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RUBENS 69 2. April 2002

Baumtänzer

Michael Dohlen erstellt Stoffbilanz für Bochums Wälder

Acht Plastiktrichter ragen aus dem Waldboden in der Bömmerdelle (Langendreer) heraus. Die Trichter sind an Holzpflöcken befestigt und erregen das Interesse der Spaziergänger und ihrer Hunde. Wer sich nähert, wird per Brief informiert, warum sie dort stehen: Der Diplomgeograph Michael Dohlen nennt die Trichter "Dispositionssammler" und hat sie auf lichte und stark bewaldete Flächen verteilt. Er misst den Eintrag an (Schad-)Stoffen: Was kommt aus der Luft und dringt später in den Waldboden ein?
Im Brief nennt Dohlen die Begriffe "Saurer Regen" und "Waldsterben", damit die Spaziergänger seine Arbeit einordnen können. Vor allem bittet er explizit darum, seine selbst gebastelten Sammler nicht zu zerstören - was bereits mehrfach passierte. Deshalb hat er die wertvolleren sechs Bodensaugkerzen im Boden vergraben, damit sie niemand sieht.
Mit den Kerzen samt Schläuchen und Sammelbehältern misst Dohlen den Austrag; er stellt also fest, welche Stoffe sich im Boden befinden. "Durch die lange industrielle Tätigkeit ist der Boden hier sehr sauer", erklärt der 30-Jährige und bestimmt zum Beweis mittels Pehameter den zuvor aus 60 cm Tiefe geschaufelten Lößboden. Die Probe färbt sich knallrot. "In so einem sauren Boden lösen sich Schwermetalle, dringen tief nach unten und gefährden so Baumbestand und Grundwasser", erläutert Dohlen.

Knallrote Probe

An drei Messpunkten erstellt er für seine Dissertation (betreut von Prof. Thomas Schmitt, Geographisches Institut - GI) eine "Stoffbilanz in urbanen Wäldern Bochums": Dafür ermittelt Dohlen den Eintrag atmosphärischer Stoffe, ihren Verbleib, ihre Wege im Ökosystem sowie ihre Auswirkungen auf den Stoffhaushalt. Dohlens Stationen sind denen der Waldschadensforschung angepasst, aber für den städtischen Bereich modifiziert. Urbane Waldflächen unterscheiden sich von naturnahen Wäldern durch ihre Nähe zu Emittenten und einem starken Besucherdruck.
Neben jener in der Bömmerdelle unterhält Dohlen zwei Messstellen im Bochumer Norden: eine an der Bergener Mühle und eine auf einer Abräumhalde an der A 40. Einmal pro Woche fährt der gebürtige Duisburger die drei Plätze an und entleert seine ober- und unterirdischen Sammelbehälter. Für den Tanz um die Bäume ist er einen ganzen Tag lang unterwegs. Einen weiteren Tag beansprucht die Laboranalyse der Proben. Dohlen macht alles allein und ist zudem mit einer halben Stelle in die Arbeit an seinem Lehrstuhl (Physische Geographie und Geoökologie) eingebunden.
Sein Umweltforschungsprojekt begann im vergangenen Sommer, als er geeignete Stellen für seine Messungen suchte. "Flächen von Industrieunternehmen schieden von vornherein aus", erinnert er sich, "Die Unternehmen wollten die Ergebnisse unbedingt als Erstes sehen - wohl aus Angst, dass ihr Boden zu sehr verseucht war." So blieben nur die Waldflächen der Stadt Bochum übrig. Für die drei gewählten Plätze sprach letztlich der "Bierdosen-Index", den Dohlen augenzwinkernd so beschreibt: "Je mehr Dosen herumlagen, desto größer war die Gefahr, dass sich dort potenzielle Vandalen trafen."

"Bierdosen-Index"

Mindestens zwei Jahre sollen die Messungen noch dauern. Dann steht die Bilanz für Dohlens Messstellen. Mit Hilfe von mathematischen Modellen und Geographischen Informationssystemen wird sie auf den gesamten Bochumer Waldbestand hochgerechnet, der immerhin sechs Prozent der Stadtfläche einnimmt.
Damit dürfte Dohlens Dissertation zwar fertig sein, ihre Ergebnisse werden jedoch weiterverwendet. Sie werden mit den Daten anderer, vom GI im Stadtgebiet errichteter Messstellen verknüpft, u. a. mit denen der Ökobilanzstation auf dem RWE-Kraftwerksgelände in Weitmar. Dort werden Stoff- und Energieströme (z. B. Schwermetalle, Stickstoff und Wasser) erfasst und bilanziert (RUBENS 68). Ziel des gesamten Projekts am GI ist eine Zustandsdiagnose von Ökosystemen in urban-industriellen Verdichtungsräumen, kurz gesagt: eine "Stoffbilanz für Bochum".
Obwohl Michael Dohlen erst am Anfang seiner Arbeit steht, ist er sich bereits sicher, dass der Bochumer Wald geschädigt ist. Anhand des aktuellen Waldschadensberichtes 2001 kann nichts anderes erwartet werden: "Der Bericht hat mal wieder die seit Jahren herrschende Belastung und Schädigung der Deutschen Wälder offenbart: Zwei Drittel der Wälder weisen erkennbare und ein Drittel deutliche Schäden auf", zitiert er, betrachtet kurz einen Spaziergänger mit Hund und überlegt, ob seinen Dispositionssammlern Gefahr droht. ad

ad
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Letzte Änderung: 01.04.2002| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik