Baumtänzer
Michael
Dohlen erstellt Stoffbilanz für Bochums Wälder
Acht Plastiktrichter ragen aus dem Waldboden in der Bömmerdelle
(Langendreer) heraus. Die Trichter sind an Holzpflöcken befestigt
und erregen das Interesse der Spaziergänger und ihrer Hunde. Wer
sich nähert, wird per Brief informiert, warum sie dort stehen: Der
Diplomgeograph Michael Dohlen nennt die Trichter "Dispositionssammler"
und hat sie auf lichte und stark bewaldete Flächen verteilt. Er
misst den Eintrag an (Schad-)Stoffen: Was kommt aus der Luft und dringt
später in den Waldboden ein?
Im Brief nennt Dohlen die Begriffe "Saurer Regen" und "Waldsterben",
damit die Spaziergänger seine Arbeit einordnen können. Vor allem
bittet er explizit darum, seine selbst gebastelten Sammler nicht zu zerstören
- was bereits mehrfach passierte. Deshalb hat er die wertvolleren sechs
Bodensaugkerzen im Boden vergraben, damit sie niemand sieht.
Mit den Kerzen samt Schläuchen und Sammelbehältern misst Dohlen
den Austrag; er stellt also fest, welche Stoffe sich im Boden befinden.
"Durch die lange industrielle Tätigkeit ist der Boden hier sehr
sauer", erklärt der 30-Jährige und bestimmt zum Beweis
mittels Pehameter den zuvor aus 60 cm Tiefe geschaufelten Lößboden.
Die Probe färbt sich knallrot. "In so einem sauren Boden lösen
sich Schwermetalle, dringen tief nach unten und gefährden so Baumbestand
und Grundwasser", erläutert Dohlen.
Knallrote Probe
An drei Messpunkten erstellt er für seine Dissertation (betreut
von Prof. Thomas Schmitt, Geographisches Institut - GI) eine "Stoffbilanz
in urbanen Wäldern Bochums": Dafür
ermittelt Dohlen den Eintrag atmosphärischer Stoffe, ihren Verbleib,
ihre Wege im Ökosystem sowie ihre Auswirkungen auf den Stoffhaushalt.
Dohlens Stationen sind denen der Waldschadensforschung angepasst, aber
für den städtischen Bereich modifiziert. Urbane Waldflächen
unterscheiden sich von naturnahen Wäldern durch ihre Nähe zu
Emittenten und einem starken Besucherdruck.
Neben jener in der Bömmerdelle unterhält Dohlen zwei Messstellen
im Bochumer Norden: eine an der Bergener Mühle und eine auf einer
Abräumhalde an der A 40. Einmal pro Woche fährt der gebürtige
Duisburger die drei Plätze an und entleert seine ober- und unterirdischen
Sammelbehälter. Für den Tanz um die Bäume ist er einen
ganzen Tag lang unterwegs. Einen weiteren Tag beansprucht die Laboranalyse
der Proben. Dohlen macht alles allein und ist zudem mit einer halben Stelle
in die Arbeit an seinem Lehrstuhl (Physische Geographie und Geoökologie)
eingebunden.
Sein Umweltforschungsprojekt begann im vergangenen Sommer, als er geeignete
Stellen für seine Messungen suchte. "Flächen von Industrieunternehmen
schieden von vornherein aus", erinnert er sich, "Die Unternehmen
wollten die Ergebnisse unbedingt als Erstes sehen - wohl aus Angst, dass
ihr Boden zu sehr verseucht war." So blieben nur die Waldflächen
der Stadt Bochum übrig. Für die drei gewählten Plätze
sprach letztlich der "Bierdosen-Index", den Dohlen augenzwinkernd
so beschreibt: "Je mehr Dosen herumlagen, desto größer
war die Gefahr, dass sich dort potenzielle Vandalen trafen."
"Bierdosen-Index"
Mindestens zwei Jahre sollen die Messungen noch dauern. Dann steht die
Bilanz für Dohlens Messstellen. Mit Hilfe von mathematischen Modellen
und Geographischen Informationssystemen wird sie auf den gesamten Bochumer
Waldbestand hochgerechnet, der immerhin sechs Prozent der Stadtfläche
einnimmt.
Damit dürfte Dohlens Dissertation zwar fertig sein, ihre Ergebnisse
werden jedoch weiterverwendet. Sie werden mit den Daten anderer, vom GI
im Stadtgebiet errichteter Messstellen verknüpft, u. a. mit denen
der Ökobilanzstation auf dem RWE-Kraftwerksgelände in Weitmar.
Dort werden Stoff- und Energieströme (z. B. Schwermetalle, Stickstoff
und Wasser) erfasst und bilanziert (RUBENS
68). Ziel des gesamten Projekts am GI ist eine
Zustandsdiagnose von Ökosystemen in urban-industriellen Verdichtungsräumen,
kurz gesagt: eine "Stoffbilanz für Bochum".
Obwohl Michael Dohlen erst am Anfang seiner Arbeit steht, ist er sich
bereits sicher, dass der Bochumer Wald geschädigt ist. Anhand des
aktuellen Waldschadensberichtes 2001 kann nichts anderes erwartet werden:
"Der Bericht hat mal wieder die seit Jahren herrschende Belastung
und Schädigung der Deutschen Wälder offenbart: Zwei Drittel
der Wälder weisen erkennbare und ein Drittel deutliche Schäden
auf", zitiert er, betrachtet kurz einen Spaziergänger mit Hund
und überlegt, ob seinen Dispositionssammlern Gefahr droht. ad
ad
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