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RUBENS 71 1. Juni 2002

Reise in die Nachkriegszeit

Bauingenieure in Ex-Jugoslawien

"Nach dem Krieg - das ist für die Leute in Ex-Jugoslawien in den neunziger Jahren. Das kennen wir ja so gar nicht", stellt Prof. Günther Schmid (Fakultät für Bauingenieurwesen, Theorie der Tragwerke und Simulationstechnik) nach seiner Reise in die Balkanregion fest. Den prägendsten Eindruck hat aber nicht der schlechte Zustand der Gebäude hinterlassen - Hotel ohne Heizung, undichte Fenster, schlafen wie in der Skihütte - sondern die Gastfreundschaft der Leute. "Die fahren auch mal 300 Kilometer zum Flughafen, um Gäste abzuholen," erzählt er beeindruckt.
Man merkt: Er reist gern nach Ex-Jugoslawien, und dazu wird er künftig noch oft Gelegenheit haben, denn die Bauingenieure der RUB kooperieren rege mit ihren Kollegen in Skopje, Sarajewo und Nis. Ende Januar eröffneten sie gemeinsam mit der politischen Prominenz des Landes den neuen Studiengang "Earthquake Engineering" in Skopje, wo die Erde nicht selten bebt und deshalb erdbebensichere Gebäude entwickelt werden müssen. Rund 30 Studierende aus Albanien, Bosnien und Herzegowina sowie Restjugoslawien hat der neue Studiengang. Dafür und für Forschungsprojekte wurde eigens das Datenerfassungssystem des Erdbebensimulationstisches (s. Foto) angeschafft - hier zeigte sich die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) großzügig. Und im Oktober soll der erfolgreiche RUB-Masterstudiengang "Computational Engineering" an die Universität Nis exportiert werden. Die Wissenschaftler sind schon dabei, Skripte zu übersetzen und ein Computernetzwerk aufzubauen, über das Vorlesungen online übertragen werden sollen. Außerdem werden die Lehrenden zu Blockveranstaltungen selbst an die beteiligten Unis reisen, und Schmid hofft auf einen regen Studierendenaustausch. Für das aktuelle Computational Engineering-Studium sind bereits 21 Studierende aus der Balkanregion an der RUB. Die meisten haben DAAD-Stipendien und wollen nach dem Abschluss wieder in ihre Heimatländer zurück. Einen ansehnlichen Teil der Arbeit von Prof. Schmid und seinen Mitarbeitern macht übrigens der Papierkrieg aus, denn das Reisen von Ex-Jugoslawien ist noch immer beschwerlich. Reisewillige müssen nicht nur ein Einladungsschreiben vorlegen, sie warten bisweilen auch bis zu sechs Monate auf ein Visum von Kroatien nach Serbien.
Die Aktivitäten der Bochumer Bauingenieure gehören zum dreijährigen DAAD-Programm "Akademischer Wiederaufbau Südosteuropa", das wiederum Teil des EU-Stabilitätspakts Südosteuropa ist. Die langjährige Partnerschaft zwischen den Unis in Bochum und Nis war wegen des Balkan-Krieges eingefroren. "Anfang 1999 habe ich den Kontakt wieder aufgenommen", erzählt Prof. Schmid, "zunächst habe ich jüngere Kollegen angesprochen, die ich von früher kannte. Man wusste ja nicht: Wer arbeitet überhaupt noch da?" Damals, noch zu Milosevics Zeiten, fand er komplizierte Verhältnisse vor: Einige Kollegen waren im Widerstand, politische Ansichten prallten aufeinander, es gab Schwierigkeiten mit dem damaligen Dekan. Die EU wollte keine Forschungsfördermittel nach Serbien geben. Noch vor der Revolution in Serbien entscheid der DAAD dann, trotz der turbulenten Zeiten den Kontakt zur Region zu halten. "Zum Glück, denn den kompetenten Forschern dort fehlen die nötigen Mittel", so Schmid. Die jungen Leute, die dort arbeiten, sind noch weitgehend dieselben wie vor dem Krieg. Vier ehemalige Gastdoktoranden sind heute Professoren, drei von ihnen arbeiten am Austauschprogramm mit. "Auffällig sind nur die Lebensläufe der Studierenden", so Dipl.-Ing. Vera Feldhaus, Mitarbeiterin des Lehrstuhls. "Viele haben sieben oder acht Jahre bis zum Diplom gebraucht, der Krieg hat eine Lücke gerissen." Diese Lücke schnell zu schließen, daran arbeiten die Bauingenieure.md ad
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Letzte Änderung: 31.05.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik