Clement: "Zusammenschluss der Revieruniversitäten"
   
  Enttäuschender Besuch bei Jahresfeier
 
  Die erste akademische Jahresfeier der RUB am 3. November hätte mehr Teilnehmer und eine lebhafter-fröhlichere Musik verdient; die Reden hatten es jedenfalls in sich. In seiner Begrüßung der knapp 300 Mitgliedern und Gäste - nur wenige Studierende hatten sich ins Audi max verirrt - betonte Rektor Dietmar Petzina, dass Universitäten auch "künftig nur als Gemeinschaft von Lehrenden und Lernenden lebendig sein können". Diese Gemeinschaft sei "unabdingbar zur Identitätsstiftung". Er bekräftigte, dass Hochschulen in den "nächsten Jahren nachdrücklicher als in der Vergangenheit auf Solidarität, Unterstützung, Identifizierung ihrer Mitglieder und Absolventen angewiesen" seien. An den drei Kernaufgaben Lehre, Forschung und Weiterbildung begründete er das Projekt "Zukunft der Ruhr-Universität". Er hob den Willen hervor, das Studium konsekutiv und gestuft mit studienbegleitenden Prüfungen und Kreditpunktsystem zu organisieren, für Transparenz des Angebots, Ausbau der Studienfachberatung und frühzeitige Einbeziehung von Berufsperspektiven ins Studium zu sorgen. In Anwesenheit des Ministerpräsidenten Wolfgang Clement unterstrich Petzina den Anspruch der RUB auf eine Graduate School.
Vor fast leeren Rängen hielt Clement anschließend eine Rede, die noch Tage später deutlichen Nachhall in den Medien finden sollte. Er forderte die Region Ruhrgebiet auf, sich stärker zu modernisieren. Dabei seien Wissenschaft und Forschung das Pfund, mit dem die sie wuchern könne. Nachdem der Ministerpräsident erneut daran erinnert hatte, dass das Ruhrgebiet nicht gerade im Ruf stünde, "Exerzierfeld für eine Städte und kommunale Grenzen übergreifende Zusammenarbeit zu sein", fragte er provokativ: "Wäre die Zusammenfassung der Revierhochschulen zu einer Uni des Ruhrgebiets nicht der Königsweg für an Mehr an Kooperation und Synergie in Wissenschaft und Forschung?" Dabei mahnte er, dass man "darüber nicht nur abstrakt diskutieren, sondern zunächst einmal konkrete Projekte auf den Weg bringen" solle, "die für die Hochschulen dieser Region von gemeinsamen Nutzen sind", eine Mahnung, die zumindest in Essen und Duisburg Gehör gefunden zu haben scheint.
Dem früheren Bochumer Historiker und gegenwärtigen Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Prof. Winfried Schultze, blieb die undankbare Aufgabe, vor nicht einmal 200 Zuhörern die bemerkenswerte Festrede "Die Universitäten in der Wissenschaftslandschaft - Plädoyer für das Machbare" zu halten. In ihr steckte er zunächst die Rahmenbedingungen für das Machbare und Wünschbare der Wissenschaftslandschaft ab. Er erinnerte an die Unterfinanzierung der Universitäten und die sich öffnende Schere zwischen Personalressourcen und Studentenberg, an den Sanierungsberg von 4,7 Mrd. DM allein in NRW. Sein Schluss: "Die Universitäten sind offenbar auch dann nicht kaputt zu kriegen, wenn man sich dabei erhebliche Mühe gibt". Sie seien aber "gut beraten, eine tragfähige Vision zu entwickeln, sich in deren Umsetzung aber am Machbaren und politisch Erreichbaren zu orientieren".
Changierend zwischen zwei Entwürfen, dem progressiven von Detlef Müller-Bölings "Die entfesselte Hochschule" (Centrum für Hochschulentwicklung, Gütersloh) und dem eher konservativen von Arnd Morkels "Die Universität muss sich wehren" (ehemaliger Präsident der Uni Trier), bestimmte Schultze den Platz der Universitäten in der Wissenschaftslandschaft. Sie stünden in dreierlei Beziehung zur wachsenden Komplexität: "Sie schaffen sie mit, sie entwerfen Strategien des Verstehens und geben den Menschen die Fähigkeit, sich in diesem Umfeld zurechtzufinden". Demnach hätten sie im Zentrum des Wissenschaftssystems eine kreative, eine deutende und eine pädagogische Aufgabe. In der Grundlagenforschung sollten sie sich stärker auf außeruniversitäre Partner beziehen und sie inhaltlich um Anwendungsbezüge erweitern. Mit den Reformen der Studienstrukturen entwickle sich die Lehre stärker "in Richtung auf berufsbegleitende Lehr- und Ausbildungsinhalte". Außerdem betonte Schultze, eine weitere Herausforderung an die Hochschulen sei das sich entwickelnde neue Verhältnis zum Staat; ein mehr an Autonomie bedeute, ein "mehr an Handlungsfreiheit auch im Wettbewerb, in dem die Universitäten mit anderen Leistungsanbietern zunehmend stehen werden". Mit dem Verantwortungszuwachs müssten "geeignete Verfahren und Kompetenzbündelung auf vielen Ebenen entwickelt werden."
Schließlich forderte der Vorsitzende des Wissenschaftsrats die RUB auf, "den eingeschlagenen Weg einer Studienstrukturreform mit Augenmaß, aber auch Entschlossenheit weiterzugehen, die Forschungsleistungen weiter zu verbessern, sich nicht in das traditionelle Konzept der ‚Volluniversität' zu verbeißen, offen zu sein für strategische Partnerschaften und Verbünde und das Ziel einer sich autonom weiterentwickelnden Universität nicht aus dem Auge zu verlieren." jk
   
   
   
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01.12.2000