| Bewegte, bewegende Geschichte | |
| 75 Jahre Unikinderklinik im St. Josef Hospital | |
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| Am 25. November feierte die Universitätskinderklinik im St.
Josef Hospital ihr 75-jähriges Bestehen. Die Klinik blickt zurück auf eine
spannende Geschichte, an deren Beginn ein Zufall stand: Das "Hebammengesetz"
von 1922 setzte fest, dass nur Einrichtungen, die eine qualifizierte Ausbildung
in Säuglingspflege gewährleisteten, die Genehmigung erhielten, Hebammen
auszubilden. Deshalb beschloss der Provinzialverband, damaliger Träger der
Hebammenlehranstalt Bochum, ein Säuglingsheim zu bauen. Es
wurde am 1.11.1925 fertiggestellt und hatte 96 Betten für Säuglinge und
74 Betten für Ammen, stillende Mütter und Personal. Gleichzeitig
wurde die Ausbildung von Kinderkrankenschwestern institutionalisiert. Die Diagnostik und Therapie kranker Säuglinge und Kinder kam Ende der 30-er Jahre und gegen viele Widerstände in Gang, nachdem die Stadt Bochum sich bereit erklärt hatte, einen Teil der Kosten zu übernehmen. Erst danach war es möglich, ein Labor und eine Röntgeneinrichtung anzuschaffen und eine technische Assistentin einzustellen. Der Behandlungsbedarf war riesengroß: Die durchschnittliche Liegedauer der betreuten Kinder betrug 26 Tage, 23 Prozent der 1942 behandelten 744 Kinder starben in der Klinik, wobei die Sterblichkeit der Neugeborenen 42 Prozent, die der Säuglinge 53 Prozent betrug. Jedes 10. Kind, das wegen einer Lungenentzündung behandelt wurde, verstarb, ebenso jedes 10. Kind, das wegen einer Durchfallerkrankung eingeliefert wurde. Durch den Krieg verschärfte sich die Situation für die Kinderklinik. Oberarzt Dr. Ballas wurde zur Marine eingezogen, die Klinik musste ins Sauerland verlegt werden. Derweil wurde die Kinderklinik von der Inneren Medizin des Bergmannsheil benutzt, das durch Bombenschäden z. T. nicht mehr zu benutzen waren. Erst 1949 war die Rückverlegung der Kinderklinik möglich. Ihr langjähriger Leiter, Dr. Ballas, schied 1951 wegen Erreichen der Altersgrenze aus. Sein Nachfolger, Dr. Erich Püschel, führte die Bezeichnung "Säuglings- und Kinderklinik" ein. In den folgenden Jahren mussten so viele Kinder aufgenommen werden, dass die nunmehr zur Verfügung stehenden 135 Betten ständig überbelegt waren. Bis zu 50 Prozent der Kinder mussten abgewiesen und in Nachbarstädte verlegt werden. Erst 1963 konnte ein neu erbautes Infektionshaus in Betrieb genommen werden, das zusätzliche 80 Betten bot, 1963 wurde zudem ein Schwesternwohnheim mit 106 Betten fertiggestellt. Etwa zeitgleich wurde die Kinderklinik der Frauenklinik gleichgestellt und Prof. Püschel wurde mit dem Direktor der Frauenklinik gleichberechtigt. In den folgenden Jahren änderte sich die Kinderheilkunde grundlegend. Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Kinderlähmung oder Diphtherie waren rückläufig oder verschwanden, andere, insbesondere neurologische Erkrankungen und Leukämie wurden behandelbar. Im Jahre 1972 wurde Dr. Mietens Leiter der Kinderklinik. In seine Amtszeit fielen die Entwicklung der modernen Intensivmedizin für Neugeborene, die Zunahme allergischer Erkrankungen, besonders aber die Öffnung der Kinderkliniken nach außen: Besuchszeiten wurden nicht mehr beschränkt, Eltern konnten mit ihren Kindern aufgenommen werden, Mutter-Kind-Einheiten wurden geschaffen, Diagnostik und Behandlung wurden durch die Fortschritte der Medizin immer effektiver, die Liegezeiten immer kürzer. Herausragendes Ereignis war die Einbeziehung der Kinderklinik ins Bochumer Modell (heute "Klinikum der RUB") im Jahre 1977. Ihre Bezeichnung war nun "Universitätskinderklinik". Sechs Jahre später wurde die Klinik in die Trägerschaft der Elisabeth Stiftung übernommen und wurde Teil des St. Josef Hospitals. Nach dem Tod von Prof. Mietens wurde die Klinik zwei Jahre lang (1990-92) kommissarisch von Oberärztin Dr. Sperling geleitet. Seit 1992 wird sie, jetzt als "Klinik für Kinder- und Jugendmedizin", von Prof. Christian Rieger geleitet. In diesen acht Jahren gab es weitere wichtige Entwicklungen: U. a. wurde die Neonatologische Intensivstation im Elisabeth Hospital gebaut. Hierdurch konnte die Betreuung Frühgeborener signifikant verbessert werden, die Zahl insbesondere sehr kleiner Frühgeborener unter 1000 g Geburtsgewicht vervielfachte sich. Zudem wurde die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen des Atemtraktes, einschließlich Mukoviszidose, entwickelt, sowie moderne Methoden der Lungendiagnostik einschließlich Lungenspiegelung und Immundiagnostik. Die Kinderklinik begann zudem mit der überregionalen Diagnostik und Betreuung von Patienten mit Muskelkrankheiten und wurde Teil des Muskelzentrums Ruhrgebiet. Als weitere Schwerpunkte entwickelten sich die Gastroenterologie, die Schlafmedizin, die Diagnostik und Therapie entwicklungsgestörter Säuglinge sowie die Diabetologie. Ausgebaut wurde die seit 30 Jahren bestehende Intensivbehandlung von schwer verbrannten Kindern. Insbesondere durch die Hilfe der Elisabeth Wagner Stiftung Essen und durch die Aktivität des Vereins zur Förderung der Kinderklinik e.V. sowie der Elterninitiative Mukoviszidose war es möglich, die Bedingungen der stationären Behandlung auf einen modernen Stand von internationalem Niveau zu bringen. Christian Rieger |
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| 01.12.2000 |