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Regelmäßig versuchen sich ARD und ZDF in Dokumentarreihen
zu herausragenden geschichtlichen Ereignissen; häufig wird dabei
das "Dritte Reich" beleuchtet. Auch für die im April startende
Serie "Karrieren im Zwielicht" (ARD) bildet die Zeit von 33
bis 45 den Ausgangspunkt. Die Serie schlägt allerdings den Bogen
weit in die Zeit der Bundesrepublik Deutschland (BRD) - und zeigt in erschreckender
Vielzahl Kontinuitäten auf. Quelle
der ARD-Serie ist das an der RUB (Neuere und Neueste Geschichte, Prof.
Norbert Frei) entstandene Buch "Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten
nach 1945".
Frei und seine studentischen Mitarbeiter zeigen an fünf Berufsgruppen,
wie einfach es auch für hohe Nazifunktionsträger war, in der
BRD wieder Fuß zu fassen. KZ-Ärzte, Nazi-Richter
oder SS-Mitglieder lenkten jahrzehntelang die Geschicke der jungen Demokratie:
als Minister, als Ministerpräsident, als Bundesrichter etc. Einige
übernahmen die neuen Wertvorstellungen, andere behielten ihre alten
Ansichten bei. Letzteres gilt für viele Mediziner, die Tobias Freimüller
unter die Lupe nimmt. Menschenversuche, Euthanasie und Rassenlehre bestimmten
die Nazi-Wissenschaft, die verantwortlichen Mediziner forschten nach 1945
oft unbehelligt weiter. Auch deshalb, weil diejenigen, die es hätten
verhindern können, selbst genug Dreck am Stecken hatten: andere Mediziner,
Juristen, Journalisten. Gerade bei Medizinern und Juristen verhinderte
zudem das Standesdenken ein Anklagen von Berufsgenossen. So unterblieb
das (gerichtliche) Verurteilen insbesondere unter Juristen weitgehend,
wie der Beitrag von Marc von Miquel zeigt. Die Juristen machten es sich
einfach: Eine Verurteilung zum Tode wegen eines kleinen Diebstahls entsprach
dem NS-Recht - der seinerzeit urteilende Richter kann dafür nicht
nachträglich belangt werden.
Kontinuitäten gab es auch im Journalismus. Wer bis 1945 noch für
"Das Reich" Propaganda- und Hetzartikel schrieb, fand nach 1945
ohne Probleme beim "Stern" oder bei der "ARD" eine
neue Beschäftigung - viele solcher Karrieren benennt Matthias Weiß.
Zu erwarten waren diese Muster beim Militär (untersucht von Jens
Scholten). Nach zehn armeelosen Jahren meldeten sich die alten Hasen von
Ost- und Westfront zackig zum Dienst, als es galt, die neue Bundeswehr
aufzubauen; wer bereits tot war, nach dem wurde eine Kaserne benannt.
Ebenso stetig verliefen die Lebensläufe der deutschen Unternehmer
(von Tim Schanetzky analysiert): einmal Industriekapitän, immer Industriekapitän
oder Oberbanker oder Kanzlerberater - die Experten (selbst in den Nürnberger
Prozessen abgeurteilte) wurden überall in großer Zahl gebraucht,
galt es doch, das Wirtschaftswunder zu verwirklichen.
Natürlich wurden (u.a.) in Nürnberg viele NS-Täter verurteilt,
z. T. zum Tode. Gerade dies jedoch diente der Legende, Verantwortung für
die NS-Herrschaft habe lediglich eine kleine Clique von Parteifunktionären,
SS und Gestapo getragen - während der Rest gehorchen musste. Zudem
beschäftigte sich die deutsche Gesellschaft in den 50er- und 60er-Jahren
sowieso lieber mit dem Wirtschaftswunder als mit der jüngsten Vergangenheit.
Eine Wende leiteten die Studentenproteste
Ende der 60er-Jahre ein, mit denen die ernsthafte Vergangenheitsbewältigung
einsetzte - die andauert, wie Wehrmachtsausstellung und Zwangsarbeiterentschädigung
beweisen. Auch diese Aspekte beleuchtet das lesenswerte
Buch in kleinen Exkursionen. ad
Norbert Frei (Hg.): Karrieren im Zwielicht.
Hitlers Eliten nach 1945. Campus Verlag, 370 S. 25,50 Euro
Diskussion
Anlässlich der Buchveröffentlichung findet
am 5. Februar (14 h, HMA 20) die Podiumsdiskussion "Zwischen Quote
und Katheder" statt, an der neben den Autoren auch Kanzler Gerhard
Möller, Vertreter des Campus Verlages sowie der ARD teilnehmen; Interessierte
sind hierzu herzlich eingeladen.
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