Lauter betrogene Betrüger
   
  Campusroman in Denkblasen
 
 

"Denkt" heißt treffend der neue Campusroman von David Lodge, der die Leser/innen in die Köpfe zweier völlig unterschiedlicher Personen schauen lässt: Ein Semester lang verfolgen sie die Liaison des selbstbewussten, zufriedenen und glücklich verheirateten Kognitionswissenschaftlers Ralph, der sich der Künstlichen Intelligenz verschrieben hat, mit der unglücklichen und einsamen, jüngst verwitweten Schriftstellerin Helen, die sich sensibel und einfühlsam den Bewusstseinsvorgängen ihrer literarischen Figuren annähert. Das Einzige, was die beiden verbindet, ist das Interesse am Funktionieren des menschlichen Bewusstseins, dessen Erkenntnis jeder für sein Gebiet reklamiert und das ihnen reichlich Stoff für Diskussionen bietet.
Als Helen, die als Gastdozentin ein Semester an Ralphs Uni verbringt, feststellt, dass er sie hofiert, ist sie zugleich fasziniert und abgestoßen -eine außereheliche Affäre widerspricht all ihren Prinzipien. Nicht nur der Betrug an Ralphs Frau, mit der sie befreundet ist, sondern auch der Betrug an Helens verstorbenen Mann, den sie glorifiziert, hält sie vorerst auf Distanz. So umschleichen sie sich zunächst einige Zeit, bis eine Reihe von Entdeckungen Helens heile Welt erschüttert und sie sich von ihrem Treueideal verabschieden muss.
Der eigentliche Reiz des Romans liegt in seiner Erzählstruktur: Durch die Erzählung aus drei verschiedenen Perspektiven gelingt es Lodge, die Leser/innen hautnah an den Gefühlen und Gedanken der Hauptpersonen teilhaben zu lassen. Sie dürfen Ralphs intime Gedanken, Wünsche und Erinnerungen belauschen, die er, wo er geht und steht und wie sie ihm gerade einfallen, einem Diktiergerät oder einem Sprachcomputer anvertraut - ein Selbstexperiment, das er im Zuge seiner Bewusstseinserforschung anstellt. Aus diesen Mosaiksteinen erschließen sich seine Vorgeschichte mit ihren zahllosen Liebeleien und die Persönlichkeit eines Menschen, der es gewöhnt ist, zu bekommen was er will. Außerdem dürfen die Leser/innen Helen beim Schreiben ihres Tagebuchs über die Schulter schauen. Sie erleben mit ihr den Schock über die Entdeckung, betrogen worden zu sein, ihre Gewissensbisse und ihre Selbstzweifel und die Erleichterung über den Beginn ihres neuen Lebens durch die heimliche Liebe zu Ralph nach einer langen Zeit der Trauer und Enthaltsamkeit. Amüsant ist es, die Entwicklung des Flirts zwischen Ralph und Helen aus beiden Sichtweisen zu verfolgen: Ein und dieselbe Situation stellt sich für jeden von ihnen ganz unterschiedlich dar; jeder interpretiert am Verhalten des anderen herum, manipuliert Zufälle, will sich aber selbst nicht in die Karten gucken lassen. Schließlich meldet sich hin und wieder auch ein allwissender Erzähler zu Wort.
Allein das Ende des Romans kann nicht recht überzeugen. Das von allen Seiten hereinbrechende Unglück - das verdächtig nach der gerechten Strafe für die Ehebrecher aussieht und als solche nicht zum Rest der Geschichte passen will - scheint ziemlich konstruiert und wäre für die glaubwürdige Beendigung der Geschichte nicht notwendig gewesen. Nichtsdestotrotz: Ein mitreißendes Buch, für das es sich lohnt, sich die eine oder andere Nacht um die Ohren zu schlagen. md

David Lodge: "Denkt". Haffmanns, Zürich 2001, 511 S., 44 DM

Wie mittlerweile üblich, verlosen wir auch dieses Buch. Wer es gewinnen mag, schreibt bis zum 20. Mai eine Postkarte an die Redaktion RUBENS, Pressestelle der RUB, UV 3/366, 44780 Bochum; Stichwort ist die Antwort auf die Frage: Wo findet die "denk:2001" statt?

   
   
   
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02.05.2001