Endlose Reisen
   
  Peter Scholl-Latour an der RUB
 
 

Ein nicht alltägliches Hauptseminar findet in diesem Winter an der RUB statt. Der Journalist und Bestsellerautor Dr. Peter Scholl-Latour, dem im Oktober 1999 auf Initiative der Sektion für Publizistik der Professorentitel verliehen wurde, ließ es sich nicht nehmen, seine langjährigen Erfahrungen mit den Studenten der Sektion zu teilen. Diese "Premiere" nahm Tanja Schepers zum Anlass, dem Globetrotter Fragen über seine Studenten, die Uni und die Freuden eines langen Journalistenlebens zu stellen.

RUBENS: Sie leiten an der RUB ein Hauptseminar über Auslandskorrespondenten. Wie kam es dazu?
Scholl-Latour: Im Herbst 1999 wurde ich zum Professor ernannt und das will ich nicht nur als Ehrentitel mit mir herumtragen. Abgesehen davon möchte ich auch Kontakt zur jungen Generation haben. Ich bin ja beinahe 77. Letztlich hat die Tatsache, dass ich in Bochum geboren bin und ein paar Jahre hier gelebt habe, auch eine große Rolle gespielt.

Das Seminar läuft seit etwa drei Monaten. Wie sind Ihre Eindrücke von der RUB und ihren Studenten?
Zunächst mal würde man den Bau heute vermutlich anders gestalten. (lacht) Er ist zwar ein bisschen bedrückend, aber die Atmosphäre finde ich außerordentlich sympathisch. Die Studenten sind interessiert. Ich war allerdings auf ein bisschen mehr Widerspruch gefasst. Meine Thesen entsprechen ja nicht immer der politischen Korrektheit. Die Jugend ist da doch viel unvoreingenommener und viel weniger ideologisch als man oft meint. Es würde allerdings noch mehr Spaß machen, wenn die Studenten auch mal versuchten, mich zu provozieren!

Weshalb, glauben Sie, sind die Studenten so zurückhaltend?
Das ist ja heute leider für den beruflichen Fortgang nötig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein junger Redakteur auf einmal mit einer völlig anderen These kommt als die seiner Redaktion. Ich kann mir Vieles leisten aufgrund meines Alters. Aber wenn ein junger Kollege so etwas wie mein Buch über den Konflikt in Israel, "Lügen im Heiligen Land", schreiben würde, mit den Bemühungen auch die Palästinenser zu verstehen, könnte er in den deutschen Redaktionen großen Ärger bekommen.

Sie haben nie ein "journalistisches" Fach studiert, stattdessen politische Wissenschaft und Orientalistik. Wie kamen Sie trotz oder wegen dieser Fächer zum Journalismus?
Ich hatte mein Studium in Paris begonnen, Sciences Politiques. Dann ging mir das Geld aus. Ich hatte vorher eine Reise durch die sowjetische Besatzungszone gemacht und versuchte eine Reportage über diese Reise in Paris verkaufen. Ich bin von einer Zeitung zur anderen gelaufen. Zum Schluss habe ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und bin zu Le Monde gegangen. Der Deutschlandredakteur sagte "Mais c'est très intéressant". So hatte ich meine ersten Artikel auf Seite 1 von Le Monde. Das gibt Mut! Damit bin ich in Saarbrücken als Volontär angetreten.

Trotz der Arbeit bei der Saarbrücker Zeitung haben Sie weiter studiert?
Damals erschien die Zeitung nur zwei, drei Mal in der Woche, so dass ich mich zwischendurch in den Zug setzte und nach Paris fuhr. Das war zwar ein ziemlicher Stress, aber so habe ich als Student schon größere Auslandsreportagen gemacht. 1951, da war ich 27 - wir waren ja alle ein bisschen älter durch den Krieg -, habe ich meine erste große Orientreise gemacht. Ich habe von da an praktisch nie aufgehört zu reisen.

Kann man sich vornehmen, ein solches Leben zu führen?
Bestimmt nicht. Wenn ich Pech gehabt hätte, wäre ich bis zur Rente Redakteur in Saarbrücken geblieben. Aber mein Chefredakteur hatte damals wohl Angst, dass ich ihn verdrängen würde. Es war wohl das geringere Übel, mir einen Betrag mit zu geben, der gerade ausreichte, um zu überleben und mich fern der Redaktion zu halten (lacht). Solche Zufälle spielen natürlich immer eine große Rolle.

Was war ihr größter persönlicher Erfolg?
Das war mein Durchbruch 1960. Ich war gerade nach Afrika aufgebrochen. Auf dem Schiff - ich fuhr damals von Marseille aus - erfuhr ich, dass sich im Kongo die Unabhängigkeit zu einer gewaltigen internationalen Krise entwickelte. Und ich saß auf dem Schiff fest und dachte, jetzt hast du wieder eine Chance verpasst. Die Krise beruhigte sich vorübergehend und alle Journalisten reisten ab. Als ich dann ankam, war auf einmal die Hölle los. Und nicht ein Journalist da außer mir! So berichtete ich plötzlich für fast alle ARD-Sender.

Orientalisten werfen Ihnen vor, immer wieder die "islamische Bedrohung" zum Thema zu machen. Auf der anderen Seite haben Sie Kontakte zum Islamrat und gelten als profunder Kenner. Wie passt das zusammen?
Zunächst einmal habe ich ja in Beirut ein Diplom in Orientalistik gemacht. Die meisten Kollegen haben ihre Studien an deutschen Fakultäten gemacht. Außerdem hat mir jemand mal gesagt, ich werde bei den deutschen Orientalisten niemals populär werden. Wenn die etwas veröffentlichen, haben sie eine Tausenderauflage. Ich habe 150.000. Ich genieße in Deutschland eine große Anhängerschaft unter den Türken, Persern und Arabern. Die sind mir wichtiger als die paar deutschen Orientalisten, die frustriert sind.

Was machen Sie denn anders als die Wissenschaftler?
Ich habe nie versucht, den Islam zu verharmlosen. Die Aufklärer möchten den Islam entkernen, um ihn auf das Maß unserer Vorstellungen von Menschenrecht und Demokratie zu bringen. Der Islam hat aber ein anderes Weltbild. Und dann gibt es die Kategorie der Schwärmer. Die forschen über Bewegungen, die zwar über die Liebe Gottes gesprochen haben, aber dennoch kriegerische Orden waren. Die Muslime akzeptieren das. Die deutschen Schwärmer nicht.

Sie sind mittlerweile 76. Wollen Sie irgendwann eine Autobiographie zu schreiben?
Bestimmt. Ich habe auch bereits einen Vertrag dafür. Aber solange es geht, werde ich reisen. Wenn ich nur noch im Sessel sitze, werde ich meine Erinnerungen aufschreiben. Ich denke an eine zusammengefasste Darstellung meiner Reisen. Dann könnte man einiges einfach besser einordnen und Vergleiche anstellen.

Dafür wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Eine Frage zum Schluss, die ich mir im Seminar immer wieder gestellt habe: Welche Länder haben Sie eigentlich noch nicht gesehen?
Nun ja, in Bhutan war ich noch nie. Da sind die Einreiseformalitäten sehr strikt. Die Antarktis kenne ich auch nicht. Und Grönland. Das bedauere ich auch sehr. Da würde ich schon gerne noch mal hin.

 

 

VITA
Peter Scholl-Latour wurde 1924 in Bochum geboren. Er studierte in Paris und Beirut. 1960 wurde er ständiger Korrespondent der ARD in Afrika, bevor er 1963 die Leitung des Frankreichstudios der ARD übernahm. 1969 kehrte er nach Deutschland zurück, um zwei Jahre als Fernsehdirektor des WDR tätig zu werden. Als Chefkorrespondent für das ZDF ging er 1971 wieder nach Paris. 1983 wechselte er als Chefredakteur und Herausgeber zum Stern. Er ist seit seinem Ausscheiden dort bei als Dokumentarfilmer und Schriftsteller tätig. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen "Der Tod im Reisfeld" (1980), "Allah ist mit den Standhaften" (1983) und "Der Wahn vom himmlischen Frieden" (1990). Scholl-Latour wurde u. a. mit dem Grimme-Preis, der Goldenen Kamera und der Straßburger Goldmedaille für deutsch-französische Annäherung ausgezeichnet.

   
   
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01.02.2001