Gute Vorsätze
   
  Tagebuch eines Studenten
 
  Wer sagt, dass nur Neujahr die Zeit für gute Vorsätze ist? Man beobachtet es doch jedes Semester wieder: Mutig treten junge Menschen in Seminarräume und Hörsäle und sind fest entschlossen, die Regelstudienzeit einzuhalten. Warum heißt es "Regelstudienzeit", wenn ich nur einen einzigen Studenten kenne, der es schaffte, die nötigen Scheine pro Semester einzusammeln? Das war ein italienischer Austauschstudent Namens Mario, er war fast während seines gesamten Aufenthaltes in Bochum betrunken.
Warum haben gute Vorsätze am Anfang eines Semesters die Lebenserwartung eines Dodos in der Arktis? Es ist traurig, nach Neujahr in seinem Bekanntenkreis zu beobachten, wie alte Angewohnheiten, die eigentlich abgeschafft sein sollten, wieder die Oberhand gewinnen und zurückkehren wie ein vergessener Bumerang. Aber wie groß ist das Leid erst in jeder ernstzunehmenden Universität - sogar zweimal im Jahr! Ich selbst wollte diesmal acht Scheine erringen. Um gewisse Verfehlungen aus dem letzten Semester auszubügeln. Inzwischen kommen mir schon Zweifel. In spätestens drei Wochen, das weiß ich sicher, werde ich nur noch an jedem dritten Tag zur Uni gehen und mich freuen, wenn ich wenigstens meinen Russischkurs durchhalte. Vielleicht kriege ich noch in einem anderen Seminar einen Teilnahmeschein: Der Dozent ist nicht mehr der jüngste und bekommt eventuell nicht mit, wie oft ich einschlafe. Ich habe mir eine getönte Brille angeschafft. Außerdem trage ich einen falschen, roten Bart - wenn er mich hinauswirft, weiß er wenigstens nicht, wie mein Gesicht wirklich aussieht. Ab und zu spreche ich mit italienischem Akzent und nenne mich Paulo.
Grundsätzlich wäre es schwerer zu ertragen, wenn ich nicht das Gefühl hätte, einer Tradition zu folgen, indem ich denselben Tanz alle paar Monate wieder aufführe. Man schildert sich große Pläne, blickt hoffnungsvoll in die Zukunft und kommt mit sauber ausgedruckten Stundenplänen in Zellophanhüllen zu Veranstaltungen, die zu verrücktesten Zeiten - etwa um 8.30 h - beginnen. In den letzten Wochen des Semesters steht alles, was man wissen muss, auf einer Fast-Food-Serviette (meist eine Raumnummer, der Name eines Kurses sowie zwei zusätzliche Krakel, die ihre Bedeutung erst dann enthüllen, wenn es zu spät ist) und man hat nur noch Seminare und Vorlesungen, die zwischen 12 und 16 h stattfinden - am Mittwoch. Und zu guter Letzt sitze ich mit einem Grüppchen Bekannter in der Cafeteria. Wir trösten uns gegenseitig und fluchen hingebungsvoll auf die, die ihre Ziele wirklich erreicht haben. Ich nehme mir jedenfalls jetzt schon vor, dass ich es im nächsten Semester besser machen werde. Andreas Winkler (der 23-Jährige studiert seit 1998 Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Neuere Geschichte und Osteuropäische Geschichte (Reformmodell) an der RUB und schreibt monatlich seine Beobachtungen für RUBENS nieder)
   
   
   
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02.11.2001