Der Ruschnyk wirbt für die Ukraine
   
  Ukrainistikgruppe ergänzt Slavistikstudium
 
 

Die Erinnerung an ihre Heimat trägt die Farben rot und schwarz. Eingestickt sind sie in den Ruschnyk, eine Art Läufer, mit denen die orthodoxen Gläubigen ihre Ikonen behängen, auf welchem dem hungrigen Gast das duftende Brot gereicht wird oder das glückliche Brautpaar während seiner Hochzeitszeremonie steht. "Rot steht für die Liebe, schwarz für Trauer", erläutert die Ukrainerin Anna Olshevska die archaischen Farben.
Der Ruschnyk verbindet Altes und Neues. Mütter geben ihn ihren in die Stadt und das Ausland ziehenden Kindern mit. Mittlerweile wird das alte Handwerksstück auch industriell gefertigt. Olshevska: "Am Ruschnyk stellen wir unsere Fragen: Wann und wie fanden die durch Beruf und Familie doppelt belasteten Mütter die Zeit, den Ruschnyk zu sticken? Wie und mit welchen Folgen veränderte die Industrialisierung seine Herstellung? Schließlich übernahmen Männer die Ruschnykproduktion." Am Ruschnyk eröffnet sich ein Blick in die weite Ukraine.
Wenig ist bislang über das Land zwischen Polen und Rußland bekannt, das erst 1991 die Unabhängigkeit erlangte. Nur das Laute oder Dramatische verschaffte sich in der Öffentlichkeit Gehör wie die Stoßkraft des Fußballclubs Dynamo Kiew oder die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Das soll durch die Slavistikstudentin Anna Olshevska und Dr. Magda Telus - promovierte Polin an der RUB, derzeit Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig - anders werden. Beide bieten im zweiten Semester und im Rahmen der kleinen Bochumer Studentischen Ukrainistikgruppe ein Ukraineseminar an. "Wir teilen uns die Arbeit", erklärt Telus, die selbst ukrainisch spricht. "Ich unterrichte in Landeskunde, Anna übernimmt die Sprachausbildung." Das auch Nichtukrainer Ukrainisch beherrschen, ist angesichts der ethnischen Vielfalt von Moldawiern, Georgiern, Polen oder Weißrussen im Land nicht ungewöhnlich. Telus weiter: "30 Millionen Menschen sprechen Ukrainisch, allein im Land 15 Millionen. Ukrainisch ist die am meisten gesprochene Sprache nach dem Russischen. Trotzdem ist die ehemalige Teilrepublik der UdSSR immer noch russofon. Die Ukrainisierung ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der neuen nationalen Identität."
Mit ihrem Sprach- und Landeskundekurs sind Olshevska und Telus Vorreiterinnen im Westen. Den einzigen Ukrainistiklehrstuhl gibt es Greifswald, jedoch keinen für ukrainische Literatur und Sprache. "Kaum jemand kennt Taras Sevcenko, dabei ist er ähnlich bedeutsam wie Homer", schildert Olshevska mit einem warmen Blick auf den alten Ruschnyk, der durch ihre Hände gleitet. Deshalb unterstützt das Seminar für Slavistik mit Prof. Helmut Jachnow die Arbeit der beiden jungen Frauen. Und die Fachschaft spendet sogar einen Preis: Wer zwei Semester lang bei der Ukrainistikgruppe durchhält, dem oder der fördert sie die Kosten für die gemeinsame Fahrt in die vom Barock geprägte Westukraine entlang der grünen Schwarzmeerküste auf die mildwarme Krim und in die freigeistige Hafenstadt Odessa. In einem Andenkenladen stöbert sich bestimmt auch ein kleiner Ruschnyk als Souvenir auf - es sei denn, man findet eine Mutter dort, dann gibt es ihn gewiss geschenkt. tas

Infos: Ukrainistikgruppe, freitags GB 05/602, ab 10 Uhr; E-Mail: Anna.Olshevska@ruhr-uni-bochum.de

   
   
   
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01.12.2000