| Hundert Jahre für eine Uni | |
| Van: Die östlichste Universität der Türkei | |
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| Schnurgerade führt die asphaltierte Straße immer geradeaus.
Flimmernd tanzt die Hitze am Horizont, dass man denkt, man führe direkten
Wegs hinein in den Kochtopf. Die Nähe zur iranischen Grenze macht sich bemerkbar:
Heute sind es immerhin 40 Grad im Osten der Türkei. Eine scharfe Linkskurve
bricht plötzlich heraus aus dem zitternden Asphalttanz und im Hintergrund
ergießt sich verführerisches mediterranes Blau. Das ist der Van-See (Van
Gölü), mit 3.713 Quadratmetern der größte Binnensee in der Türkei, der sich
an die östlichste Universität des Landes schmiegt. Kleine Fakultäten im
schlichten Kasernenstil mit dem repräsentativen, neu erbauten Rektorat,
das wie ein Flugterminal am Ende einer Einflugschneise seine Gäste erwartet,
reihen sich an einer Strandpromenade, die Urlaubsträume weckt. Junge Pärchen
und Campusfamilien zieht es an sein Ufer - die einen schwimmen in dem hoch
konzentrierten weichen Sodawasser, die Mütter bereiten derweil das Picknick
zu. Erbaut im Jahre 1982 ist die Yüzüncü Yil Üniversitesi in Van noch sehr jung; erst 1992 wurde der Campus fertig erstellt. Mit dem Namen "Yüzüncü Yil" - Universität im hundertsten Jahr - ist die Hochschule ihrer Zeit schon weit voraus, feiert die Türkei mit großen roten Fahnen und dem selbst beherrscht zufriedenem Gesicht ihres Gründers, Mustafa Kemal Atatürk, doch gerade erst ihr 75-jähriges Bestehen. Möge sich ihr Name erfüllen - bis dahin laden in Campusmitte bunte Sonnenschirme zu herbem "Cay" (Tee) oder den kultigen, süßen "Asya" Fruchtsäften ein. Der Cafébetrieb ist gleichzeitig eine Art Mensa. Ihr Chefkoch Remzi Yilmaz aus Stuttgart bietet für die Pausen viele kleine Snacks an. Mehr Aufwand lohnt sich nicht, denn: "Bei uns isst man am liebsten zu Hause." Der typische Van-Student kocht also abends warm oder lässt sich in den Semesterferien von "Hotel Mama" verwöhnen. Um bei "Remzi Bey" zu tafeln oder kurz mal ins seichte Sodawasser zu springen, müssen aber erst die strengen Militärkontrollen am Unieingang überwunden werden. "Der Besuch ist angemeldet? - Kein Problem!", winkt der Soldat am Kontrollpunkt durch - undenkbar an deutschen Hochschulen, aber leider immer wieder und noch präsent in der Türkei. Dabei hat sich die politische Situation seit der Festsetzung des PKK (Guerilla)-Führers Abdullah Öcalan in den kurdischen Gebieten um Van herum entschieden entspannt und einer erwartungsvollen Friedenshoffnung Platz gemacht. Die - wenn sie nicht kaserniert wäre - fände sich fast auch in der Idylle der 100.-Jahr-Universität. Außer den Soldaten und einigen Uniangehörigen der neun Fakultäten, drei Institute und 13 angegliederten Berufshochschulen ist kaum jemand im brütenden Hochsommer an der Uni anzutreffen. Von den 40 Professor/innen, 350 (nicht/wissenschaftlichen) Mitarbeiter/innen und 10.000 Studis kaum eine Spur. Es sind Semesterferien, und auch Rektor Prof. Dr. Yücel Askin (Fakultät für Agrarwirtschaft) weilt gerade in Thailand. Sein Stellvertreter, Prof. Dr. Mehmet Koyuncu, ist aber gerne am Arbeitsplatz Van-Uni geblieben. Der Botaniker findet am Sodasee "die besten Studienbedingungen." Seitdem der 3.050 Meter hohe Vulkan Nemrut (nicht mit dem legendären Kegelgrab des Königs Antiochos bei Kahta / Adiyaman zu verwechseln) den Abfluss zum Murat, einem Quellfluss des Euphrat, verstopfte, erhöhte sich kontinuierlich der Salzgehalt auf 13 Prozent. Nur wenige Pflanzen- und Tierarten leben in seinen Tiefen (bis zu 450 m): kleine Krebse, Rädertiere, Wasserwanzen oder Algen. In den Zuflussmündungen bewegt sich auch noch der seltene Ukelei. "Wegen seiner enormen Ausmaße nennen die Einheimischen den Mamutsee auch ‚deniz'", erklärt Koyuncu. Immerhin ist dieses "Meer" sieben mal größer als der Bodensee. Auch einige Studierende verweilen in diesem Sommer gerne an der alma mater des Ostens: Einer studiert hautnah die kurdische Geschichte - bis vor kurzem noch undenkbar in dem von Krieg gebeutelten Landstrich. Gebürtig aus Diyarbakir findet er neben der Studienauswahl auch positive Worte für die Unileitung. "Beide Rektoren sind wirkliche Demokraten", freut er sich, "als das Militär die Studentenvereine schloss, haben sie dagegen protestiert", erinnert er sich. "Nein", sagt Prof. Koyuncu, "es gibt an der Uni Van weder ein Studentenparlament noch parteipolitische Hochschulgruppen. Aber zwei Studierende gehören dem Senat an." Fremde finden selten den Weg zur Uni, die fast zu Füßen des legendären Ararats (Berg des Schmerzes) liegt; immerhin ist sie 15 Busstunden von der Hauptstadt Ankara und fünf weitere von der europäisch-asiatischen Metropole Istanbul entfernt. Austauschprogramme gibt es nicht. Die Studierenden werden nach amerikanischem Vorbild mittels eines Punktsystems landesweit über die Unis verteilt. Wer in Van studiert, ist oft kurdischer Herkunft oder hat beim Vergabetest der Uniplätze nicht mit bester Punktzahl abgeschlossen. Ganz anders die Situation der Mitarbeiter: Die Uni beschäftigt seit drei Jahren einen Mathematikprofessor aus Moskau; seine Tochter Ilhame Amirali (28) unterrichtet ebenso Mathematik bei den Agrarwissenschaftlern. Trotz der befriedigenden Arbeit, trotz Sonne, Strand und See ist die zweifache Mutter im heutigen Teppichzentrum Van mit seinen 121.000 Einwohnern nicht richtig heimisch geworden. Das wäre vielleicht ein paar Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung, als Van die Hauptstadt des alten Königreiches Uratu war und damals in ihrer kulturellen und wirtschaftlichen Blüte stand, anders gewesen. Jetzt fehlt der gebürtigen Aserbeidschanerin die heimische Metropolenkultur. "Es gibt nur ein Kino in Van", bemerkt sie zu Tode gelangweilt. Deshalb vertreibt sie sich die Semesterferien mit Fahrstunden rund um den See. Mit einem Gehalt von monatlich knapp DM 1.200 steht sich die wissenschaftliche Assistentin im Verhältnis zu Grundschullehrern (DM 500) recht gut und kann sich schon bald ein eigenes Auto leisten - von dem dreifach hohen Luxusgehalt des Professorenvaters ganz zu schweigen. Doch das allein macht nicht glücklich, und so kurvt die Assistentin glücklich mit dem nicht alltäglichen Fang von der Ruhr-Uni Bochum ein paar zusätzliche Übungsstunden auf der gleißenden Asphaltstraße hin und her zwischen altem urartäischem Burgberg und modernem Wissenspalast. tas |
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| 01.12.2000 |