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RUBENS
- Zeitschrift der Ruhr-Universität
Nachrichten, Berichte und Meinungen
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Fortschrittliche Tradition
Ein
Michaelmas Term in Oxford
Zum zweiten
Mal nach 1999/2000 berichtet Nadine Schöneck in RUBENS von einem längeren
Auslandsaufenthalt. Seinerzeit war die Studentin der Sozialwissenschaft
in Texas, diesmal in Oxford.
Einer der größten Vorzüge der akademischen Ausbildung ist
meiner Meinung nach das geradezu institutionalisierte Recht auf Experiment,
Erfahrung und Erkenntnis. Jeder Studierende sollte sich dieses Rechts bewusst
sein - und wenigstens ein Semester studierend im Ausland verbringen. Es
ist der Blick über den Tellerrand des allzu wohlvertrauten Mensaessens
an der ebenso vertrauten Alma Mater; es ist eine grandiose Horizonterweiterung.
Ich nutzte diese Chance zweimal: Das Studienjahr 1999/2000 verbrachte ich
mit einem MAUI-Teilstipendium an der University of Texas at Austin (RUBENS
52), und im vergangenen Wintersemester studierte ich ein Trimester lang
in Oxford. Die University of Oxford zählt mit ihrer über 800 Jahre
langen Geschichte und ihren relativ wenigen Studierenden (etwa 16.000, davon
ein Drittel graduates) zu den traditionsreichsten und angesehensten Universitäten
weltweit. Entsprechend zieht Oxford leistungsbereite und - das sollte nicht
verschwiegen werden - wohlhabende Studierende aus aller Welt an. Einmalig
ist die Atmosphäre, eine bemerkenswerte Mischung aus Tradition und
Fortschritt, Ehrfurcht und Stolz.
Zugegeben, ich hatte niemals mit Oxford geliebäugelt, und nach dem
Jahr in den USA kam ein weiterer längerer Auslandsaufenthalt zu Studienzwecken
nicht mehr in Frage - jedenfalls nicht vor Abschluss meines Sowi-Studiums
an der RUB. Aber es hatte sich so ergeben: Für die engagierte Unterstützung
meiner Fakultät sowie der wohlgesonnenen Weichenstellung der großen
Schicksalskontrollinstanz bin ich sehr dankbar.
Den Michaelmas Term 2001 (Oktober bis Dezember) studierte ich also in Oxford,
wo ein Studienjahr aus drei Trimestern besteht: Michaelmas, Hilary und Trinity
Term. ERASMUS/SOKRATES versorgte mich mit einem
Studiengebührenerlass sowie einer eher symbolischen Beihilfe zur Deckung
der in Oxford überaus hohen Lebenshaltungskosten. Ich nutzte
die Zeit meines Aufenthaltes zur Vorbereitung meiner Diplomarbeit und zur
Wissensvertiefung in meiner Lieblingsdisziplin, der Soziologie. Ein wahres
Highlight waren die extrem arbeitsintensiven, aber äußerst effizienten
und wöchentlich stattfindenden tutorials, die mir eine Doktorandin
der Soziologie exakt zum Themenbereich meiner geplanten Diplomarbeit gab.
Tutorials, so sagte man mir, seien eine Besonderheit des Lehrbetriebs in
Oxford und in Cambridge.
Eine weitere Besonderheit stellt das zunächst schwer nachvollziehbare
System aus University, Colleges und Departments dar: Die University steht
über Allem, ist der Oberbegriff für das, was man als Oxonian bezeichnet.
In den 39 Colleges sind die Studierenden beheimatet. Hier findet die Sozialisation
im Oxford style statt - z. B. in Form gemeinsamer Abendessen und Empfänge.
Die Departments (Fakultäten, Institute) sind die eigentlichen akademischen
Einrichtungen.
Ich war junior member des St Cross College, einem erst 1965 gegründeten
College für graduate students. Senior members (oder fellows) sind die
Forschenden und Lehrenden eines Colleges. Die
Betreuung der junior members, insbesondere der new students, ist erstklassig
und innig - sie könnte manchem freiheitsliebenden Studierenden sogar
zuviel des Guten sein ... Jedem Neuling wird ein junior sponsor,
ein am College erfahrener Studierender, sowie ein senior sponsor, ein fellow,
zugeordnet. Diese Beistände halten in aller Regel engen Kontakt zum
Neuling in Oxford.
Während das Lernen am Department erfolgt, spielt sich das Leben im
College ab. Neben Sport - allem voran Rudern! - wird jede Menge Kultur auf
höchstem Niveau geboten. Ungewöhnlich sind die am St Cross College
stattfindenden, äußerst stilvollen College Halls. Nach einem
Gebet in lateinischer Sprache isst man gemeinsam bei Kerzenschein zu Abend,
selbstverständlich in gown (im Talar). Des weiteren werden in jedem
Trimester zahlreiche special dinners angeboten.
Das Lernen und Leben in Oxford hat mir so gut gefallen, dass ich gegenwärtig
über eine mögliche Rückkehr zur Promotion nachdenke. Noch
ist dies Zukunftsmusik, aber Träumen sollte ja erlaubt sein ... Nadine
Schöneck
Infos über Oxford: nadine.schoeneck@ruhr-uni-bochum.de
oder: www.ox.ac.uk
ad
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