| Der Experte für den Kalten Krieg | |
| Prof. Filitow an der RUB | |
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| Die Freiheit der Bücher war es, die Prof. Alexei Filitow
am meisten beeindruckte, als er im letzten Herbst einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt
am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte (Prof. Bernd Bonwetsch) verbrachte.
Damit meinte er aber nicht die Freiheit von Forschung und Lehre - vielmehr
genoss er es, in der Unibibliothek selber durch die Reihen zu stöbern und
die Bücher ohne Vorbestellung eigenhändig aus den Regalen zu nehmen. Das war nach seinen Worten der offensichtlichste Unterschied im universitären Leben zwischen der RUB und der Moskauer Akademie der Wissenschaften (AdW). Dort muss jedes Buch und jede Zeitung vorbestellt werden, nur im Lesesaal können Studierende und Professoren die Bücher einsehen. Auch die Uni selbst gefällt dem 62-Jährigen. Den grauen Betonklotz, der oft als abschreckend empfunden wird, kommentierte er auf ganz eigene Weise. "Die Uni ist nicht hässlich, die Bauweise ist sparsam. Durch schöne Architektur lernt man auch nicht mehr." Nach dem Studium der Geschichte an der Moskauer Lomonossow-Universität war er seit 1960 anfangs als Hilfskraft, danach als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der AdW angestellt. Von 1975 bis 1982 war Filitow außerdem Sekretär für die Koordination der Abteilung Geschichte beim Präsidium der AdW. Dieser Posten in der Wissenschaftsadministration füllte den Historiker aber nicht so aus wie seine Vorliebe für die Forschung. Er erschloss nach der Öffnung der sowjetischen Archive große Teile der Dokumente und verband diese Erkenntnisse mit einem Überblick über den internationalen Forschungsstand. So hatte Filitow die ungewöhnliche Möglichkeit, aktuelle Forschungsdiskussionen an konkretem Material zu überprüfen - eine Möglichkeit, von der er in seinen vielen Veröffentlichungen rege Gebrauch machte. Diese Arbeiten begründeten seinen Ruf als führender russischer Experte für die Zeit des Kalten Kriegs. Heute ist Filitow Leitender Wissenschaftlicher Mitarbeiter der AdW. Als Kind wollte der Forscher par excellence Diplomat werden. Seine schulischen Leistungen sollten ihm den Eintritt in das Institut für Internationale Beziehungen ermöglichen. Als ihm dies verweigert wurde, ließ er sich dennoch nicht von seinem Traum abbringen. "Wenn schon nicht die praktische Diplomatie", schmunzelt Filitow, "wollte ich wenigstens theoretisch die Beziehungen zwischen den Ländern verstehen. Deshalb bin ich wohl Historiker geworden." Ein Historiker zudem, der spannend von seinen eigenen Erlebnissen zu berichten weiß. "Niemand kennt sich im Dschungel der institutionellen Prozeduren wie auch der Machtintrigen Moskaus so gut aus wie er", sagt Prof. Bonwetsch über den Kollegen aus Moskau. Dessen Erzählungen aus der Zeit des Kalten Krieges klingen faszinierend - Filitow hat die Geschichte, die er erforscht, selber erlebt. Er erzählt von beschlagnahmten westlichen Büchern und politischem Tauziehen. Er erzählt auch von ersten Kontakten über den eisernen Vorhang hinweg bis zu seiner Habilitation "Der Kalte Krieg. Die historiographische Diskussion im Westen", die 1991 in Rußland noch beinahe völlig ignoriert wurde. Zurzeit beschäftigt sich Filitow mit "Deutschland im Kalkül Moskaus 1941-1961". Dafür plant er noch weitere Aufenthalte in Bochum. Mit Hilfe des Forschungspreises der Humboldt-Stiftung wird er im nächsten Sommer weitere drei Monate und im Jahr 2002 noch einmal zwei Monate an der RUB forschen - mit dem Ziel, Fragen zu beantworten, die die Archive auch zehn Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR noch nicht endgültig klären konnten. Tanja Schepers |
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| 02.01.2001 |