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Genozid fängt mit Prozessen sprachlicher Ausgrenzung an.
Hierfür gibt es zahlreiche Beispiele in der jüngeren Geschichte. Lange bevor
etwa die Nationalsozialisten in Deutschland Konzentrationslager errichteten,
wurden Juden in der kollektiven Rede und im so genannten Volksmund diffamiert
und stigmatisiert, sie wurden mit sprachlichen Mitteln aus der Gesellschaft
ausgeschlossen. Die Mechanismen dieser Exklusion durch Sprache, die Codes
und Muster, die dabei zum Tragen kommen, sind jedoch weitgehend unerforscht.
Ein Projekt dazu fördert nun die Fritz-Thyssen-Stiftung für eine Laufzeit
von zwei Jahren mit insgesamt DM 300.000. "Sprachliche
Strategien der Exklusion in politischer Gewalt: Der Herero-Nama-Aufstand
1904/07 in der zeitgenössischen deutschen Literatur" ist ein Forschungsvorhaben
des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der RUB (Dr. Mihran
Dabag) in Kooperation mit Prof. Uwe-K. Ketelsen (Neugermanistik) und Prof.
Horst Gründer (Historisches Seminar der Uni Münster). Das interdisziplinäre
Projekt untersucht Strategien der Ausschließung anhand eines Beispiels aus
der deutschen Kolonialgeschichte: der Ermordung der Herero und Nama in Deutsch
Südwestafrika (1904/07). Es will damit einerseits einen übergreifenden Beitrag
liefern zur Forschung über sprachliche Strategien als spezifische Form öffentlicher
Gewalt, mit der eine Bevölkerungsgruppe ausgeschlossen wird. Andererseits
soll der Prozess im historischen Kontext betrachtet werden. Einige der konkreten
Fragen lauten: Finden sich in zeitgenössischen literarischen, populärwissenschaftlichen
oder wissenschaftlichen Diskursen über die Herero sprachliche Muster, die
auf exkludierende Konstruktion kollektiver Identität schließen lassen -
z. B. im Sinne binärer Zuweisungen von Eigen und Fremd, Schwarz und Weiß,
Kultur und Natur? Inszenieren sie Differenzen, eine gesetzte Andersartigkeit
der Herero als Bedrohung der Identität der Kolonisatoren? Lassen sich Beziehungen
zu den Legitimationsmustern ihrer Ermordung feststellen? Inwieweit zeigt
sich ein Nebeneinander, inwieweit zeigen sich Überschneidungen der Strategien
"traditionell" kolonialer Gewaltprozesse und "moderner" politischer, das
heißt öffentlich institutionalisierter Gewalt? jw |