Von Shanghai ins Ruhrgebiet
   
  Stipendienprogramm: Strukturwandel an der Ruhr
 
  Was treibt einen jungen Lehrer dazu, für neun Monate in einem anderen Land zu leben, ein Land, das Tausende von Kilometern weit weg ist, wo die Menschen anders aussehen, anders leben und eine vollkommen fremde Sprache sprechen? Wo es eine andere Gesellschaftsform gibt und die Menschen dem eigenen Heimatland oft kritisch gegenüberstehen. Das fremde Land heißt Deutschland, der junge Lehrer Weng Yufeng; er kommt aus Shanghai. Vor seiner Reise nach Deutschland war er noch nie im Ausland. Jetzt lebt und forscht Weng ein drei viertel Jahr lang als Stipendiat des Initiativkreises Ruhrgebiet in Bochum.
16 junge Leute aus der ganzen Welt nehmen am Stipendienprogramm "Strukturwandel an der Ruhr im internationalen Vergleich" teil. Seit Oktober 2000 absolvierten sie erst einen Deutschkurs, bevor sie mit ihren Forschungsprojekten an den Unis zwischen Duisburg und Dortmund begannen. Sechs Monate beschäftigen sie sich unter verschiedenen wissenschaftlichen Aspekten mit dem hiesigen Strukturwandel. In den verbleibenden drei Monaten absolvieren alle ein Praktikum in großen Unternehmen. Weng hat sich den Wandel unter den Aspekten der politischen, gesetzlichen und wirtschaftlichen Entwicklung sowie der Verkehrsplanung vorgenommen.
Ist das nicht ein untypisches Projekt für einen Chemielehrer? "Ich werde viel von dem, was ich hier lerne, weitergeben können", erklärt der 25-Jährige, der an der RUB von Prof. Franz R. Stuke (Sektion für Publizistik) betreut wird. "Besonders der Umweltschutz fängt ja mit Umwelterziehung an. Und wer kann seinen Schülern mehr über die Umwelt und ihre Bedrohung mitgeben als ein Chemielehrer?" Nach seinem Studium hat Weng bereits zwei Jahre als Lehrer gearbeitet, bevor er sich für ein Masterstudium an der Fudan University einschrieb. Auch für den angestrebten Abschluss als Wirtschaftswissenschaftler wird ihm der Aufenthalt hier nützen. "In China sehen wir zurzeit vielen Problemen ins Auge, die hier im Ruhrgebiet vorbildlich gelöst wurden. Seit wir uns zum Westen öffnen, erkennen die Menschen die Vorteile, die es bringt, wenn man Erfahrungen austauscht", beschreibt er die Aufbruchsstimmung in seinem Land. "Beim Strukturwandel in Shanghai stehen wir erst am Anfang."
Wie es einmal werden soll, zuhause in Shanghai, davon hat der zurückhaltende, höfliche junge Mann fast übersprudelnde Vorstellungen. In China wolle man dem Umweltschutz eine sehr viel wichtigere Stellung einräumen. Das klare Wasser, die gute Luft, das viele Grün, das hier vorherrsche - all das müsse auch in China möglich sein. "Wir wollen den Himmel wieder blauer machen", sagt Weng, und schiebt hinterher, nach seinen ersten Eindrücken in Deutschland befragt, "ihr habt das schon geschafft."
Überhaupt gefällt es ihm gut in Bochum. Die Deutschen seien sehr freundlich und hilfsbereit, sie hätten immer Zeit, ihm den Weg zu zeigen oder seine Fragen zu beantworten. Nur wenn man unbedingt über die Regierung in Peking mit ihm reden wolle, wird er bestimmt. "Ich glaube, dass es kulturelle Unterschiede gibt zwischen Deutschland und China, die man nicht ohne tieferes Wissen versteht. Man muss ein Land erst kennen lernen, bevor man es verurteilt." Gilt das für alle strittigen Themen? "Ein so großes Volk wie China muss zum Beispiel eine andere Familienpolitik haben als ein Land, in dem die Gesellschaft immer älter wird".
Der nette Stipendiat bleibt zurückhaltend, auch als er nach seinen ganz persönlichen Motiven für die Reise gefragt wird. "Mithelfen, in Shanghai etwas zu verbessern", lautet die Antwort. Persönlicher wird er nicht gerne. Weng versteht sich als Botschafter des "neuen, offenen China". Er zeigt sich von den Möglichkeiten fasziniert, die wir zur Kommunikation haben. "Miteinander reden und sich kennen lernen - das ist der Weg, Konflikte zu lösen", glaubt er, "wir können alle voneinander lernen." Tanja Schepers
   
   
   
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01.06.2001