| Schlechte Laune | |
| New Yorker Beobachtungen | |
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| Nach zwei Jahren DAAD in New York kehrte Manfred Nettekoven
(früher Leiter des Akademischen Auslandsamtes, seit 1.9.2000 stellvertretender
Kanzler und Leiter des Dezernats 7 - Medizinische Einrichtungen) an die
RUB zurück. Er kam nicht mit leeren Händen, sondern brachte ein paar bemerkenswerte
Betrachtungen mit, z. B. zu Launen und Höflichkeit. Ein ganz normaler Verkehrsunfall auf einem New Yorker Bürgersteig: Zwei Menschen, einer davon vielleicht als Teil von einem Menschenschwall, wie er sich morgens gern aus der U-Bahn ergießt, rennen ineinander. Leichte Kollision, unfreiwilliger Körperkontakt ohne schmerzhafte Folgen. Beide sind auf ungewöhnliche Weise engagiert, sich gegenseitig zu entschuldigen. Ungewöhnlich ist dieser Vorgang eigentlich nur für den deutschen Betrachter. Denn in Deutschland würde nur der Schuldige das Unfallopfer um Verzeihung bitten. Das Erstaunliche an einer europäischen Variante des post-Kollisionsgeschehens ist vor allem die Sicherheit und Präzision, mit der auch in Gemengelagen das Element der Verursachung eindeutig heraus gearbeitet werden kann. Statistisch verändert daran auch der Umstand wenig, dass Europäer mit bereits recht fortgeschrittenen Pensionsanspruch in ihren Einschätzungen häufig zur Fremdverursachung tendieren. Aber wieder zurück zum amerikanischen Ausgangsbeispiel. Warum spielt in den USA im Rahmen der sozialen Interaktion nach kleineren Lapsus die Frage der Schuld eine so untergeordnete Rolle? Meine These ist (da im Gegensatz zu Deutschland Höflichkeit nicht bilateral geschuldet wird): Nicht der Gegenüber ist der Ansprechpartner, vielmehr bedeutet hier das "Excuse me, Sir" eher die Artikulation der Zugehörigkeit zur Gruppe der Wohlerzogenen. Sie ist so Ichbezogen wie saubere Fingernägel und strahlend weiße Zähne. "How are you?" ist folglich entgegen der Wortbedeutung ebenfalls Ichbezogen. Auch hier wäre es ein großer Fehler, für die Antwort aus einem anderen Vokabular als "good", "fine" oder "cool" auszuwählen, unumgänglich ist aber die Coda: "And how about yourself?". Unzählige Teutonen sind schon in die Falle gegangen, die Antwort auf die meist gestellte aller Fragen westlich von Irland zu modifizieren und gar einige der Ursachen für ihre latente Depression aufzuführen. Das kommt gar nicht gut im Land der Freien. Es wird missverstanden und führt zu diesen unangenehmen Gesprächspausen. Letztlich aber auch zu der Einschätzung, dass Amerikaner oberflächlich seien. Dabei ist meines Erachtens das Problem weniger eines der mangelnden Tiefe, vielmehr eine Frage der Sozialadäquanz von Hässlichkeiten beim Erstkontakt und innerhalb von eher gesellschaftlichen Kontexten (zu letzterem gehört auch das Gespräch im Hausflur oder auf der Büroetage). In Deutschland ist schlechte Laune sozialadäquater: Zwar darf nicht jeder gleichermaßen schlecht gelaunt sein. Hier gibt es feine Abstufungen nach Besoldungsklasse und Altersgruppe. Bedeutende Menschen knurren bereits zur Unterstreichung ihrer Wichtigkeit. Sie dürfen selbstverständlich auch eine langweilige Rede halten und damit die Zeit aller ihrer Zuhörer stehlen. Das darf in Amerika nicht einmal der Präsident, der sich folglich eine Reihe von Goldfedern hält, die allein mit den Eis brechenden Eröffnungswitzen beschäftigt sind, die lediglich bei Grabreden und Traueransprachen fehlen, vielleicht noch bei der Bemerkung, dass man Saddam Hussein den Krieg erklärt habe. Man gewöhnt sich an die amerikanische Variante dieser sozialen Konvention ganz gut. Das ist so ein wenig wie beim Rauchen. Nach ein paar Monaten USA empfindet man jedenfalls als Nichtraucher diese verqualmten Kneipen in Europa nicht mehr als geruchsneutral. Und analog dazu die schlechte Laune nicht mehr als geschmacksneutral, auf keinen Fall als geschmackvoll. "How about yourself?" Manfred Nettekoven |
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| 02.11.2000 |