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Mit Büchern wie "Anmerkungen zu Hitler" oder "Von Bismarck zu Hitler"
machte sich der promovierte Jurist und Publizist Sebastian Haffner einen
guten Namen als Autor populärer Geschichtsbücher. Hitler und dem Dritten
Reich begegnete Haffner dabei zwar als kenntnisreicher Psychologe, aber
stets sachlich und distanziert und weitgehend vorurteilsfrei. So benennt
er in den berühmten "Anmerkungen" ebenso Hitlers Verbrechen wie dessen
Erfolge und Leistungen - ganz nüchtern und dennoch provokant.
Weitaus weniger distanziert liest sich Haffners
"Geschichte eines Deutschen", ein bereits 1939 im Englischen Exil verfasstes
und nun als Nachlass (Haffner starb 1999) erschienenes Buch. In
ihm beschreibt Haffner das Deutsche Reich der Jahre 1914 bis 1933, wobei
dem Jahr der "Machtergreifung" der Nazis die größte Aufmerksamkeit gilt.
Verständlich, erlebte der 1907 geborene "Geschichtserzähler" den 1. Weltkrieg
und den Beginn der Weimarer Republik noch als kleiner Junge. Dennoch gelingt
es ihm, die Auswirkungen von Krieg, Kriegsende, Revolution, Inflation
etc. gerade auf die eigene Generation plastisch zu benennen: Sie stürzte
praktisch von einer Ausnahmesituation in die nächste, stets waren diese
von brutaler Gewalt und häufig von Nationalismus geprägt. Haffners Folgerung
daraus: Einem Gutteil seiner Generation fiel der Wechsel zum Terror des
Naziregimes ganz und gar nicht schwer.
Ein Wechsel, den Haffner nicht akzeptieren konnte. Obwohl nach eigenem
Bekunden ein Konservativer, waren seine Ansichten und sein Umgang von
Liberalität durchdrungen. Zu seinem Freundeskreis zählten Nationalkonservative
ebenso wie Linke und Juden. Gerade die zügigen Attacken der Nazis gegen
die Letztgenannten schreckten ihn besonders ab. Überhaupt erfahren die
Leser/innen viel über den jungen Haffner, der in der Zeit der "Machtergreifung"
seinen juristischen Abschluss machte - und dabei u.a. hautnah die Gleichschaltung
des preußischen Kammergerichts miterlebte. Ebenso werden Polizeirazzien
im Fasching und die ersten Boykotte jüdischer Geschäftsleute aus erster
Hand geschildert, aber auch das "normale" gesellschaftliche Leben mit
Kino, Kabarett und Weinstube - das Haffner hauptsächlich mit seiner jüdischen
Freundin gestaltet.
Bei allen Schilderungen scheint Haffners persönliche Abscheu gegen das
neue Regime durch, oft genug wird sie in eindeutige Formulierungen gepackt.
Damit unterscheidet sich dieses Frühwerk von Haffners späteren distanzierten
Darstellungen des Dritten Reichs, enthält jedoch bereits psychologische
Aspekte. Dass diese aufgrund der Involviertheit des Autors noch keine
brillanten Schlussfolgerungen zulassen, tut dem Lesegenuss keinerlei Abbruch.
Im Gegenteil: Man ist doch etwas enttäuscht, als diese "Geschichte eines
Deutschen" etwas abrupt endet - im Frühwinter 1933, mitten in einer Liebesgeschichte
und fünf Jahre, bevor Haffner nach England emigriert; der Entschluss dazu
fiel bereits Mitte 1933. ad
S. Haffner, "Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933",
DVA, 200 S., DM 36.
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