Blinder Augenblick
Neue
visuelle Zellgruppe entdeckt
In die Tiefe des Gehirns gingen der Neurobiologe Prof. Dr. Klaus-Peter
Hoffmann und sein Team, um ein Jahrzehnte altes Problem zu erforschen:
"Warum kann unser Gehirn Eigen- und Fremdbewegung unterscheiden,
lautet die grundsätzliche Frage", sagt Hoffmann. In
Experimenten mit Affen entdeckten die Forscher nun Nervenzellen, die während
schneller Augenbewegungen ihre Funktion umkehren. Sie sorgen dafür,
dass wir flimmerfrei sehen können, obwohl die Augäpfel nie stillstehen.
Für den Bruchteil einer Sekunde sind wir scheinbar blind, wenn sich
die Augen schnell bewegen (Fachbegriff: Sakkade) - und das etwa zwei bis
drei Mal pro Sekunde. Es sind die schnellsten Bewegungen, die der Körper
machen kann. Unbekannt war bislang der Mechanismus, der uns dennoch stabil
sehen lässt. Denn eigentlich müsste im Gehirn das gleiche verwackelte
Bild entstehen wie bei einer Videoaufnahme, wenn die Kamera permanent
bewegt wird.
Eine mögliche Erklärung lautete, dass die Gehirnbereiche, die
unsere Augen bewegen, eine Warnung in das visuelle System senden, um die
Wahrnehmung kurzzeitig zu unterdrücken. Schon früh wurde diese
Annahme mit Affen getestet. In dem damals einzig gut untersuchten Gehirnareal
der Sehbahn fanden sich jedoch keine Hinweise darauf, dass die Nervenzellen
bei einer Sakkade ein Warnsignal erhalten. Klaus-Peter Hoffmann, Dr. Alexander
Thiele, Michael Kubischik und Dr. Peter Henning (Allgemeine Zoologie und
Neurobiologie) untersuchten daher die tiefer gelegenen Areale MT und MST,
die hoch spezialisiert sind auf komplexe Bewegungsreize und diese detailliert
verarbeiten.
Die Versuchstiere sollten einen unbewegten Punkt vor buntem Hintergrund
ansehen und dann die Augen auf einen zweiten Lichtpunkt bewegen, also
eine typische Sakkade machen. In einem zweiten Experiment blickten die
Affen wieder auf einen still stehenden Lichtpunkt, lediglich der Hintergrund
bewegte sich - damit simulierten die Forscher die Bildverschiebung, die
sich bei der Sakkade im Auge ergibt. Nun kam es darauf an, welche Nervenzellen
die beiden Aktivitäten - Bewegung der Augen und Bewegung des Hintergrunds
- unterscheiden konnten.
Die Forscher fanden Neuronen, die ihre Richtungspräferenz
umkehren können. Nervenzellen z. B., die auf Bewegungen nach
rechts spezialisiert sind, reagieren während der Sakkade auf Bewegungen
nach links. Wird dieses Signal vermischt mit dem anderer Nervenzellen,
die ihre Orientierung beibehalten, so kann das Gehirn die widersprüchlichen
Informationen nicht mehr eindeutig interpretieren. Die Folge: Es nimmt
gar kein bewegtes Bild wahr.
Vor diesen Experimenten ging die Neurobiologie davon aus, dass Nervenzellen
ihre Vorzugsrichtung für bewegte Reize nicht ändern. Das neue
Forschungsergebnis widerlegt diese Annahme. Die gefundene Zellgruppe ist
ein anschauliches Beispiel, wie unser Gehirn Informationen dynamisch verarbeitet.
jw
Info: Klaus-Peter Hoffmann, Tel. -24363, kph@neurobiologie.ruhr-uni-bochum.de
Selbstexperiment mit Sakkaden
Probieren Sie mal ein Experiment: Stellen Sie sich vor einen Spiegel
und schauen Sie auf eines ihrer Augen. Dann schauen Sie auf das andere
Auge, wieder auf das erste und noch mal wechseln: Was haben Sie gesehen?
Ihre Augen, aber nicht ihre Bewegung. Wiederholen Sie dieses Experiment
mit jemandem, der Ihnen über die Schultern schaut - diese Person
wird keine Probleme haben, Ihre Augenbewegung zu sehen.
Drei Fragen an, drei Antworten von Prof. Hoffmann
"Teils enthusiastisch, teils skeptisch"
RUBENS: Welche Resonanz haben Sie bisher auf Ihre
Forschungsergebnisse erhalten, nachdem sie in "Science" veröffentlicht
wurden?
Hoffmann: In der Wissenschaftsgemeinschaft wird es noch ein, zwei Monate
dauern, bis Reaktionen kommen. Die Resonanz in der Fachpresse war jedenfalls
groß, "Nature Reviews" hat nach "Science" auch
darüber berichtet. Die Wissenschaftler, die unsere Ergebnisse vor
der Veröffentlichung in "Science" gelesen haben, waren
teils enthusiastisch, teils skeptisch - wie es sich eben für Wissenschaft
gehört.
RUBENS: Haben Sie Ihre Forschungen zusammen mit
der International Graduate School for Neuroscience (IGSN) durchgeführt?
Hoffmann: Die Experimente haben wir schon vor der Gründung der IGSN
gemacht, sie stammen noch aus der Zeit des Graduierten-Kollegs "KogNet"
und vor allem aus unserem Sonderforschungsbereich "Neurovision".
Die Ergebnisse haben wir natürlich mit den Kollegen in der IGSN diskutiert.
Solche interdisziplinären Einrichtungen sind eine Grundvoraussetzung
für gute Forschung - und sie profilieren natürlich den Standort
Bochum.
RUBENS: Wie geht es den Versuchstieren?
Hoffmann: Gut. Es gehört zu den Nachweispflichten, dass wir zu unseren
Ergebnissen auch die Anatomie liefern: Früher geschah das nach dem
Ableben der Versuchstiere, heute einfach per Computertomographie.
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