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"Es war mein Interesse an den Menschen, das mich zur Medizin gebracht
hat." Sechs Jahre ist es her, dass Prof. Dr. med. Herbert Rusche einen
Lehrauftrag für Allgemeinmedizin an der RUB erhielt. Heute leitet der
Hattinger Arzt den von ihm selbst neu konzipierten Lehrbereich. "Als ich
an der Uni anfing, bestand der Kurs der Allgemeinmedizin aus einer einzigen
Hauptvorlesung, dem eintägigen Praktikum in einer Allgemeinpraxis und
dem halben Tag im Altenheim," erinnert sich Rusche. Ein Bereichsleiter
und acht Lehrbeauftragte betreuten damals 220 Studierende. Die Allgemeinmedizin
war auch noch kein offizieller Lehrbereich. "Wir haben uns damals gefragt,
ob man die Ausbildung in unserem Fach nicht verbessern kann. Und das haben
wir getan."
Im Wintersemester 1998/99 begann das Team um Prof. Rusche ein Reformprojekt,
das in dieser Form an keiner anderen Uni in Deutschland zu finden ist.
Zunächst wurde die Hauptvorlesung abgeschafft und durch Kleingruppenseminare
mit ca. 20 Studierenden ersetzt. "Früher saßen die Studierenden in der
Vorlesung und haben sich das Wissen eintrichtern lassen. Doch es geht
nicht darum, ein Gefäß zu füllen, sondern eine Flamme zu entzünden, das
hat schon Plutarch (50-125 n.Chr.) erkannt", so Rusche. In der Vorlesung
war es schwer, die Studierenden einzubeziehen. In den Seminaren hingegen
können sie ihre persönlichen Erfahrungen und ihren eigenen Wissensstand
viel leichter einbringen. Aktive Beteiligung und Kreativität stehen im
Vordergrund. Der Dozent ist nur der Moderator im Hintergrund. Außerdem
werden verstärkt Visualisierungshilfen wie Metaplankarten, Folien oder
Mind Maps eingesetzt.
Neben den fachlichen Kompetenzen sollen aber auch kommunikative Fähigkeiten
trainiert und weiterentwickelt werden. "Wir wollen die Studierenden auch
auf die alltäglichen Gesprächssituationen im Praxisalltag vorbereiten.
Schließlich müssen sie nach dem Studium z.B. in der Lage sein, ihren Patienten
komplizierte medizinische Sachverhalte verständlich zu erklären. Außerdem
können in kleinen Gruppen viel leichter tabuisierte Themen wie Tod und
Sterben besprochen werden, die später ebenfalls zum Praxisalltag gehören
werden", erklärt Rusche.
Natürlich musste mit der Einführung der neuen Unterrichtsform
auch im Bereich der Lehrenden etwas verändert werden. Die nunmehr 16 Lehrbeauftragten
der Allgemeinmedizin drückten selbst noch mal die Schulbank -
Ziel: ein einheitlicher Professionalisierungsgrad aller Lehrenden. Unterm
Motto "Teachers Teaching" besuchten sie über zwei Jahre hinweg Wochenendseminare
in Rhetorik, Didaktik und Methoden. Zusammen mit dem Projekt "Teamberatung"
im Weiterbildungszentrum der RUB wurden neue inhaltliche Konzepte erarbeitet
und neue Methoden erlernt. "Wir haben einige Elemente des Problemorientierten
Lernens übernommen, nicht aber das ganze Konzept, da uns dafür einfach
die personellen und infrastrukturellen Voraussetzungen fehlen," räumt
Rusche ein. Die Verwendung von unterschiedlichen Lern- und Lehrformen
macht die Lehre jedenfalls nicht nur für die Studierenden abwechslungsreicher,
sondern auch für die Dozenten selbst. Zudem sind die Lehrmethoden heute
immer der jeweiligen Thematik angepasst.
Die zweite große Neuerung fand im Bereich der Praxis
statt. Während die Studierenden früher ein eintägiges Praktikum absolvieren
mussten, ist heute eine 14-tägige Hospitation in einer Praxis für Allgemeinmedizin
Pflicht. "Wenn ich immer nur für einen Tag in einer hausärztlichen
Praxis bin, kann ich weder Handlungsabläufe noch Möglichkeiten und Grenzen
der ambulanten Versorgung erkennen. Das ist mit dem neuen Pflichtpraktikum
anders," betont Rusche.
Seit dem letzten Sommersemester gehört auch die Naturheilkunde mit einer
Ringvorlesung, Akupunkturseminaren und Exkursionen (z. B. Naturheilkundeklinik
Blankenstein, Rheumaklinik Wanne, Manuelle Therapie Hamm) zum Angebot.
Der große Andrang hat schon zu einer Verdoppelung des Seminarangebotes
geführt.
Wenn auch die Studierenden und die Lehrbeauftragten anfangs skeptisch
waren, so haben sich die Vorbehalte rasch verflüchtigt und sind einer
Begeisterung auf beiden Seiten gewichen. Die Dozenten, allesamt praktizierende
Ärztinnen und Ärzte, mussten einen großen Teil ihrer Freizeit für die
Weiterbildung opfern. "Trotzdem waren fast alle sofort begeistert und
haben mitgemacht," erinnert sich Rusche. Bei den Studierenden war das
schon schwieriger. "Die dachten im ersten Moment: Wo bleibt das Wissen,
was mir hier vermittelt werden soll? Später stellten sie dann aber doch
fest, dass sie alle Kenntnisse erlangen, die sie von einem Allgemeinmediziner
erwarten." Wenn Prof. Rusche heute auf das zurückblickt, was sein Team
in den letzten drei Jahren erreicht hat, dann kann er eines mit Gewissheit
sagen: "Die Studierenden werden als Partner gesehen. Sie sind zwar noch
Lernende mit begrenztem Wissen, aber selbst verantwortlich für Lernen
und Verstehen." Claudia Wessolly
Infos & Kontakt: Medizinische Fakultät, Lehrbereich Allgemeinmedizin,
MA 01/254, Tel. (0234) 322 5826, E-Mail: sekretariat@allgmed.ruhr-uni-bochum.de,
Internet: http://www.allgmed.ruhr-uni-bochum.de
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