| Sinti und Roma in der Schule | |
| Pädagogische Fachtagung an der RUB | |
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| Lustig ist das Zigeunerleben? Keineswegs! Dass es entgegen
der romantisierenden Volksweise für die etwa 1,8 Mio. Sinti und Roma in
der EU (davon 130.000 in Deutschland; Zahlen: EU-Kommission 1997) nicht
lustig zugeht, zeigt schon der Schulalltag. Viele Jugendliche sind aufgrund
von Benachteiligungen frustriert und bleiben der Schule fern. Sinti und
Roma (sie sind seit 1995 in der EU als nationale Minderheit anerkannt) besitzen
zwar ein Bildungsrecht, aber keine Bildungspflicht. Auf der Fachtagung "Die Schulsituation von Sinti und Roma in Europa - Eine Herausforderung für die pädagogische Theorie und Praxis" im Februar an der RUB formulierte Christina Thomas (Uni Bielefeld) dies als "geteilte Bildung". Eine Herausforderung stellt die Diskriminierung der seit mehr als 600 Jahren in Europa lebenden Bevölkerungsgruppe alle Mal dar: Die Fremdzuschreibung "Zigeuner" gilt als Schimpfwort. Und: "Innerhalb der EU sind 700.000 Kinder und Jugendliche schulisch sehr schlecht betreut", erklärt die Organisatorin der Tagung, Dr. Sabine Hornberg (Institut für Pädagogik). Den Hauptgrund dafür sieht sie im "europaweit nationalstaatlichen und auf Assimilation bedachten Bildungswesen." Vor zwei Jahren war selbst an der RUB ein Seminar zur Schulsituation von Sinti und Romas noch umstritten. Doch mit der Unterstützung der Tagung sind die Bochumer Pädagogen nun wegweisend in Deutschland. Man spricht wenig über positive Beispiele. Das wollte Rheinhold Lagrene (Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma, Heidelberg) deutlich machen: "Die 70.000 Sinti und Roma mit gesichertem Aufenthaltsstatus in Deutschland verstehen sich als Bürger dieses Staates." Er empfindet, dass die europäische Lage nicht mit der deutschen vergleichbar sei. Schließlich sei er selbst mit seinen Eltern niemals umher gezogen und stets sesshaft gewesen; der Schulbesuch war selbstverständlich. Schulpflicht ist jedoch nur ein Privileg deutscher Staatsangehöriger. Kinder von Bürgerkriegsflüchtlingen, zu denen auch aus Süd- und Osteuropa geflohene Sinti und Roma zählen, besitzen nur ein Schulbesuchsrecht. Der ungesicherte Aufenthaltsstatus, geringe Deutschkenntnisse und schlechte Wohnverhältnisse sind motivationsraubend und erschweren den regelmäßigen Schulbesuch, machte Christina Thomas deutlich. Hinzu tritt die elterliche Furcht vor dem schulischen Einfluss auf Tradition und Familie. Dennoch stellte Prof. Christel Adick (Institut für Pädagogik) die Frage, ob die EU nicht doch wichtige Projekte für die schulische Bildung von Sinti und Roma in Gang gesetzt habe, z. B. Eingewöhnungs-, Vorbereitungs- oder Übergangsklassen mit einer zusätzlich betreuenden Lehrkraft neben dem Regelunterricht. Die Einrichtung von "Stammschulen" am Winterstandort der Fahrenden sowie der "Stützpunktschulen" fürs Lernen während der Reise wurden besonders hervor gehoben. Eines wurde bislang aber noch nicht angepackt: Schulunterricht in Romanes. Doch, so Adick fordernd, "jedes Kind hat das Recht auf Bildung in seiner Muttersprache!" Thea A. Struchtemeier |
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Buchtipp: Sabine Hornberg (Hg.): Die Schulsituation von Roma und Sinti in Europa. Reihe "Historisch-vergleichende Sozialisations- und Bildungsforschung", hg. v. Christel Adick. IKO Verlag, Frankfurt/M. 2000. Die Aufsatzsammlung zeigt aus verschiedener europäischer Ländersicht die jeweilige Schulsituation von Sinti und Roma. Sie stellt zudem von der EU geförderte Initiativen vor. |
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| 01.04.2001 |