| Die Lunge ruhig stellen | |
| Serie: Medizinhistorische Sammlung | |
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| Die Wahrnehmung der Tuberkulose in
der Geschichte ist geprägt von zwei höchst unterschiedlichen Bildern.
Zum einen von der "romantischen Schwindsucht" der "auserwählten" Künstler
und Literaten. Das Fieber, die Auszehrung galten als körperlicher Ausdruck
des inneren "Seelenfeuers": Die Tage der tuberkulösen Genies verglühten
wie im Rausch. Ganz anders das grassierende Elend in den rapide anwachsenden
Großstädten an der Wende zum 20. Jahrhundert. Die Lungentuberkulose wurde
zur "Volksseuche", zur "proletarischen Krankheit", die sich angesichts der
katastrophalen Wohnbedingungen in den Arbeitervierteln rasch ausbreitete. Die Gründe dafür erklärten sich aus der sensationellen Entdeckung, die Robert Koch (1843-1910) 1882 publik machte: der Tuberkelbazillus als Ursache der Tuberkulose. Damit war nicht nur der Krankheitserreger bekannt, sondern auch der Übertragungsweg. Doch die Identifizierung der Tuberkulose als Infektionskrankheit führte zunächst nicht zu einer Verbesserung in der Therapie. Das von Koch 1890 auf den Markt gebrachte "Tuberkulin" endete in einem spektakulären Fiasko, bei dem sogar Tote zu beklagen waren und lähmte die Forschung über Jahrzehnte. In Ermangelung einer spezifischen Therapie wurde der Lungentuberkulose weiterhin mit hygienisch-diätetischen Behandlungsmethoden begegnet. Während für die Arbeiterschaft Volksheilstätten eingerichtet wurden, begaben sich die höheren Stände in private Lungensanatorien, vorzüglich in den Schweizer Alpen. Doch abgesehen von der Ausstattung der Häuser und dem Standard der Versorgung unterschieden sich die therapeutischen Maßnahmen wenig. Im Vordergrund stand die "Freiluft-Liegekur" verbunden mit kräftigender Ernährung. Die Patienten ruhten, gingen spazieren und beobachteten akribisch den Krankheitsverlauf - zunehmend über messende Verfahren mittels Fieberthermometer oder der Spirometrie. Angesichts der sanatorialen Monotonie begrüßten es die Kranken, wenn versucht wurde, technische Therapieformen zu entwickeln. Eines der wenigen Verfahren war der künstliche Pneumothorax (Luftansammlung im Brustraum), der von dem Italiener Carlo Forlanini (1847-1918) erstmals 1882 beschrieben wurde. Forlaninis Vorschlag beruhte auf der klinischen Beobachtung, dass das Auftreten eines Pneumothorax nicht, wie man erwartet hatte, immer eine Verschlimmerung der Lungenkrankheit, sondern bisweilen einen auffallenden Stillstand und eine Besserung herbeiführte. Im Gegensatz zum "spontanen" Pneumothorax, bei dem das Eindringen von Luft in den Pleuraraum nicht selten tödliche Folgen hat, ließen sich mit dieser kontrollierten Form therapeutische Erfolge erzielen. Zahlreiche Apparaturen wurden in der Folgezeit entwickelt, die alle nach einem ähnlichen Prinzip - wie auch das abgebildete Gerät - funktionierten. Über ein System zweier, mit Wasser gefüllter kommunizierender Röhren lässt sich Unter- bzw. Überdruck erzeugen. Mittels einer an einem Schlauch angeschlossenen Punktionsnadel kann so Luft in den Pleuraraum eingefüllt bzw. abgesaugt werden. Der Effekt besteht in einer die Heilung begünstigenden Ruhigstellung der erkrankten Lunge. Das Verfahren hat lange Zeit eine herausragende Rolle bei der Behandlung der Lungentuberkulose gespielt und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Einführung antibiotischer Therapien abgelöst. Während die als "Geißel der Menschheit" apostrophierte Krankheit damit als "besiegt" galt, ist seit einigen Jahren ein rapider Anstieg von Tuberkulose in den Großstädten der USA, in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion sowie in Afrika zu verzeichnen. In manchen Gegenden hat das Ausmaß die Verhältnisse in Europa vor 100 Jahren bereits erheblich überschritten. Michael Martin |
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| 01.06.2001 |