Vom Leidbild zum Leitbild
   
  Auftaktveranstaltung von "pro personal"
 
  Von typisch universitärer Skepsis geprägt war die Auftaktveranstaltung "Ein Leitbild für Technik und Veraltung" am 29. Oktober im Musischen Zentrum. Wer als einer der letzten den Vorraum betrat, konnte auf einer Pinnwand mit einem Blick sofort erkennen, dass die Teilnehmer ihre grünen Antwortpunkte auf die Frage "Kriegen wir das hin" gleichmäßig zwischen den Polen "auf jeden Fall" und "auf keinen Fall" verteilt hatten.
Etwa 110 von weit mehr als 500 waren der Einladung der neuen Stabstelle des Kanzlers "pro personal" gefolgt - einige, um sich ihr Misstrauen bestätigen zu lassen, zahlreiche, um aktiv an notwendigen Veränderungen mitzuarbeiten, weil "es so nicht weitergehen kann". Schließlich gab es jene, die aus reiner Neugierde gekommen waren, um zu erfahren, was da wohl passieren werde. Skeptisch war man, ob das Vorhaben gelingen könne - und doch waren die meisten Anwesenden davon überzeugt, dass es wichtig sei, sich über die Kommunikation innerhalb der Verwaltung miteinander auszutauschen.
Die "wahrnehmbare Skepsis" griff Kanzler Gerhard Möller in seiner Begrüßung auf, bei der fröhliche Salsa-Musik im Hintergrund das Gewicht seiner Worte umspielte. Er verwies darauf, dass die RUB mit der Unterschrift unter dem Qualitätspakt zwar Planungssicherheit gewonnen habe, so dass ein weiterer Stellenabbau nicht geplant sei. Aber die Arbeitseffizienz müsse angesichts zunehmenden Wettbewerbs zwischen den Hochschulen steigen, und dies könne durchaus "Veränderungen in den Aufgaben und in den Abläufen" bedeuten. Was die Leitbildentwicklung bringe, könne nicht am Anfang eines Prozesses beantwortet werden, sonst wäre er ja überflüssig, und was dem Einzelnen das Projekt bringe, hänge davon ab, wie man die Chancen nutze. Er bekräftigte: "Ihre Vorschläge und Beiträge sind uns wichtig!"
Skepsis schimmerte auch durch die anschließenden Begrüßungen der Dezernenten hindurch, weniger in ihren Worten, mehr in deren Körpersprache. Da standen keine "Wal-Mart Motivationsmanager", sondern unsicher ob der ungewohnten Situation Dreinblickende. Eine Dezernentin war wieder einmal ihrer Zeit voraus, ein anderer verwies auf seine bald abgelaufene Zeit. Nur die jüngste, die Personaldezernentin Gabriele Frohnhaus, schaffte es mit einer kleinen Geschichte, märchenhaft rüberzubringen, worum es hier gehe: sich bei der Arbeit wohl zu fühlen, sie gerne und gut zu machen, sie in kleinen Schritten kreativ zu verändern; und wenn einem dies gelänge, sich dabei auch belohnt und glücklich zu fühlen. Die anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter belohnten sie als einzige mit deutlichem Applaus.
Dieser leitete die anschließende Gruppenarbeit ein - und schon bald wich die Skepsis dem dringendem Bedürfnis nach Kommunikation; der Wunsch, sich gegenseitig Kennen lernen zu wollen, die Intensität des Austausches ließ sogar eine leichte Aufbruchstimmung aufkommen. In zwei Phasen diskutierten die Teilnehmer in kleinen Arbeitsgruppen zunächst, was einem an der Idee eines Leitbildes gefiele und was man dabei befürchte; später ging es darum, Gründe für die Befürchtungen zu benennen und Wege auszuloten, wie man verhindern könne, dass jene eintreten.
Was dabei herauskam ließ sich sehen: Auf Pinwänden visualisierten und präsentierten die Mitarbeiter, was sie sich wünschen bzw. erhoffen: dass mehr Verantwortung nach unten delegiert werde, durch Projektarbeit Dezernatsgrenzen, Hierarchien und Regelungsdichte abgebaut werden, verkrustete Arbeitsstrukturen aufgebrochen, die Arbeitsbedingungen verbessert werden, aber auch, dass Arbeitsanweisungen klarer erfolgen, die Personalführung insgesamt verbessert werde - und auf mehreren Pinnwänden war immer wieder die Rede von mehr Transparenz, besserer Kommunikation und stärkerem Zusammengehörigkeitsgefühl.
Auch in ihren Befürchtungen wurden sie sehr konkret: Dass es mit dem Leitbild bei nur schönen Worten und heißem Wind bliebe, hieß es, oder es in der Schublade verstaube, die Umsetzung an Sachzwängen scheitere, und sich die Arbeit sogar weiter verdichte.
Was also dagegen tun, waren alle gefragt. Die Vorschläge reichten von Erwartungen, dass Vorgesetzte ihr Verhalten änderten, dass mehr Fortbildung ermöglicht werde, die Arbeit anders und gerechter verteilt werde, bis hin zu mehr Transparenz, Kommunikation und Einbeziehung des Wissenschaftsbereichs in die Leitbildentwicklung. Auch Wünsche nach motivationssteigernden Maßnahmen und positivem Denken waren zu lesen.
Überraschend für manche, erfreulich für die Moderatorinnen Christina Reinhard und Hille Lieverscheid von "pro personal", war nach der allgemeinen Skepsis dann die positive Abstimmung: Überwältigend manifestiere sich der Wunsch, die Leitbildentwicklung fortzusetzen: 73 votierten dafür, bei nur drei Stimmen dagegen!
Als es dann darum ging, Menschen für eine Steuerungsgruppe zu gewinnen, wurde offensichtlich, dass man im Vorfeld doch noch nicht ganz geschafft hatte zu kommunizieren, was mit dem Leitbild wirklich bezweckt werden solle. Nun trat zu Tage, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht wegen eines Leitbildes gekommen waren, sondern aus ganz anderem Motiv. In unserer Gruppe brachte es eine Kollegin auf den Punkt: "Ich bin seit 27 Jahren hier in dieser Univerwaltung beschäftigt, und es ist heute zum ersten Mal, dass ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen auch außerhalb meines Dezernats über unsere Arbeitssituation ins Gespräch komme."
Dennoch gab es eher Zustimmung denn Ablehnung für die Schlussworte von Hille Lieverscheid: "Wir sind unterwegs, wir haben den Leitbildprozess begonnen". Schade nur, dass der Kanzler die Präsentation der Arbeitsgruppen und die Schlussworte nicht mehr mitbekommen konnte. Dringende Termine hatten ihn inzwischen abberufen.
Der Funke scheint übergesprungen zu sein. Die Mitarbeiter der Verwaltung sind durchaus willig, daran mitzuarbeiten, die Kommunikation und die Arbeitseffektivität zu verbessern. Die Stabstelle "pro personal" kann den notwendigen Prozess moderieren. Damit dieser gelingt, muss aber die zarte Pflanze Aufbruchstimmung gehegt werden - nicht zuletzt durch die sichtbare Rückendeckung der kompletten Verwaltungsspitze. jk
   
   
   
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01.12.2001