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RUBENS 71 1. Juni 2002

Herz aus Blei

Serie: Medizinhistorische Sammlung

Dynamisch umschlingen sich die mit Kalkmörtel gefüllten Bleirohre. Die abrupten, wie mit einem scharfen Messer geschnittenen Enden markieren sie als Teil eines größeren Ganzen. Während die Röhren die Assoziation von Adern wecken, spiegelt ihre zentrale Komposition auf den ersten Blick die Form des Herzens wider. Doch nicht die äußere Gestalt, sondern die Funktion des Herzens, die schnellen und langsamen Strömungsprozesse in diesem Zentralorgan des Kreislaufs standen für den bekannten Bochumer Bildhauer Friedrich Gräsel im Mittelpunkt, als er das gut 30 cm hohe Kunstwerk "Herz der Livia 1" 1988 produzierte. Ausgangsmaterial für diese Plastik waren industriell vorgefertigte Bleirohre, deren Herkunft durch den neuen Kontext in den Hintergrund tritt und einem spezifischen, ästhetisch aufgeladenen neuen Leben Platz macht.
Die Arbeit mit industriell produzierten Normteilen, wie Asbestzement- und Keramikröhren, hatte das Schaffen des Künstlers schon seit den 1960er-Jahren geprägt. Blei als Material probierte Friedrich Gräsel aber erstmals innerhalb seines "Arbeitsfeldes Herz" Ende der 1980er-Jahre aus, angeregt durch die antiken römischen Wasserleitungen aus Blei in der Casa Livia, der die Plastik auch ihren Namen verdankt. Der "Kalkmörtel" hat in diesem Kunstwerk eine doppelte Funktion: Einmal sorgt er für die Stabilität, die das weiche Blei allein nicht herstellen kann, zum anderen spielt es auf die pathologischen Veränderungen an, die im Organismus die Funktion des Herzens stören und im Extremfall zum Erliegen bringen können.
Das "Arbeitsfeld Herz" knüpft in vielerlei Hinsicht an Gräsels älteres Arbeitsfeld "Industrie-Norm und Kunst-Form" an, das durch einige Großplastiken auf dem Gelände der RUB vertreten ist. Spezifisch für das "Arbeitsfeld Herz" ist aber die Auseinandersetzung mit den "Herz-Produktionen" anderer Disziplinen. Anatomisch-morphologische Studien prägten Gräsels Kunstwerke ebenso wie die ontogenetischen Herz-Strömungsstudien des Heidelberger Pathologen Klaus Goerttler und die Arbeiten der Bochumer Medizinhistorikerin Irmgard Müller zur "Herkunft und Bedeutung des Organmotivs des Hl. Ansanus."
Die im "Arbeitsfeld Herz" geschaffenen Zeichnungen, Plastiken und Collagen veränderten sich stetig. Standen zunächst Herz- oder Herz-Lungen-Motive im Mittelpunkt, so folgten Herz-Lungen-Luftröhren-Motive und schließlich "Konjekturen" von Herz-Formen und Herz-Zeichen aus verschiedenen Kulturen und Zeiten. Eine Vielzahl dieser Objekte war bereits 1997 in Bochum zu sehen: in der Ausstellung "Herz - Rätsel in Wissenschaft und Kunst", die von der Medizinhistorischen Sammlung und der Abteilung für Geschichte der Medizin gemeinsam mit Friedrich Gräsel und Klaus Goerttler im Malakowturm realisiert worden war.
Das "Herz der Livia 1" gehört zu einer Gruppe von 15 Plastiken und Zeichnungen, die Gräsel der Medizinhistorischen Sammlung im Oktober 2001 schenkte. Gemeinsam mit weiteren Kunstwerken, die den Kunstsammlungen der RUB übereignet wurden, bilden sie die "Friedrich-Gräsel-Schenkung für Wissenschaft und Kunst". Ihr Ziel ist es, die interdisziplinäre Arbeit mit den Produkten von Wissenschaft und Kunst zu fördern, ein Ziel, für das die beiden universitären Sammlungen die besten Voraussetzungen bieten. Anlässlich der Übergabe der Schenkung sind die Kunstwerke ab dem 12. Juni in den Kunstsammlungen zu sehen.
Über die Objekte des "Arbeitsfeldes Herz" von Friedrich Gräsel informiert der Katalog zur Ausstellung "Herz - Rätsel in Wissenschaft und Kunst", der über die Abteilung für Geschichte der Medizin für 14,30 Euro bestellt werden kann (Tel. -23394 oder www.ruhr-uni-bochum.de/malakow/ ); im Internet können alle Kunstwerke der Stiftung zum "Arbeitsfeld Herz" virtuell besichtigt werden. Stefan Schulz, Medizinhistorische Sammlung
Öffnungszeiten Kunstsammlungen der RUB: Di- Fr 12-17, Sa/So 10-18 h
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Letzte Änderung: 31.05.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik