| Brainpool ohne Statusgrenzen | |
| Zukunft der Ruhr-Uni | |
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| Nachdem ich die Rampe im Musischen Zentrum, wo sonst nur
Kultur stattfindet, erklommen habe und zum Garderobenvorraum des großen
Saals vorgestoßen bin, bekomme ich erst mal ein Namensschild - damit jeder
der Anwesenden gleich weiß, wer ich bin. Dann einen kleinen grünen Punkt
auf einer Abziehfolie. Was soll ich denn damit? "Bitte kleben Sie ihn hier
auf diese Wand, je nach Erwartungshaltung", werde ich freundlich aufgefordert.
Na ja, da ich nicht so genau weiß, was mich hier erwartet, bringe ich ihn
in der Nähe von "skeptisch" an. Da, wo mindestens genauso viele Punkte prangen
wie bei "zuversichtlich". Zwischen beiden Polen sind die wenigsten zu sehen. Am 31. Januar hat das Rektorat der RUB zu einer ungewöhnlichen Veranstaltung geladen. Als "experimentell" wurde sie vorher bezeichnet, ein "Versuch" sollte es sein, um sich auf neue Art mit der Fächer- und Organisationsstruktur zu beschäftigen. Was muss sich an der RUB ändern, wie könnte unsere Hochschule in ein paar Jahren aussehen? Über 100 Mitglieder (darunter nur sehr wenig Studierende) der RUB finden sich morgens um neun ein und sind bereit, sich auf das Experiment einzulassen. Der Rektor macht in seiner Begrüßung deutlich, dass die Veranstaltung nicht schwerelos im Raume schwebt: Qualitätspakt und Expertenrat bilden den Kontext. Das war allen Anwesenden vorher schon klar, weniger hingegen, wie diese große Gruppe überhaupt arbeiten sollte. Aus der Organisationspsychologie entliehen, machten wir es wie große Unternehmen. Gruppenarbeit abwechselnd mit Diskussionen im Plenum und Vorträgen, Vorstellung von Arbeitsergebnissen im Plenum - und ein "Fishbowl" war auch dabei ... Das alles versehen mit strikten Zeitvorgaben. Das erste Ziel der Veranstalter ist schnell erreicht: Ein farbiger Zettel, willkürlich gezogen, entscheidet, in welcher Arbeitsgruppe ich lande. Ich schmore nicht im eigenen Saft und bleibe nicht bei den Leuten, die ich sowieso schon kenne, sondern befinde mich bis auf weiteres in einer Arbeitsgruppe, der u. a. ein Dekan, ein Studienfachberater, der Geschäftsführer einer zentralen wissenschaftlichen Einrichtung der RUB, ein Dezernent und die Leiterin des Studienbüros angehören. Die Gruppe wählt einen Moderator, einen Protokollanten und einen Zeitnehmer (Letzteres fällt mir zu), dann geht es los: Warum bin ich hier? Welche Frage brennt mir am meisten unter den Nägeln? Noch geht es um den eigenen Arbeitsbereich in der RUB, den man somit auch den anderen Gruppenmitgliedern umreißt. Was stimmt mich zuversichtlich, was finde ich völlig inakzeptabel? Egal ob Dekan oder Volontär, jeder verfügt über die gleiche Redezeit, seine Anliegen vorzubringen, und wenn der Studienfachberater aus den Naturwissenschaften zu lange spricht, interveniert der Zeitnehmer. Anschließend sammelt die Gruppe. Gemeinsamkeiten suchen und Konsens finden, um eine Bestandsaufnahme, nein: einen Ausschnitt der aktuellen Organisationsstruktur der RUB zu thematisieren und kritisieren - auf einer Stellwand. Ganz klassisch mit Papier und Stift visualisieren wir die Arbeitsergebnisse, anschließend werden alle zu Nomaden. Das "Wanderplenum" geht umher, schaut auf die Tafeln der anderen Gruppen. Vieles davon erwähnt auch der Prorektor für Struktur, Planung und Finanzen in seinem anschließenden Vortrag. Dazu kommen einige offene Fragen, manchem ist der Vortrag zu provokativ, anderen zu reaktiv und strukturkonservativ - kurz: Anlass genug, sich wieder in der vertrauten Arbeitsgruppe einzufinden und Zustimmung, Kritik und Antworten auf den Vortrag zu sammeln, die dann im Plenum diskutiert werden. Aber nicht von allen Teilnehmern auf einmal. Hier kommt besagter "Fishbowl" zum Einsatz, ein innerer Kreis im Plenum, in dem sich die Moderatoren der Arbeitsgruppen einfinden. Wieder gilt eine strikt begrenzte Redezeit. Ein Sitzplatz bleibt frei für Wortbeiträge aus dem Publikum. Interessant, was Organisationspsychologen sich so ausdenken. Wer nun allerdings denkt, er könnte auch für den Rest des Tages in "seiner" Arbeitsgruppe bleiben, denkt falsch. Die beiden externen Moderatorinnen - extern, weil sie weder dem Rektorat noch der Verwaltung der RUB angehören - filtern aus der Diskussion sechs Themen heraus. Nach dem Mittagessen heißt es, eines davon auszuwählen. Ich gehe zur Stellwand "Willensbildung in der RUB - interne Kommunikation/Rolle der Gremien". Der Studienfachberater aus den Naturwissenschaften ist auch hier, der Dezernent aus der Verwaltung interessiert sich für dieses Thema, doch zu unserer Arbeitsgruppe gehören nun auch zwei Studenten, ein Professor aus den Geisteswissenschaften, der Pressesprecher der RUB und jemand aus dem Weiterbildungszentrum. Die Karten werden neu gemischt, ein Moderator, ein Protokollant, ein Zeitnehmer gefunden, und nun beschäftigen wir uns mit einem konkreten Thema, das wir, wie könnte es anders sein, nach der streng limitierten Rede- und Diskussionszeit visualisieren. Die jeweiligen Moderatoren stellen die Ergebnisse dann im Plenum vor. Dabei kommt die "Lean-Universität Bochum" im Jahre 2010 mit nur noch vier Fakultäten ebenso aufs Tapet wie die derzeitige Routinearbeit der Gremien oder Maßnahmen, um das Image der RUB zu verbessern: Szenarien, Was-wäre-wenn und Beleuchtung von Bestehendem. Ein Brainpool mit vielen Ideen, teils unausgegoren, teils recht fundiert - nicht mehr? Doch, das Rektorat wird diese Veranstaltung mit ihren Ergebnissen zum Anlass nehmen, eine etwa 16- bis 20-köpfige Arbeitsgruppe einzusetzen, die sich ab dem Sommersemester intensiv mit der Zukunft der RUB beschäftigt und dabei die Empfehlungen des Expertenrats mit in ihre Überlegungen einbezieht. Die Veranstaltung selbst jedoch hat auch etwas gebracht: eine neue Form der Gesprächs- und Diskussionskultur in unserer Hochschule über alle Statusgrenzen hinweg. Also doch in gewissem Sinne Kulturelles an diesem Mittwoch im MZ. Schade nur, dass so wenig Studierende da waren. Jens Wylkop |
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| 01.04.2001 |