"Das kann's nicht gewesen sein!"
   
  Neu bei den Sowis: Prof. Ludger Pries
 
 

Es sieht ganz so aus, als würde Prof. Dr. Ludger Pries in Bochum fürs Erste sesshaft werden. Seit März hat er den Lehrstuhl für Organisationssoziologie und Mitbestimmungsforschung an der Fakultät für Sozialwissenschaft inne, an der er seinerzeit selbst studierte. Das sieht auf den ersten Blick nach einem üblichen wissenschaftlichen und persönlichen Werdegang aus - aber der Eindruck täuscht: "Ein großer Gewinn", so Prof. Pries, "sind für mich gerade die Lebensstationen, die nicht einer schlanken Wissenschaftlerbiographie entsprechen". Mit Pries sprach Meike Drießen.

RUBENS: Sie haben nach dem Abitur zuerst ein Semester Mathematik studiert, dann nach der Bundeswehrzeit eine Ausbildung zum Maschinenbauer gemacht und als solcher gearbeitet, mit 27 angefangen, Sozialwissenschaft zu studieren, und nach der Promotion sechs Jahre lang in Mexiko gelebt. Wie kommt es zu einem so kurvenreichen Lebenslauf?
Pries: Das hatte persönliche Gründe. Schon in der Schulzeit hatte ich eine Neigung zu technischen Fächern. Ein sehr guter Mathematik- und Physiklehrer meiner Schule lehrte auch an der Uni Münster - das hat mich dazu bewogen, ein Mathematikstudium anzufangen. Bei der Bundeswehr habe ich als Funk- und Fernmelder mehr Interesse an einem technischen Beruf entwickelt. Also habe ich eine Berufsausbildung zum Maschinenbauer absolviert. Nachdem ich einige Zeit in diesem Beruf gearbeitet hatte, wusste ich: Das kann ich jetzt und habe mir gesagt: Das kann's doch nicht gewesen sein! So entschied ich mich zu studieren.

Wie sind Sie als Maschinenbauer zur Sozialwissenschaft gekommen?
Zwischen den beiden Extremen der eher abstrakten Geistes- und den sehr angewandten Ingenieurwissenschaften habe ich mich für die Sozialwissenschaften entschieden, weil sie für mich die unterschiedlichen Aspekte gut integrieren. Gerade hier in Bochum bieten die Sozialwissenschaften ein gutes Gleichgewicht zwischen Theorie und praktischem Handwerkszeug, zudem eine interdisziplinäre Perspektive. Nach dem Abschluss habe ich unmittelbar an der Sozialforschungsstelle Dortmund in einem international vergleichenden Forschungsprojekt gearbeitet. Hier kam mir zugute, dass ich während des Studiums an der RUB bei einem einjährigen Studienaufenthalt in Mexiko Spanisch gelernt hatte. Obwohl ich in Dortmund hätte bleiben können, nahm ich als eine neue Herausforderung eine Stelle als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Erlangen an. Nach mehreren Jahren Forschungstätigkeit in der Arbeits- und Industriesoziologie habe ich dort meine Promotion gemacht. Von Erlangen aus bin ich mit einem Stipendium der DFG nach Mexiko gegangen und habe dort vor allem international vergleichende Forschungen im Bereich der Arbeitssoziologie, der Industriellen Beziehungen und später der Migrationssoziologie durchgeführt. Nach Mexiko bin ich übrigens meiner Frau gefolgt, die dort forschen wollte. Der Beruf stand bei mir nie über allem anderen.

Was haben Sie für Ihre jetzige Arbeit aus der früheren mitgenommen?
Große Hochachtung vor handwerklicher Arbeit. Außerdem ermöglicht die eigene Erfahrung in verschiedenen sozialen und kulturellen Bereichen einen ganz anderen Zugang zur gesellschaftlichen Wirklichkeit, was meines Erachtens gerade für Sozialwissenschaftler sehr wichtig ist. Zwischen handwerklicher Arbeit und Forschung gibt es auch Parallelen: Bei einer zu bauenden Maschine wie bei einer wissenschaftlichen Studie muss man im Vorhinein eine sehr genaue Vorstellung vom Ganzen haben, alles muss präzise geplant sein und vor allem ineinander passen. Selbst perfekte Einzelteile sind nutzlos, solange sie sich nicht einfügen - bei einer Maschine genauso wie bei einer wissenschaftlichen Diskussion (und vielleicht auch bei der Arbeit an einer Hochschule). Die Auslandserfahrung ermöglicht es, einen klareren Blick auf spezifisch deutsche (Kultur-)Phänomene zu werfen. Zum Beispiel ist bei uns die "Beruflichkeit" von Arbeit sehr ausgeprägt. Das Leben verläuft sehr stark in institutionalisierten Tätigkeitsbahnen.

Allen Rufen nach kurzer Ausbildung und jungen, erfahrenen, hoch spezialisierten Allroundtalenten zum Trotz: Würden Sie es befürworten, dass sich jeder ausprobieren und auch mal etwas neues anfangen kann?
Ja, vieles erlebt und gesehen zu haben ist mein Trumpf. Die Gefahr in Deutschland liegt meiner Ansicht nach nicht darin, dass die Leute sich zu lange ausprobieren. Die Hauptgefahr ist eine Art berufständisches Denken, das verhindert, dass man über den eigenen Tellerrand hinaus sehen und vielleicht in einen anderen Beruf wechseln kann. Wünschenswert wäre eine gesunde Mischung aus Spezialisten und Generalisten. Was dem Einzelnen liegt, muss er selbst herausfinden.

Hatten Sie je Schwierigkeiten mit Ihrer nicht so stromlinienförmigen Berufsbiographie?
Das nicht. Schwierigkeiten gab es aber, als ich nach sechs Jahren aus Mexiko wieder nach Deutschland kam. Obwohl ich - wieder aus privaten Gründen - in Mexiko eine angesehene und unbefristete Stiftungsprofessur aufgegeben hatte, war es nicht einfach, sich hier zu behaupten. Veröffentlichungen in Spanisch sind hierzulande schlechter angesehen als welche in Englisch oder Deutsch, ganz unabhängig von der Qualität ihres Inhalts. So folgte zuerst eine Zeit der Bewerbungen und Lehrstuhlvertretungen - was mir aber auch sehr viele unterschiedliche Erfahrungen brachte.

Warum sind Sie nach 16 Jahren wieder in Bochum?
Nachdem ich an zwei Unis bei Bewerbungen recht gut positioniert war, waren die RUB und das Land NRW einfach schneller. Ich habe den Ruf gern angenommen, weil ich die Uni und die Fakultät kenne und schätze. Als Bochumer fühle ich mich - noch - nicht, eher als Weltbürger.

Was sind Ihre Pläne für Bochum?
Ich möchte vor allem die international vergleichende Forschung vorantreiben. Da durch Globalisierung und Regionalisierung die Strukturierungskraft nationalstaatlich verfasster Containergesellschaften relativiert und ausdifferenziert wird und immer mehr Menschen in transnationalen Bezügen leben, kann man nicht mehr so selbstverständlich wie bisher von "Gesellschaften" sprechen. Es entwickeln sich neue soziale Gewebe über Ländergrenzen hinaus. Diese Gewebe müssen empirisch erforscht und es müssen neue theoretische Erklärungen dafür entwickelt werden. Lokales ist ohne transnationale Bezüge nicht mehr zu verstehen.

Haben Sie sich endgültig von ihrem Leben als Weltenbummler verabschiedet
Ich will kein Jetsetter sein, der nur zwei Tage in der Woche an der Uni ist. Als Hochschullehrer bin ich ja auch Dienstleister, der seine Studierenden betreuen muss. Aber ich möchte in Forschung und Lehre stark international arbeiten.

PS: Wer Prof. Pries live erleben möchte, sollte sich am 13. Juni seine Antrittsvorlesung "Die Transnationalisierung der sozialen Welt" anhören; 18 h, HGC 20.

   
   
   
  Ihre Meinung ist gefragt! Schreiben Sie uns einen Leser(innen)brief!
zurückblättern zur Themenübersicht weiterblättern

01.06.2001