücher decken den wirtschaftswissenschaftlichen Kanon
bis Mitte der 1970er-Jahre ab. Hinzu kommen einige deutsche und englische
Neuanschaffungen aus den Jahren 1995 bis 2000 sowie ein paar ins Dari
übersetzte Lehrbücher, die noch aus der Zeit der aktiven Partnerschaft
zwischen Kabul, Bochum, Bonn und Köln datieren.
RUBENS: Was ist mit den Dozenten und den Studierenden?
Löwenstein: An der Fakultät sind 19 Dozenten angestellt, davon
drei im Rang eines Professors. Daneben lehren der Minister für Wiederaufbau,
Dr. Amin Fahang (ein Ex-Bochumer), dessen Staatssekretär, Prof. Shahidi
(vor zwei Jahren zu Besuch an der RUB auf DAAD-Einladung), sowie der Staatssekretär
im Ministerium für höhere Bildung, Dr. Mangal. Ende April waren
an der Fakultät 200 Studierende im vierjährigen Bachelorprogramm
eingeschrieben. Zum nächsten Semester werden 500 Neueinschreibungen
erwartet. Die Uni hat sich auch in schwierigen Zeiten immer wieder um
einen mindestens improvisierten Studienbetrieb bemüht. An der Wirtschaftsfakultät
feierten während unseres Besuches die Studierenden des Einschreibungsjahrgangs
1990 mit ihren Dozenten ihren Abschluss - nach zwölfjähriger,
immer wieder unterbrochener Studienzeit.
Notpakete
RUBENS: Gab es konkrete Ergebnisse für die
RUB?
Löwenstein: Die RUB ist der Uni Kabul seit August 1966 partnerschaftlich
verbunden. Seit der Besetzung Afghanistans durch sowjetische Truppen im
Jahr 1979 ruht sie. Rektor Prof. Dietmar Petzina hat signalisiert, dass
im Rektorat Konsens über die Reaktivierung der Partnerschaft besteht.
Das IEE plant fürs Jahr 2002 - unterstützt durch den DAAD -
folgende Maßnahmen: In den nächsten Wochen werden erste "Notpakete"
mit Büchern für die Wiederaufnahme des Studienbetriebs an der
Wirtschaftsfakultät nach Kabul geliefert. Außerdem werden afghanische
Kollegen deutsche Lehrbücher und Skripte ins Dari übersetzen.
Viele der afghanischen Kolleginnen und Kollegen haben in schwieriger Zeit
in Afghanistan ausgeharrt und hatten keine Möglichkeiten zu internationalen
Kontakten. Deshalb finanziert der DAAD im Herbst und Winter 2002 thematische
Kurzschulen an deutschen Unis, zu denen afghanische Hochschulangehörigen
- in den dortigen Semesterferien - eingeladen werden. Das IEE wird zwei
solcher Kurzschulen in Bochum ausrichten.
Schließlich planen DAAD und IEE die personelle Unterstützung
der Wirtschaftsfakultät in Kabul durch die Einrichtung von Lang-
und Kurzzeitdozenturen.
Allerdings können die Kooperationspläne nur dann umgesetzt werden,
wenn sie von drei Ministerien sowie von der Afghan Assistance Coordination
Authority gebilligt werden. Weitere Unsicherheiten ergeben sich aus der
im Juni geplanten Loya Jirga, einer Versammlung gesellschaftlicher Gruppen,
die über die Zusammensetzung der künftigen Übergangsregierung
Afghanistans entscheidet. Das könnte dazu führen, dass Posten
in der Spitze von Ministerien - aber auch der Universität - neu besetzt
werden. Damit könnten alle Absprachen mit den heutigen Entscheidungsträgern
durch die neuen Amtsinhaber geprüft und gegebenenfalls neu entschieden
werden.
RUBENS: Die Unterstützung geht aber zunächst
weiter?
Löwenstein: Ja, wir planen sogar langfristig. Afghanische Dozenten
sollen Lehr- und Lernmaterialien aus dem IEE-Blackboardsystem erhalten.
Geplant ist die Integration junger Kabuler Dozenten ins IEE-Programm Master
of Arts in Development Management (MDM). Einige MDM-Module sollen nach
Kabul exportiert werden, das geht bis zum kumulativen Erwerb des Bochumer
MA in Kabul. Angedacht sind auch gemeinsame politiknahe Forschungen mit
dem als An-Institut im Entstehen begriffenen National Policy Research
Center.
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