Keine Zeit für Urlaub |
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| Tagebuch eines Studenten | |
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Die Ferien sind vorbei. Ich habe sie überstanden, ohne zu springen. Im Gegensatz zu Freund Jan. Der hatte sich vorgenommen, den großen Schritt in der vorlesungsfreien Zeit zu wagen. Mein erster Impuls war natürlich, dem Guten das Ganze auszureden: Warum nur, Jan? Liegt es an den Klausuren? Hast du Prüfungsstress? Treibt dich ein BAföG-Antrag in Depressionen? Jan freute sich aber nur, wie sich in Bälde herausstellte, auf einen Urlaub in Neuseeland. Dort wollte er springen - mit Bungee-Seil am Fuß. Da konnte ich nur mit offenem Mund staunen, weil ich von alleine auf so eine Idee nie kommen würde. Ich bin jedenfalls nicht neidisch. Auch andere Freunde und Bekannte äußerten sich zu ihren Urlaubsplänen: Fly-by-Wire in Indonesien, Rafting in Venezuela, Campen in Kalifornien, Wandertouren durch Tunesien, Guerillakampf in Paraguay ... Wäre mein Freundeskreis wohlhabend genug, dann hätte ich wohl auch damit rechnen können, nach dem nächsten Ariane-Start eine Postkarte aus dem Weltall zu bekommen. Einkaufen wurde für mich täglich schwerer. Nicht nur, dass die Straßen wie leergefegt waren und ich mich einsam fühlte, nein, auch jedes zweite Geschäft hatte geschlossen. "Sind im Urlaub"; "Hurra, sind in die Ferien gefahren"; "Geschlossen zwecks Erholung" stand da zu lesen. Anrufe bei Freunden konnten mich nicht mehr aufmuntern. In der Leitung pflegte es zu klicken, dann ging ein Anrufbeantworter ran und tönte: "Juhu, wir trampen nach Paris, au revoir!", oder "Prag im Sommer ist ein Traum, und wir sind da!" Ein Überraschungsbesuch bei meinen Eltern brachte nicht die erhoffte Abwechslung: Als ich vor verschlossener Tür stand, wiesen mich die Nachbarn drauf hin, dass die zwei ja in der Eifel Urlaub machen. Aber das alles störte mich nicht, und neidisch war ich auch nicht. Ich hatte ja zu tun. Drei Hausarbeiten wollten bis Semesteranfang abgeliefert sein. Über die Strafrechtsreform der Maria Theresia zum Beispiel. Da hätte ich im Urlaub immer dran denken müssen, ganz sicher. Ich habe die Ferien also damit zugebracht zu tippen und zu arbeiten. Und Postkarten zu lesen, die man mir nur mit den besten Wünschen geschickt hat. Oh, wie schön es da überall gewesen sein muss! Und ich war gar nicht neidisch, wirklich. Kein bisschen. Sonnenbrand kann man sich hier auch holen. Allergien sowieso. In der Ferne sieht's auch nicht anders aus als hier, nur dass man meist Sprachprobleme hat. Das Wetter ist auch nicht anders als hier, nur das Bier ist teurer. Und überall Touristen. So gut, wie die Luft im Revier heute ist, braucht man eigentlich gar nicht zu verreisen, finde ich. Jetzt hat mir ein Heimgekommener ein paar Prospekte in die Hand gedrückt, fürs nächste Jahr. Die blättere ich zurzeit durch und mache mir Gedanken drüber. Ihm zuliebe. Andreas Winkler (der 23-Jährige studiert seit 1998 die Fächer Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, Neuere Geschichte und Osteuropäische Geschichte (Reformmodell) an der RUB und schreibt monatlich seine Beobachtungen für RUBENS nieder) |
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| 01.10.2001 |