Ein Fest für Calderón
   
  Hispanisten feierten Geburtstag
 
  Wer zu Nikolaus in der Mensa und in den Cafeterien war, wunderte sich gewiss über junge Damen und Herren, die in farbenfrohen Barockkleidern herumliefen und zu einem Fest ins HGB luden. Wer freilich der netten Einladung folgte, landete auf einer der außergewöhnlichsten Veranstaltungen der RUB im vergangenen Jahr - und erlebte, wie einfach es doch sein kann, Menschen für die Wissenschaft zu begeistern.
Zum 400. Geburtstag des berühmten spanischen Dichters Calderón veranstalteten Studierende der Hispanistik und der Lehrstuhl für Romanische Philologie / Iberoromanische Literaturen (Prof. Manfred Tietz) eine knapp siebenstündige "Fiesta Barroca". Gefördert wurde das Projekt von der spanischen Botschaft.
Auf dem Programm standen zum einen kurze und sehr lebendige Vorträge (Manfred Tietz, Wolfgang Matzat, Ulrike Haß, Monika Schmitz-Emans, Ursula Jung) zum Dichter und seiner Rezeption. Calderón, der rund 200 Dramen und Fronleichnamsspiele verfasst hat, steht seit der Romanistik im Mittelpunkt der deutschen Hispanistik. Die deutschen Romantiker waren es auch, die den Spanier zum "Dichtertheologen" stilisierten. Heute hebt man jedoch, wie Prof. Tietz betont, die außerordentlichen gelungenen, unterhaltsamen Aspekte selbst in seinen ernsten Stücken wie "Das Leben ein Traum" oder dem "Großen Welttheater" hervor.
Dieses Theater bildete auch einen weiteren großen Programmpunkt der Fiesta. Ehemalige und gegenwärtige Studierende, darunter eine größere Zahl von Sokrates-Studierenden aus Spanien, trugen Texte vor oder spielten Szenen aus Calderóns Stücken. Einen lebendigen Eindruck von der Realität des spanischen Barocktheaters vermittelten auch Projektionen von Aufführungen, ein Power-Point-Vortrag sowie ein Modell des einzig erhaltenen Theaters aus dem 17. Jahrhundert, das die Feier zierte und demnächst in der Bibliothek des Romanischen Seminars ausgestellt sein wird. Das Modell und eine CD-ROM zeigten, wie spektakulär, lärmend und unterhaltsam im Barock eine Aufführung der Stücke Calderóns gewesen sein muss.
Kein Fest jedoch ohne Tanz und Musik, ohne Speis und Trank. Deshalb wurde zu Gitarrenmusik Flamenco und Sevillanas getanzt, deshalb wurde Rotwein ausgeschenkt und wurden spanische Tapas gereicht, die Studierende zuvor stilecht zubereitet hatten. Dank der Unterstützung der spanischen Botschaft konnte all das den Gästen kostenlos angeboten werden.
Kein Wunder, dass sich diese Geburtstagsfeier, zu der kein Geringerer als Calderón selbst eingeladen hatte, vor den Hörsälen im HGB rasch zu einem Anziehungspunkt für Studierende und Dozenten entwickelte. Ganz bewusst waren die Programmpunkte so terminiert, dass sie in die Vorlesungspausen fielen und so auch sehr viele Nicht-Hispanisten erreicht wurden, die kann nicht anders konnten, als beim Verlassen ihres Hörsaals innezuhalten, Vorträgen zu lauschen, Filme zu sehen, Tänzer/innen und Schauspieler/innen zuzuschauen oder zu Wein und Tapas zu greifen. Weit über 500 Gäste gratulierten Calderón, der sich übrigens auch persönlich zu Wort meldete und sein Wohlfallen zur gelungenen Party äußerte. ad
Eine Dokumentation der Fiesta ist im Internet zu sehen: http://www.ruhr-uni-bochum.de/romsem/fiesta; zudem kann eine CD-ROM der Power-Point-Präsentation zum Thema "Das spanische Theater zur Zeit Calderóns" erworben werden: Lehrstuhl Prof. Tietz, GB 7/147, Tel. -22625, E-Mail: Catedra.Tietz@ruhr-uni-bochum.de
 

 

Interview "Den schlafenden Riesen wecken"
Am Lehrstuhl von Prof. Manfred Tietz entstand die Idee zur Fiesta Barroca. RUBENS fragte nach.
RUBENS: Herr Professor Tietz. Eine Feier zu einem 400. Geburtstag wird nicht alle Tage an der RUB geboten. Wie kamen Sie auf die Idee?
Tietz: Zunächst einmal war es nicht allein meine Idee, sie entstand in der Tat am Lehrstuhl. Und ohne den Einsatz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wäre sie gar nicht umzusetzen gewesen. Ihnen gilt mein Dank genauso wie den vielen Studierenden, die geholfen haben, die daheim Tapas zubereitet haben, Szenen oder Tänze einübten und während der Feier ausschenkten und halfen. Einen besonderen Dank möchte ich auch der spanischen Botschaft für ihre großzügige Unterstützung aussprechen. Nun zu Ihrer Frage: Zum 400. Geburtstag von Calderón gab es weltweit gewiss zahllose wissenschaftliche Kolloquien. Wir wollten da etwas anderes machen, etwas, das die Studierenden - Hispanisten, vor allem aber auch Nicht-Hispanisten - anspricht.
RUBENS: Das scheint Ihnen gelungen zu sein.
Tietz: Der Zuspruch war in der Tat erfreulich. Es gab eine Menge "Dauergäste" und darüber hinaus eine sehr große "Laufkundschaft". Erfreulicherweise fanden die in das Programm eingebauten wissenschaftlichen Vorträge einen genauso großen Zuspruch wie unsere sonstigen Aktivitäten, die Filme, das Theater, der Tanz. Unser Konzept scheint auf Gegenliebe gestoßen zu sein.
RUBENS: Eigentlich sollten derartige identitätsstiftenden Veranstaltungen wesentlich häufiger stattfinden ...
Tietz: Da bin ich völlig Ihrer Meinung, nur brauchte man dann etwas mehr technische Hilfe. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es auf dem Campus immense technische Möglichkeiten gibt, aber es ist vielleicht doch nicht jedermanns Sache, die schweren Geräte selbst über den Campus zu bewegen, Strippen zu ziehen, Kabel zu sichern oder sich auf Leitern in luftige Höhen zu begeben ... Ein "Supportteam" der Universität hätte uns da sicherlich vieles erleichtert. In der Tat, die Ruhr-Universität ist in dieser Hinsicht ein schlafender Riese. Vielleicht können wir ihn aber gemeinsam wachkitzeln.

   
   
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02.01.2001