Auf der Suche nach den letzten Sprechern
   
  Linguist Prof. Himmelmann erforscht auf Timor bedrohte Sprachen
 
 
Lóvaia gibt es bald nicht mehr: Die Osttimoresische Sprache ist so gut wie ausgestorben, und fast hätte niemand ihr Verschwinden bemerkt. Dann wäre es ihr ergangen wie vielen anderen Sprachen. Fremde Sprachen, die wir nicht verstehen, klingen für uns alle gleich. Das ist vielleicht einer der Gründe, warum wir nicht bemerken, wie schnell viele Sprachen einfach verschwinden - ist der letzte Sprecher oder die letzte Sprecherin gestorben, ist es so, als hätte es die Sprache nie gegeben. Über 6.000 Sprachen gibt es weltweit, schätzt die UNESCO. Ende dieses Jahrhunderts sind es möglicherweise nur noch 600. Die meisten Sprachen werden nur von kleinen Gemeinschaften gesprochen und daher leicht verdrängt - rund drei Viertel der Menschheit sprechen eine von 40 Sprachen. An der Spitze stehen Chinesisch (Mandarin), Englisch und Spanisch, gefolgt von Hindi, Arabisch, Russisch, Portugiesisch, Bengali, Japanisch, Französisch und Deutsch.
Der Linguist Prof. Nikolaus Himmelmann (Sprachwissenschaftliches Institut der RUB) gehört zu den Wissenschaftlern, die Sprachen erforschen und dokumentieren, bevor es zu spät ist. Er hat im Frühjahr 2001 die letzten Einwohner Osttimors kennen gelernt, die noch Lóvaia sprechen - ein Glücksfall; hätte der Bürgerkrieg, der im Jahre 2000 beendet wurde, angedauert, wäre seine Forschungsreise nach Timor vermutlich zu spät gekommen. 300 Sprecher sollte es angeblich noch geben, "doch in Wirklichkeit sind es nur noch fünf bis acht", schätzt Himmelmann, und alle sind über 70 Jahre alt. Sie sind die Nachkommen von Einwanderern, die in den letzten 200 bis 300 Jahren Osttimor besiedelt und ihre Muttersprache zugunsten der heimischen Sprachen nach und nach aufgegeben haben.
"Bevor meine Kollegen und ich nach Osttimor gegangen sind, war nicht klar, ob es Lóvaia überhaupt noch gibt und woher die Sprache stammt", sagt Himmelmann. Jetzt scheint klar, dass Lóvaia eine austronesische Sprache ist, also zu der Sprachfamilie gehört, die sich vor Jahrtausenden von China aus über fast den gesamten pazifischen Raum bis nach Neuseeland ausgebreitet hat.
Die Beurteilung der Sprachkenntnis der letzten Lóvaia-Sprecher war nicht einfach. "Ich spreche Indonesisch, das war meine Kontaktsprache", erklärt Himmelmann. Von dieser Basis ausgehend, hat er die Feldforschungsmethoden der Sprachwissenschaft angewandt: Durch gezielte Fragen nach Gegenständen und der phonetischen Umschrift der gelernten Wörter kann der Linguist das Lautsystem der Sprache analysieren. Durch Textaufnahmen, die er übersetzen lässt, erkennt er Sprachstrukturen und kann die Sprache schließlich von anderen unterscheiden und Rückschlüsse auf die Sprachkenntnis verschiedener Sprecher ziehen - und auf die Herkunft der Sprache selbst. Wie Lóvaia genau funktioniert hat, werden die Wissenschaftler allerdings wohl nicht mehr herausfinden: Die verbliebenen Sprecher beherrschen die Sprache nicht mehr sicher. Schriftliche Aufzeichnungen gibt es nicht.
Auch die übrigen (noch zu zählenden) Sprachen Osttimors will Himmelmann dokumentieren - gemeinsam mit seinen australischen Kollegen Dr. John Bowden (Australian National University) und Prof. John Hajek (University of Melbourne). Manche Sprachen wie Fataluku sind weit verbreitet. Und Tetum, so hat Himmelmann herausgefunden, ist weiter verbreitet als gedacht. Daher ist Tetum, zusammen mit Portugiesisch, offizielle Staatssprache in Osttimor geworden. Genau darin liegt eine gewisse Ironie: Die Portugiesen haben während der Kolonialzeit den Osttimoresen ihre eigene Sprache nicht aufgezwungen, auch die Annektierung Osttimors durch Indonesien hat die einheimischen Sprachen nicht verdrängt. "Jetzt aber, wo Osttimor unabhängig ist, werden die kleinen Sprachen weniger; den Einwohnern wird ihre eigene Kultur quasi weniger wichtig", ahnt Himmelmann. Damit folgt Osttimor dem Globalisierungstrend, durch den viele Sprachen verschwinden. Die Situation, wie wir sie in Europa kennen - man lernt eine Sprache als Muttersprache - ist allerdings zum Glück für die Forscher noch nicht erreicht: In Osttimor lernen die Kinder von klein auf zwei bis drei verschiedene Sprachen.
Die Dokumentation von Sprachen wie Lóvaia ist kein Selbstzweck: Wissenschaftler können "Sprachstammbäume" erstellen, also die Verwandtschaft heutiger Sprachen bestimmen und deren Vorläufer rekonstruieren. Dadurch können sie interessante Aufschlüsse über Migrationsbewegungen gewinnen, die zur heutigen Besiedlungssituation der Weltbevölkerung geführt haben. Christina Heimken

Informationen über Osttimor
Timor ist die größte der Kleinen Sundainseln im Südpazifik, 33.600 qkm groß, mit 1,5 Mio. Einwohnern. Bereits im 17. Jahrhundert wurde die Insel zwischen den Kolonialmächten Portugal und Niederlande geteilt. Der niederländische Südwestteil wurde 1949 indonesisch. Portugiesisch-Timor (Osttimor) wurde im Dezember 1975 von indonesischen Truppen besetzt; 1976 gliederte sich Indonesien dieses Gebiet als Provinz an. Unter UN-Vermittlung entstand 1999 ein indonesisch-portugiesisches Abkommen über ein Referendum auf Osttimor, bei dem rund 80 % für die Unabhängigkeit votierten. Daraufhin terrorisierten proindonesische Milizen mit Unterstützung der Armee die Bevölkerung. Im September 1999 landete eine internationale Friedenstruppe auf Osttimor, das (nachdem Indonesien im Oktober 1999 die Annexion der Inselhälfte annulliert hatte) unter eine UN-Übergangsverwaltung gestellt wurde; 2001 wurde das UN-Verwaltungsmandat verlängert. ad
   
   
   
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01.02.2002