Ein Jahr Shanghai
   
  Als Deutschlektor in China
 
  Kaum hatte er die Magisterprüfung an der RUB bestanden, da saß er schon im Flieger nach Shanghai: Tobias Lübben (27) unterrichtete ein Jahr lang Deutsch an der Tongji-Universität, einer Partneruni der RUB. In RUBENS berichtet er , warum das Leben in der 15-Millionen-Einwohner-Stadt aufregend und anstrengend zugleich ist.
Shanghai ist die größte von Asiens neuen Boomtowns. Das Wachstum lässt sich sogar in Höhenmetern messen. Ein spanisches Architektenteam plant den Bau eines Büroturmes von 1,1 km Höhe. Daneben nähme sich das Shanghaier Grand Hyatt Hotel regelrecht mickrig aus, derzeit mit 420 m das höchste Haus der Stadt und immerhin das dritthöchste der Erde.
Die Umsetzung des gigantomanischen Projektes werde ich allerdings nicht mehr mitbekommen, denn ich habe Shanghai am 1. März verlassen; just an jenem Tag, als der Grundstein für die Transrapid-Trasse vom Flughafen zum Geschäftsviertel Pudong gelegt wurde. Zwar wird der Hightech-Zug auf der 30 km kurzen Strecke bereits nach fünf Minuten Fahrt eine Vollbremsung einleiten müssen, um nicht über den Zielbahnhof hinaus zu schießen. Aber so bekommen Neuankömmlinge schon mal einen ersten Eindruck von der Dynamik der Stadt.
Etwas gemächlicher geht es in Shanghais jüngster Touristenattraktion zu: In den ferngesteuerten, voll verglasten Gondeln einer neuen U-Bahn gleitet man durch eine Röhre, als stoße man vor in die vierte Dimension: Flirrende Muster, von Stroboskop-Lasern an die Wände projiziert, und wabernde Rhythmen aus unsichtbaren Lautsprechern machen den Trip zu einer echten Raumfahrt. Shanghais Stadtobere lieben es, den Millionen-Moloch als Cyber-Stadt zu inszenieren. Nur allzu gern lässt man sich davon beeindrucken; meine Arbeit aber fand jenseits der Kulissen statt.
Ein Unterrichtsraum in der Tongji-Universität: schlichte Holzpulte auf blankem Zementboden, weiß getünchte Wände. Gut dreißig Studenten sitzen, ordentlich hintereinander aufgereiht, auf Holzbänken, die fest mit den Tischen verschraubt sind. An der Decke sind zwei große Ventilatoren angebracht, aber die braucht man jetzt nicht, denn es ist Winter. Shanghai liegt südlich der "Heizlinie", mit der die Pekinger Regierung das Land in eine kalte und eine warme Hälfte geteilt hat. Nur der kalte Norden hat Zentralheizung. Davon wissen die Klimaströme nichts; deshalb wird es kalt in Shanghais Klassenzimmern, so kalt, dass man den Atem sieht. Alle Studenten haben sich in Mantel, Schal und Handschuhen hinter die Pulte geklemmt. Vor der Tafel, eingehüllt in eine Wolke aus Kreidestaub, steht ein junger Lehrer aus Deutschland und schreibt mit klammen Fingern "Wie gefällt es Ihnen in Shanghai?"
Es gibt in Shanghai zwei Dutzend Hochschulen, Tongji ist die größte davon. 36.000 - die Zahl der Studierenden ist genauso hoch wie an der RUB. Aber auf dem Campus geht es ganz anders zu. Egal, ob Mittwochabend oder Sonntagmorgen - die Wege, die sich zwischen den Unterrichtsgebäuden und Wohnheimen hindurch schlängeln, sind immer dicht bevölkert. Kein Wunder, denn die Studenten wohnen fast alle auf dem Campus. Ein Wohnheimzimmer, das nicht größer ist als ein durchschnittliches deutsches Wohnzimmer, teilt man sich zu acht oder zu zehnt.
Da haben es die "foreign experts" im eigens für sie gebauten "Expertenhaus" komfortabler. Auch ich als Deutschlehrer genoss Expertenstatus, logierte mietfrei in einer geräumigen Zwei-Zimmer-Wohnung und hatte damit das Fünffache dessen an Wohnraum, womit ein Durchschnitts-Shanghaier auskommen muss. Ich hatte sogar einen Blick ins Grüne. Aber keiner der an der Tongji tätigen deutschen Lektoren könnte auf dieses Refugium verzichten, denn Leben und Unterrichten in Shanghai sind spannend, aber auch anstrengend.
Die etwa 500 Frauen und Männer, die in den Intensivkursen Deutsch lernen, verfolgen fast alle ein Ziel: Sie möchten so schnell es geht nach Deutschland um dort zu studieren, vorzugsweise Maschinenbau, Informatik oder Wirtschaftsingenieurwesen. Dafür müssen sie zunächst den Nachweis über Grundkenntnisse des Deutschen erbringen. Das Pensum ist enorm: In fünf Monaten sollen sie die gesamte deutsche Grundgrammatik und 2.500 Vokabeln in ihre Köpfe stopfen.
Grammatik und Wortschatz vermitteln chinesische Lehrer, die Lektoren aus Deutschland sollen meist "Konversationsunterricht" erteilen. Doch an Konversation, die den Namen verdient, ist in Anfängerkursen nicht zu denken. Um Inhalte zu transportieren, müssen Lerner und Lehrer an die Grenzen ihrer sprachlichen, schauspielerischen und zeichnerischen Fähigkeiten gehen. Der Mut zur Peinlichkeit ist für diese Arbeit Bedingung. Dabei darf man freilich nicht zu weit gehen, sonst lässt die Angst vor Gesichtsverlust manchen Schüler verstummen. Was das angeht, braucht sich der Lehrer kaum Gedanken zu machen: Als "Lao Wai" (Ausländer) genießt er weitgehend Narrenfreiheit.
Das Leben eines "foreign experts" in Shanghai ist überhaupt reich an Glücksmomenten. Etwa wenn der Taxifahrer die Angabe des Zielortes auf Anhieb versteht. Oder wenn man über die Prachtstraße Nanjing Lu schlendert und von irgendwo aus dem Menschenstrom den Gruß aufschnappt: "Hallo, Lehrer!" Spätestens wenn man in der 88. Etage des Grand Hyatt Hotels sitzt und in der "Sky Bar" an seinem "Shanghai Space Enhancer" nippt, einem kobaltblauen Cocktail mit silbernen Siruptröpfchen, wird einem klar: Nirgends kommt man so schnell so hoch hinaus wie in Shanghai.
 

 

Lektor in Shanghai
Derzeit sind ca. 40 deutsche Lektoren an den Hochschulen Shanghais tätig, etwa die Hälfte davon an den Instituten der Tongji-Universität. Die meisten Lektorate werden vom DAAD vermittelt, für einige kann man sich jedoch direkt beim jeweiligen Institut bewerben. So vergibt etwa das Deutsch-Kolleg der Tongji-Universität jährlich fünf "freie" Lektorate. Voraussetzung ist i. d. R. ein abgeschlossenes philologisches, wenn möglich germanistisches Studium.
Infos: www.deutsch-kolleg.com/deutsch/Deutsch.html.
Dr. Heidrun Stratmann (Akademisches Auslandsamt, Bereich Deutsch als Fremdsprache, Tel. 25106) ist im Rahmen der Partnerschaft RUB / Tongji fürs Entsenden eines Deutschlektoren nach Shanghai zuständig.

 

 

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02.05.2001