| Der Hörsaal lebt | |
| Ortstermine im HGC 10: Eine Studie über die Vorlesung im 21. Jahrhundert | |
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| Bevor wir - mittels dreier Ortstermine und einem Interview
- den Themenkomplex "Hörsaal/Vorlesung im 21. Jahrhundert"
erforschen, möchten wir uns mit dem Versuchsobjekt HGC 10 in Ruhe vertraut
machen. Und besuchen ihn deshalb in den Semesterferien. Wir beginnen oben
links, besetzen den Klappstuhl unter dem Schalter für die Panikbeleuchtung.
Lassen uns vom Tischbrett über den Disput zweier Menschen erzählen.
Er verfasste ein schmutziges Gedicht über Juristenfrauen. Sie schrieb
"Sexisten aufs Maul" darüber. Hinten im Hörsaal schmiert
man überhaupt munter drauf los, in Saalmitte sind die Bretter fast
leer; ganz vorn wird gar nichts aufs Brett gebracht. Alles sauber. Sauber
ist auch das in hellem Holz und Metall gehaltene Stehpult auf der Empore.
Von hier aus also blicken die Dozierenden in bis zu 336 Gesichter ... Montagmittag, Einführung in die Soziologie: Die teilnehmende Beobachtung beginnt. Über allem soll die Frage schweben: Funktioniert das - in Zeiten virtueller Räume - archaische Prinzip der realen Vorlesung überhaupt noch? Wenn man den Dozenten nicht wegklicken kann? Der erste Versuchsaufbau besteht aus 300 Studierenden nebst Prof. Strohmeier. Obwohl noch Plätze frei sind, sitzen Studierende auf der Treppe. Das ist praktischer, wenn man zwischendurch kurz raus muss. Herr Strohmeier behandelt Bank- und Treppensitzende gleich - freundlich. Leger steht er hinterm Pult, hellgraue Weste, Hand in der Hosentasche, referiert über Selbstmord, Marx, mechanische und organische Soziologie. Schreibt an die Tafel, legt Folien auf, antwortet auf Fragen: "Sie müssen nichts lesen. Wenn etwas zu schwierig ist, lesen Sie es halt nicht." Ganz ohne Unterton; freundlich, wie gesagt. Europarecht mit Cocktails "Was ist Europarecht, meine Damen, meine Herren?" Prof. Puttler
düst dynamisch zwischen Tafel und Projektor hin und her und zeigt
plötzlich ins Auditorium. "Sie da in der Mitte, die Dame mit
dem Halstuch!" Gemurmel. "Schütteln Sie nicht den Kopf!"
Lautes Gemurmel. "Ich erwarte, dass Sie hier mitdenken und nicht
locker den Tag ausklingen lassen." Genau das tun aber zwei junge
Männer auf der Treppe. Trotz Trinkverbot schwenken sie prall gefüllte
Cocktailgläser. Die Drinks zuzüglich Musik serviert die Firma
Ernst + Young im Foyer des HGC. Warum das ausgerechnet während und
genau neben der am Dienstagnachmittag stattfindenden Vorlesung "Europarecht
I" sein muss, bleibt unklar. Den Jurastudierenden jedenfalls gefällt
es. Viele der 300 pendeln zwischen Foyer und HGC 10. Heute ist das Studentenleben
mal lustig. Nur nicht für den "blonden jungen Mann in Reihe
zwei", den Frau Puttler - unbeirrt vom Treiben im Foyer - nun ins
Visier genommen hat: "Was ist nun: das Europarecht?" Kein Klick nötig Prof. Folkers hat prima geschätzt, gut 250 angehende Ökonomen
möchten sich am Mittwochvormittag über "Finanzwissenschaft
II" informieren. Die Mobiltelefone liegen parat, ansonsten wird fleißig
notiert. Folkers steht am Projektor und erläutert anhand verwirrender
Diagramme positive wie negative Effekte rund um Einkommen, Substitution,
Wohlfahrt und Anreiz. Er spricht frei und wirkt kompetent - kein Grund
zu erkennen, ihn wegzuklicken. Zusammen mit dem freundlichen Sowi und
der dynamischen Juristin hält er ein plastisches Plädoyer für
die reale Vorlesung - und den Hörsaal. ad |
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| 01.02.2002 |