Kompetente Früherkennung
   
  Netzwerk Brust-Zentrum-Bochum
 
 

Etwa jede zehnte Frau wird im Laufe ihres Lebens mit der Diagnose Brustkrebs konfrontiert, Tendenz steigend. Die Medizin reagiert darauf u. a. mit intensiverer Versorgung. So wurde am 17. März 2001 in der Universitätsfrauenklinik im Knappschaftskrankenhaus (Bochum-Langendreer) das interdisziplinäre Brust-Zentrum-Bochum eröffnet. Es gewährleistet eine optimale medizinische und psychosoziale Versorgung von Patientinnen mit Erkrankungen und Problemen der Brust. Über Heilungschancen bei Brusterkrankungen und das fachübergreifende Behandlungskonzept des Brustzentrums sprach Hanna Martyniuk mit Klinikdirektor Prof. Dr. Arne Jensen.

RUBENS: Warum war es so wichtig, das Brust-Zentrum-Bochum zu gründen?
Jensen: Hintergrund der Initiative ist die Tatsache, dass in Deutschland jährlich 46.000 Frauen am Mammakarzinom erkranken. Häufig treten auch gutartige Veränderungen der weiblichen Brust, Gewebsgeschwülste ohne Bösartigkeit und Drüsenveränderungen auf, die Vorstufen für die spätere Entstehung eines Brustkrebses bilden können. Da wir wissen, dass eine Verbesserung der Heilungs- und Überlebenschancen nur zu erwarten ist, wenn eine kompetente Früherkennung ermöglicht wird, war der Zusammenschluss zu einem Brust-Zentrum für die Frauen in Bochum und Umgebung besonders wichtig.
Was die Heilung angeht, besteht ein eklatanter Unterschied zwischen Tumoren, die in kleiner Ausprägung entdeckt werden, und denen, die schon sehr fortgeschritten sind. Wenn man alle Tumore unterschiedlicher Größen und feingeweblicher Varianten zusammenfasst, beträgt die Wahrscheinlichkeit der Genesung etwa 72 bis 73 Prozent. Viel höher ist die Heilungswahrscheinlichkeit, nämlich zirka 90 Prozent nach fünf Jahren, wenn die Größe des Tumors zwischen fünf und zehn Millimetern liegt. Sie beträgt sogar 98 Prozent, wenn der Tumor einen Durchmesser unter fünf Millimetern hat. Umgekehrt betrachtet wird daran schon deutlich, wie steil die Überlebenswahrscheinlichkeit sinkt, wenn die Tumoren spät erkannt werden und schon sehr groß sind. Also, muss unser Augenmerk besonders auf die Früherkennung gerichtet sein.

RUBENS: Worauf beruht das Konzept des Brustzentrums?
Jensen: Das Zentrum versteht sich als Kompetenznetzwerk für Frauen mit Brusterkrankungen, das eine enge Verzahnung bei der Betreuung im ambulanten Bereich und in den Kliniken ermöglichen soll. Dabei arbeiten 45 niedergelassene Ärzte des Gynäkologischen Qualitätsnetzes Bochum-Hattingen-Herne-Sprockhövel-Witten, Pathologen, Radiologen und Schmerztherapeuten mit der Universitätsfrauenklinik, der Uniklinik für Plastische Chirurgie am Bergmannsheil sowie zwölf weiteren Instituten und Kliniken der RUB zusammen.
Diese engmaschige Kooperation, die noch auf weitere Kliniken der Region ausgeweitet werden soll, ist für die Frauen wichtig, damit eine qualitätsgesicherte Diagnostik, Therapie und Nachbehandlung mit effektivem Austausch der Informationen zwischen den niedergelassenen Ärzten und den beteiligten Kliniken gewährleistet ist. Das vermittelt der Patientin Sicherheit in einer sonst mit großen Ängsten besetzten Situation, sie gewinnt Vertrauen in die einzelnen Schritte der Behandlung und weiß, dass die Ärzte um sie herum schnell und umfassend informiert sind, ohne dass sie auf jeder Ebene der Behandlung immer wieder ihre Krankheitsgeschichte berichten muss.

RUBENS: Das psychische Wohlbefinden der Patientinnen spielt also im gesamten Heilungsprozess eine große Rolle?

Jensen: Es ist ganz wesentlich bei der Behandlung von Brusterkrankungen, dass der psychosozialen Seite in der Betreuung besondere Beachtung geschenkt wird. Denn der so genannte Diagnosenschock kann so schwerwiegende Folgen haben, dass das Vertrauensverhältnis zu den Ärzten langfristig gestört sein wird. Wir verfügen am Knappschaftskrankenhaus über ein integriertes psychoonkologisches Betreuungskonzept, das durch die behandelnden Ärzte, Gestalttherapeuten und offene Gesprächskreise getragen wird. Damit eine Kontinuität der psychologischen Begleitung möglich bleibt, sind die Gesprächskreise auch nach Abschluss der stationären Behandlung weiter zugänglich.

RUBENS: Welches sind dort die zentralen Gesprächsthemen?
Jensen: Das zentrale Thema ist: Bin ich lebensbedroht? Wie ernst ist diese Erkrankung für mich? Wie muss ich mich zu den nötigen Therapieformen einstellen? Andere wichtige Fragen betreffen die Identifikation mit dem weiblichen Körper nach der Operation sowie Partnerschaft/Sexualität während der akuten Phase der Erkrankung. Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass etwa in 90 Prozent der Fälle brusterhaltend operiert werden kann, so dass es nicht zur Verstümmelung der Patientinnen kommt. Der verbleibende Drüsenkörper wird während der Operation so rekonstruiert, dass es von der ästhetischen Seite kaum Einschränkungen gibt.
Von daher ist es ganz wichtig, dass der Patientin die heutigen Möglichkeiten der brusterhaltenden Operation bereits zu Beginn der Behandlung vermittelt werden. Dies allein führt schon zu einer großen Entlastung für die betroffenen Frauen vor dem operativen Eingriff. Aber selbst, wenn die Brustdrüse nicht erhalten werden kann, steht den Frauen innerhalb des Brust-Zentrums die gesamte Bandbreite der rekonstruktiven Mammachirurgie durch die Universitätsklinik für Plastische Chirurgie von Prof. Steinau zur Verfügung. Auch hierüber wird die Patientin im Vorfeld umfassend informiert.

RUBENS: Zum Infomaterial über das Brustzentrum haben Sie einen Halbakt Ihres Großonkels Emil Jensen beigefügt. Warum ausgerechnet diese Zeichnung?
Jensen: Diese ausdrucksstarke Kohlezeichnung von Emil Jensen aus dem Jahre 1947 symbolisiert mit wenigen Strichen die zentralen Anliegen, die uns mit dem Brust-Zentrum-Bochum am Herzen liegen. Die Verbindung von Seele und Körper der abgebildeten Frau in einem Zustand ernster Ruhe kommt hier besonders stark zum Ausdruck und ist getragen von einer besonderen weiblichen Ästhetik. Dieses empfindliche Gleichgewicht zu erhalten oder wiederherzustellen erfordert ein hohes Maß an Einfühlsamkeit und ärztlichem Können. Diesem Anspruch wollen wir bei der Behandlung von Frauen gerecht werden. Daher war es für uns naheliegend, dieses Kunstwerk zu wählen.

RUBENS: Welche Tipps zur Prävention können Sie unseren Leserinnen geben?
Jensen: Sie sollten sich ihren Frauenärzten anvertrauen und regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen gehen. Auch ist die Kenntnis der familiären Belastung mit Brusterkrankungen von Bedeutung. Ferner sollten sie sich in die Technik der Selbstuntersuchung einweisen lassen und diese einmal monatlich durchführen. Bei unklaren Befunden erfolgt dann beim Frauenarzt die weitere Abklärung durch Tastuntersuchung, Ultraschall bzw. Röntgenuntersuchung oder - durch Einholen einer Zweitmeinung - die Vorstellung in der Klinik.
RUBENS: Danke für das Gespräch!
   
   
   
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01.07.2001