| Der deutsche Bürger Rembrandt | |
| Esser-Preise verliehen | |
|
|
|
| Da sage noch einer, in Doktorarbeiten werde hauptsächlich
für die Schublade geforscht. Das Gegenteil ist der Fall - zumindest wenn
man den Ausführungen der diesjährigen Preisträger/innen der Wilhelm und
Günter Esser Stiftung lauscht. Fünf Stipendien - 1.200 Mark pro Monat für
einen Zeitraum von vier bis elf Monaten - wurden am 11. Oktober im Haus
der Gesellschaft der Freunde der RUB (GdF) vergeben. Sie sollen den Abschluss
der Dissertation frei von finanziellen Sorgen ermöglichen.
Eine der "Gegenleistungen" der Geförderten besteht darin, bei der Übergabe
der Stipendien parallel zu Kaffee und Kuchen ihre Dissertation näher vorzustellen. Zum Auditorium zählten an diesem Mittwoch die Größen der GdF, der RUB, der Stadt Bochum sowie der Esser Stiftung selbst. Die (ausschließlich) Herren hörten nicht nur interessiert zu, sondern erwiesen sich außerdem als in allen präsentierten Wissenschaftsdisziplinen kundig. Das bekam - allerdings auf sehr nette Weise - insbesondere die Germanistin Regine Anacker zu spüren. Ihr Vortrag zu anthropologischen Aspekten der Kunst im Werk des Dichters und Arztes Gottfried Benn animierte beinahe alle Zuhörer zu Fragen und kenntnisreichen Feststellungen. Auch zum Thema Lipasen gab es zahlreiche Fragen und Kommentare. Lipasen (Fettspalten) sind letztlich dafür verantwortlich, dass man (zu) dick wird. Der Biologe Thorsten Eggert (bei dessen Ausführungen unbeeindruckt weiterhin Kuchen verzerrt wurde) möchte herausfinden, wie das verhindert werden kann. Ebenso konkret kommt das Projekt der Bauphysikerin Maja Karutz daher: Wärmedämmung an Gebäuden mittels Putz. Seine Eigenschaften werden bislang in aufwändigen Experimenten (künstliche Bewitterung mit Wind, Regen etc.) untersucht. Um diese Versuche ersetzen zu können, entwickelt Karutz mathematische Modelle zur rechnergestützten Simulation. Der Clou an Formgedächtnis-Legierungen ist, dass sie sich nach der Bearbeitung (z. B. durch Wärme, Druck, Spannung) anschließend von selbst in den Originalzustand zurückbegeben. Deshalb sind die Einsatzmöglichkeiten dieser Stoffe schier unerschöpflich. Gleichwohl sind die Forschungen darüber längst nicht abgeschlossen. Eine der Lücken schließt derzeit der Physiker Michael Kaack. Er testet elastische Legierungen aus Nickel und Titan, die u.a. bei Brillengestellen sowie in der operativen Medizin (wie aus der Zuhörerschaft ergänzt wurde) Verwendung finden. Der Kunsthistoriker Martin Hellmold schließlich beschäftigt sich mit dem Maler Rembrandt. Allerdings nicht mit dessen Leben und Werk, sondern mit dem, was daraus insbesondere zwischen 1850 und 1950 gemacht wurde. Das ist allemal höchst erstaunlich: So funktionierten die Nazis den Niederländer kurzerhand zum Deutschen um. Mehr noch: Rembrandt wurde als Künstler zum unerreichbaren Genie und als Mensch zum Ideal deutscher Bürgerlichkeit stilisiert. Wie zuvor den vier anderen frisch gebackenen Stipendiaten, gelang es auch Hellmold, sein Thema verständlich und spannend zu vermitteln. Alle fünf räumten zwar ein, sich bisweilen wie Gefangene im Elfenbeinturm der Wissenschaft zu fühlen. Doch so lange der Ausbruch so leicht fällt, muss man sich deshalb keine Sorgen machen. ad |
|
| Ihre Meinung ist gefragt! Schreiben Sie uns einen Leser(innen)brief! |
| zurückblättern | zur Themenübersicht | weiterblättern |
| 02.11.2000 |