Wo ist der Mittelbau?
   
  Bochumer Hochschulball 2001
 
 
Ende November, Gastronomie am Stadtpark: Der Abend beginnt traditionell mit einem heiteren Schlange stehen im Regen und einem ersten Check-up, was dieses Jahr an Haute Couture angesagt ist. Mein Kennerblick erhascht schwarz - geschlitzt, gerafft, dekolletiert, aber immer schwarz. Nachdem die Türen geöffnet werden, stürmen die Stärksten und Schnellsten in den Saal. Vorbei an brav an der Garderobe Anstehenden, geht es auf in den Kampf, um einen guten Tisch. Man beachte: Der Tisch an sich kann gut und schlecht sein. Und wenn ein schlechter Tisch ergattert wurde, muss Mann sich den ganzen Abend anhören, dass andere Artgenossen besser sind in dieser Disziplin. Ein herber Schlag, der nur durch heldenhafte Zuckungen auf der Tanzfläche wieder gutgemacht werden kann. Aber eins nach dem anderen.
Der Hochschulball findet wie üblich auf drei Ebenen statt. Im Hauptsaal gibt es vier Häuptlingstische, um die wird sich nicht gestritten. Hier sitzt, wer sich um die vier Hochschulen verdient gemacht hat (warum bleibt einer der vier fast frei?). Die anderen, die noch nach diesen Ehren streben, hocken an den restlichen Tischen, murmeln ungeduldig, während einer der Häuptlinge versucht eine Rede zu halten, und stürzen auf das Büffet, sobald der Anstand es zulässt oder vielmehr sich die ersten Anstandslosen ihre Teller füllen. Mann/Frau schaufelt auf den glücklich ergatterten, glühend heißen Teller, was nacheinander angerichtet wurde. Leider steht direkt neben dem Kalb das Tiramisu, was als Kombination kulinarisches Erstaunen hervorruft. Schilder, die die Köstlichkeiten erklären sollen, werden gänzlich missachtet. Hier geht es nicht um eine ausgewogene Mahlzeit, sondern darum, ob am Ende des Abends - gemessen am Eintrittsgeld - genug verköstigt wurde.
Auf der unteren Ebene geht es dagegen sehr gesittet zu. Mit Wiener Schmäh wird am Tisch serviert. Wer, von einer anderen Ebene kommend, die köstliche Sachertorte ergattern will, muss ebensolchen Schmäh bei den Kellnerinnen anwenden. Die dritte Ebene ist das krasse Gegenteil. Cocktailbar, spanisches Büffet, Stehtische und Discolicht lassen vermuten, dass es hier zur späteren Stunde heiß hergehen wird. Das ist sowieso das Überraschendste an diesem Abend. Neben gutem Essen, leckerem Wein, Musik (ohne Adjektiv, da Ansichtssache) und vielen anderen Darbietungen, geht es erstaunlich locker zu. Anfängliche Spuren von Steifheit lösen sich schnell auf. Selbst der gesittetste Professor fühlt sich bald wie Tom Jones, und die Studierenden mischen sich fröhlich unter das sonst eher ergraute Volk. Der Sänger robbt und rockt, laut Wolfgang Petry grölend, über die Bühne, während alle im Saal nach der "Hölle" rufen. Dieses Ritual war mir bis dato unbekannt.
Schon entdecke ich ein weiteres seltsames Phänomen: Wo ist der Mittelbau? Wo sind die Menschen zwischen 30 und 45? Was ist das für eine Art Ball, was für eine Gesellschaft, die ihre produktivsten Mitglieder ausschließt? Oder wollen die etwa nicht? Müssen die Samstagabends etwa arbeiten? Versorgt der BAT sie nicht gut? Oder glauben sie, das wäre eine langweilige, steife Angelegenheit? Keinesfalls! Kommt doch im nächsten Jahr mal mit und überzeugt euch selbst. Es ist ganz anders als ihr denkt! Und vielleicht geht es beim nächsten Mal auch ohne Petry. Britta Freis
   
   
   
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02.01.2002