Lizenz zum Kreide holen
   
  Fachpraktikum in New York City
 
  8.20 h, der Unterricht beginnt mit dem Zeit schluckenden Verlesen der Anwesenheitsliste. Noch eine Viertelstunde lang stolpern Schüler in den Klassenraum. Ihre monotone Antwort: "I was standing in line". In der Schlange stehen, um ein Schulgebäude zu betreten? Die 2.500 Schüler der Washington Irving High School (WIHS) im Herzen von New York City passieren jeden Morgen ein Tor mit Metalldetektoren, müssen ihre Taschen durchleuchten und sich von Sicherheitsbeamten durchsuchen lassen. Grund: Angst vor Waffenbesitz.
An der Schule arbeiten zwölf bewaffnete Sicherheitskräfte, die ständig durch die leeren Gänge des Schulhauses patrouillieren. Während der Unterrichtszeiten darf sich dort kein Schüler aufhalten - es sei denn er hat einen "Pass", der ihn ausdrücklich zum Verlassen des Klassenraumes (zum Toilettengang oder zum Kreide holen) "autorisiert". Jeder Schüler besitzt eine ID-card, die er dem Schulpersonal auf Verlangen vorzeigen muss; Besucher bekommen einen vorübergehenden Ausweis, so dass niemand, der das Gebäude betritt, unregistriert bleibt. Der schulinterne Disziplinarcodex regelt und ahndet alles: z. B. das Verbot des Tragens von Kappen und Schweißbändern (Bandenbildung über äußere Identifikationszeichen). Sanktionen sind Nachsitzen, doppeltes Nachsitzen, Elterngespräche, Schulverweis.
Man könnte denken, die Schule sei die reinste Moralanstalt, in der die Schüler in Uniform in Reihen sitzen und kaum zu atmen wagen. Der Schulalltag stellt sich jedoch gänzlich anders dar: Die Schüler rennen über die Gänge, sie müssen ständig ermahnt werden, ihre Kappen wenigstens im Unterricht abzunehmen und trudeln morgens ein, wann immer sie wach geworden sind. Aber nicht nur die Schüler werden mit Vorschriften überhäuft, auch die Lehrer müssen genaue Rechenschaft über ihr Handeln ablegen. Im Zentrum jeder schulischen Aktivität steht die Evaluation. Zu Beginn des Schuljahres werden in der Lehrerkonferenz vom Schulleiter die Resultate aller im letzten Halbjahr angebotenen Kurse verlesen; die mit der geringsten Durchfallquote werden beklatscht. Die neuen Lehrer bekommen einen Zettel, auf den sie ihre Ziele für das Unterrichtsjahr schreiben und darlegen sollen, wie sie diese zu erreichen gedenken und ihre Realisierung überprüfbar machen wollen. Ob man aber die Qualität einer Lehrveranstaltung an der Menge der bestandenen Examen bemessen kann? Die Lehrer stehen so unter starkem Druck. Sie wissen, dass eine hohe Durchfallquote auf mangelnde Kompetenz zurückgeführt wird. Konsequenz: Statt einem, werden schon mal zwei Augen zugedrückt, um möglichst viele Schüler bestehen zu lassen. Das wissen die Schüler natürlich.
Höchst interessant ist der ESL Unterricht (English as a second language) für Immigrantenkinder. Die Durchführung ist jedoch oft wenig effektiv - wenn z.B. eine Klasse aus 30 Chinesen besteht, die Englischlehrerin jedoch kein Wort Chinesisch versteht. Bei Gruppenarbeiten hört man nur noch chinesisches Gemurmel und die Lehrerin weiß sich nicht anders zu helfen, als durch einen Pfiff mit der Trillerpfeife zum Englisch reden zu ermahnen.
Auf die WIHS gehen Afroamerikaner, Hispanos, Asiaten und Schüler anderer ethnischer Gruppen; der gemeinsame Schulalltag klappt relativ problemlos, in den Pausen hört man die Schüler auf Spanisch und Mandarin diskutieren, Englisch wird immer wieder als Begegnungssprache eingesetzt. Schon hieran wird deutlich, dass sich die amerikanische Schulrealität sehr von der deutschen unterscheidet. Während deutsche Schulen jedoch vermehrt auf das als "professioneller" angesehene amerikanische System schielen und man hier in Zukunft Evaluation größer schreiben wird und über ein "Schulmanagement" nachsinnt, favorisieren die Amerikaner zunehmend das europäische Modell, u.a. mit Curricula.
Es ist interessant, sich einen Einblick in das amerikanische Schulsystem zu verschaffen und Impulse mit nach Hause zu nehmen, aber die amerikanische Schulrealität ist eben völlig anders. Und bevor es so weit kommt, dass auch bei uns Metalldetektoren und Sicherheitskräfte zum schulischen Alltag gehören und die Lehrer mit der geringen Durchfallquote ihrer Schüler prahlen, ist die deutsche Realität doch vorzuziehen. Claire-Marie Jeske (Die Autorin studiert an der RUB Hispanistik und Germanistik auf Lehramt und absolvierte ihr Fachpraktikum in Spanisch in New York City)
   
   
   
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01.02.2001