Gebete in NA
   
  Muslimische Studierende an der RUB
 
 

Von Größe und Lage her unterscheidet sich NA 04/71 nicht von anderen Seminarräumen. Anders verhält es sich mit der Ausstattung des rund 40 qm großen Raumes gleich beim Treppenhaus Nord. Tafel, Schultische und Stühle sucht man vergeblich, findet aber Wasseranschlüsse, einen niedrigen runden Tisch, ein Bücherregal und einen Teppich, der beinahe den ganzen Boden bedeckt. Die unverputzten Wände sind kahl, nur links hängt unauffällig die Silhouette einer Moschee.
Diese Wand weist nach Mekka. Dorthin richten gläubige Muslime fünfmal am Tag ihre Gebete: morgens, mittags, nachmittags, abends und nachts. Sie beten in der Moschee, daheim oder in einem Gebetsraum. NA 04/71 ist der Gebetsraum der muslimischen Studierenden der RUB. Neben individuellen Gebeten dient er dem gemeinschaftlichen Freitagsgebet, für Vorträge oder für Lesungen aus dem Koran.
Zum halbstündigen Freitagsgebet versammeln sich stets rund 60 Studierende; zentrales Element ist eine Predigt, die auf Deutsch gehalten wird. “Deutsch ist die einzige Sprache, die alle verstehen. Immerhin kommen die rund 1.000 Muslime an der RUB aus allen Teilen der Welt: aus Nordafrika, dem Mittleren Orient, Indonesien, aus der Türkei, aus Bosnien und natürlich aus Deutschland”, erklärt Ramis Örlü, über dessen Homepage wir vom Gebetsraum in NA erfahren haben.
Zur Geschichte des Raumes kann Ramis Örlü nicht viel berichten: “Ich weiß nur, dass der aktuelle Unikanzler angenehm überrascht war, dass die Uni einen solchen Raum zur Verfügung stellt. Ich habe gehört, dass der Raum seit etwa sechs Jahren existiert. Allerdings wurde den Muslimen bereits seit Gründung der Uni eine Örtlichkeit zum Beten überlassen”, erklärt Örlü und blickt sich im Raum um. Folgt man, am niedrigen Tisch kniend, seinem Blick, kann man die Dinge bereits besser einordnen: die Wasserkräne für die Reinigung vor dem Gebet oder die Schriften zum Koran und seiner Auslegung im Regal.
Die kleine Pause ist nötig, bevor man sich mit den Folgen des 11. September beschäftigt, der die ganze Welt und damit auch das Leben der muslimischen Studierenden der RUB verändert hat. Ramis Örlü berichtet von sich an die islamische Kleiderordnung haltenden muslimischen Frauen, die – auch in der Uni – angepöbelt wurden. Er hörte von arabischen Studierenden, die keine Wohnheimplätze bekommen haben. Und er weiß von Muslimen, deren Wohnungen von der Polizei durchsucht wurden und die nun in der Nachbarschaft diskreditiert sind. Was ihn persönlich am meisten stört, ist die selbstverständliche Erwartung an ihn, überhaupt Stellung beziehen zu müssen: “Als ob ich eine andere Meinung zum Terror haben könnte als ein Christ. Hat denn jemals jemand von allen Katholiken der Welt erwartet, sich vom Terror der IRA zu distanzieren?”
Auch der Rasterfahndung in Deutschland bringt Ramis Örlü kein grenzenloses Verständnis entgegen. Er geht davon aus, dass viel zu viele Menschen ins Raster passen und zumindest eine Zeitlang des Terrorismus verdächtigt werden. Als 24-jähriger, kinderloser Moslem, der Maschinenbau studiert, passt er selbst voll ins Raster – obwohl er genau wie seine Eltern deutscher Staatsbürger ist.
Andererseits schauen Örlü und die anderen muslimischen Studierenden der RUB vor allem in die Zukunft. Sie möchten ihren Teil zum guten Miteinander der Kulturen und Religionen in Deutschland beitragen. Konkret geplant sind Vorträge und Veranstaltungen (auf Aushänge und Flugblätter achten!) zum Thema Islam. ad

Offener Gebetsraum
Der Gebetsraum in NA 04/71 steht - buchstäblich - jederzeit allen muslimischen Studierenden an der RUB offen. Wer dort beten oder in den Schriften lesen möchte, ist herzlich willkommen. Gleiches gilt für das Freitagsgebet um 13.45 Uhr, das auch offen für die nichtstudierenden Bochumer Muslime ist.

   
   
   
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02.11.2001