Leserbrief
   
  RUBENS 56, Seite 1 u. 3, "Unter der Haut"
 
 

Ich hatte Ihren Artikel gelesen und beschlossen, zu gegebener Zeit dem anatomischen Nachwuchs unter die Arme zu greifen. Begab mich zu diesem Zweck in das angegebene Institut für Anatomie, MA, 6. Etage. Die Zimmernummer war selbst herauszufinden; nun ja, ich bin ein findiger Mensch.
Nun hatte ich vielleicht auch etwas zu viel erwartet: Sanfte Menschen geleiten einen in einen wohl temperierten Raum mit unaufdringlicher und angemessener Hintergrundmusik. Man versinkt in einem flauschigen Fauteuil und bekommt ein Gratisgetränk seiner Wahl. Schließlich erscheint - diskret - ein freundlicher, weißhaariger Professor, verwickelt einen in ein angenehmes Gespräch und zeigt sich als kompetent, lebensklug, herzenswarm und sensibel. Mit einem dankbaren Leuchten in den Augen ergreift er schließlich meine Hand und drückt sie lange und innig. Zwei gute Menschen haben sich verstanden.
Stattdessen erfahre ich in der 6. Etage, dass ich mit meinem Ansinnen ins Erdgeschoss muss, da wäre jetzt aber das Büro geschlossen, weil unter der Woche nur bis 12 Uhr Personenverkehr. Ich wundere mich darüber, warum das nicht bereits in der RUBENS stand und trolle mich unverrichteter Dinge, wie man in Verwaltungskreisen immer so schön zu sagen pflegt.
An und für sich komme ich nur sporadisch zur Uni, will aber jetzt doch Nägel mit Köpfen machen und begebe mich einige Tage später nur zu dem obigen Behufe gegen 11 Uhr zur Uni. Das angegebene Zimmer MA 0/44 liegt - offenbar bewusst - versteckt. Aber ich bin ja findig und suche auf eigene Faust. Ausgehängte Pläne weisen diese Zimmernummer nicht aus. Nach geraumer Zeit muss ich erkennen: Ich bin auf fremde Hilfe angewiesen. Der 4. Versuch ist erfolgreich. Ein schon grauer Mann, der sich wohl erst im Laufe vieler Jahrzehnte das System der Zimmernummern (gibt es eines?) aneignen konnte, läuft auf eine möglicherweise abgeschlossene(!) Korridortür zu und ist erleichtert, wie ich, als diese aufgeht. Ich beeile mich, das mir bedeutete Zimmer zu erreichen, denn der Zeiger meiner Uhr neigt sich bedenklich der Mittagsstunde zu. Nun stehe ich vor dem Zimmer Nr. MA 0/44 und will schon klopfen, da fällt mein Blick auf ein Schild an der Tür: mittwochs von 7.30 bis 11 Uhr geöffnet. Heute ist Mittwoch, noch vor 12, aber weit nach 11 Uhr!! Ein hilfreicher Mensch im Nebenzimmer kann mir da auch nicht weiterhelfen.
Schauder und Zorn übermannen mich. Schauder: Wenn die schon zu Lebzeiten so mit dir umspringen, wie wird es dir ergehen, nach beendetem Lebensvollzug. Vielleicht verlieren sie dich aufgrund verpasster Öffnungszeiten in einer dunklen Ecke zwischen Cafeteria und Bibliothek und nach acht Jahren sagt irgendeine Putzfrau: "Kuckt mal, da liegt ja was." Zorn (bebender): Sehet, dies ist mein Leib. Aber IHR werdet ihn nicht bekommen! IHR nicht! Echt! Nie und nimmer! Achtungslos: Klaus Wühler

Anmerkung: Falls sich anhand des Artikels weitere Personen zur Körperspende aufgerufen fühlen, hier nochmals kurz die übliche Vorgehensweise: Anruf in der Prosektur (Heidrun Schepers, 0234/32-23970, Mo-Fr 8-12 Uhr); von dort werden Fragebögen und Merkblätter zugesandt, die alles Weitere erklären.

   
   
   
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01.12.2000