| Stelzfüße und Kunstbeine | |
| Serie: Medizinhistorische Sammlung | |
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| In der christlichen Tradition sind Krüppel und Lahme signifikante
Objekte der Nächstenliebe. Ein italienisches Fresko aus dem 13. Jahrhundert
zeigt Jesus bei der Segnung Fußamputierter, die sich auf Gehbänken stützen.
Der heilige Martin teilte seinen Mantel mit einem beinamputierten Bettler.
Die Heiligen Kosmas und Damian, Schutzpatrone der Apotheker und Ärzte, amputierten
der Legende nach einem Kirchendiener das Bein und ersetzten dies durch ein
"Mohrenbein". Auf den Bildern flämischer Meister des 16. und 17. Jahrhunderts sind stelzfüßige Bettler, Amputierte mit untergeschnallten Laufbrettern, Krüppel, die sich mühselig mittels Krücken und Holzböcken daher schleppen, allgegenwärtig. Die Ursachen für den offenbar so häufigen Verlust von Gliedmaßen lagen neben Kriegsschäden in Mangelerkrankungen sowie insbesondere im Ergotismus. Das in alten Chroniken "Antoniusfeuer" genannte Phänomen stellte eine Vergiftung mit den Alkaloiden des Mutterkornpilzes dar. Wenn etwa in Hungerzeiten der von dem Pilz befallene Roggen zu Mehl gemahlen wurde, trat die Krankheit endemisch auf. Die "brandig" gewordenen Extremitäten mussten, wollte man das Leben erhalten, amputiert werden. Während der "gemeine Mann" sich meist selbst seine primitive Gehhilfe angefertigt hat, kamen im 16. Jahrhundert auch von fachmännischer Hand geschaffene künstliche Prothesen hinzu. Eine hervorragende Stellung nahm dabei der Chirurg Ambroise Paré (1510-1590) ein. Sein "Knieruhestelz", das "Holzbein der Armen", blieb bis ins 19. Jahrhundert hinein vorherrschend. Dabei mündete die Stelze in einem U-förmigen Holzstück, in das der Beinstumpf gesteckt und mit Lederriemen festgeschnallt wurde. Für "wohlhabende Edelleute" wurden weit kunstvollere Varianten angeboten, mitunter in der luxuriösen "Harnischausführung". Bei dieser ließ sich das Kniegelenk mittels Seilzug arretieren oder lösen, etwa "wenn man zu Pferde saß". Ein besonderes Problem stellte in allen Fällen die Polsterung des Prothesenschaftes dar, da das Körpergewicht auf dem Beinstumpf lag. Anders als beim Ersatz der oberen Extremitäten, wo schon frühzeitig komplizierte mechanische Vorrichtungen ersonnen wurden - bekanntestes Beispiel ist die berühmte "eiserne Hand" des Götz von Berlichingen (1480-1526) - blieben die "Kunstbeine" lange Zeit recht schlicht. Der oben beschriebene Stelzfuß war bereits seit der Antike bekannt. Für die einfache Ausführung der Beinprothese wurden erst im 19. Jahrhundert - nachdem spezielle Orthopädiewerkstätten eröffnet hatten - Gelenke in Kniehöhe eingeführt. Das abgebildete Beispiel zeigt ein derartiges Model. Als Material wurde Leder in Verbindung mit Stahlschienen oder Holz verwandt, was zu einem erheblichen Gewicht der Apparaturen führte. Die zahllosen "Kriegskrüppel" des Ersten Weltkrieges erforderten eine intensive Beschäftigung mit den Problemen künstlicher Gliedmaßen. Die Einführung von Leichtmetallen in den 1920-er Jahren ermöglichte technische Fortschritte und reduzierte das Gewicht erheblich. Spätere Verbesserungen lagen insbesondere in der Bettung des Beinstumpfes durch präzise Modelliertechnik sowie in den Gelenksystemen. Heutzutage werden "High-Tech"-Prothesen angefertigt, die auf die jeweiligen Bedürfnisse - etwa im Behindertensport - zugeschnitten sind. Michael Martin |
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| 01.12.2000 |