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Es erinnert an Dürrenmatts "Die Physiker": Die Psychiatrie als Rückzugsort
der Stimme der Wahrheit. Nur hat der kurdische Psychologe Ilhan Kizilhan
dem Führer der linken Studentenbewegung und kurdischen Revolutionär in
der Türkei den Namen "Feridun" verpasst, der sein trockenes theoretisches
Rüstzeug in den 70er-Jahren an der Uni Ankara erlernte, bevor er sich
unters eigene kurdische Volk mischte. Auf dem Höhepunkt der türkischen
Studentenbewegung schließt sich Romanheld Feridun der "Rekistin" der kurdischen
Guerilla an - Ähnlichkeiten mit einer kurdischen Partei, die auch in Deutschland
aktiv ist, sind sicher nicht ausgeschlossen.
Da auch die Kurden von der linken türkischen Studentenbewegung immer als
"Nationalisten" und "unterentwickelt" beschimpft werden, nie auf deren
viel beschworene Solidarität zählen konnten, wollen sie nun einen eigenen
Beitrag zur Befreiung ihres Landes leisten. Doch, wie Kizilhan Stück für
Stück am enttäuschten Revolutionär Feridun erzählt, entpuppt sich die
Rekistin als das originäre Produkt des brutalen kemalistischen Systems,
nur mit kurdischem Vorzeichen. Gemäß des macchiavellistischen Mottos,
"der Zweck heiligt die Mittel", gelten Verrat und Folter in den eigenen
Reihen als revolutionäres Rüstzeug - "für die Sache" darf gelogen, intrigiert
und auch gemordet werden. Feridun beginnt deshalb, eigene Nischen zu suchen,
um letztlich sein Leben bei "stummen Gedanken" in der Psychiatrie zu retten.
Streckenweise, und mit erzählerischem Talent ausgestattet,
liest sich das neueste Buch des 33-jährigen Kizilhan wie ein historischer
Schulroman, der mittels einer spannenden Rahmenhandlung wichtige historische
Tatsachen vermittelt. Dazwischen schimmert aber in langen Erklärungspassagen
immer wieder der Psychologe durch, der die "Natur des Führers" und der
"Bewegung" mittels der extremen Sexualfeindlichkeit ("Liebesverbot untereinander")
zu erklären versucht. Hier und da entlarvt er die Doppelmoral der türkischen
Elite - auf der einen Seite ihre sittenstrenge Gesellschaft, auf der anderen
Seite die Abtreibungen der unbefriedigten, fremd gegangenen und gelangweilten
Ehefrauen in den kleinen muffigen Mansarden der Armen.
Die Frage, die kundige Leser/innen der türkisch-kurdischen Szene bewegt,
ist, wer sich hinter der Person Feriduns verbirgt. Denn kurz vor der Entführungsinszenierung
und Verhaftung des PKK-Führers Abdullah Öcalan mehrten sich die Zeichen
des öffentlich geführten inneren Unbehagens an der Partei - angefangen
mit Selim Cürükkayas Veröffentlichung über den "Diktator Öcalan" im Fischer
Verlag. Kizilhan, der Vorsitzender des kurdischen Studentenvereins an
der RUB war und dort 1994 sein Psychologiestudium glänzend abschloss,
verbrachte abschließend mehrere Studiensemester in den USA, war wissenschaftlicher
Mitarbeiter im Human Right Law Project in Los Angeles, später Programmdirektor
des kurdischen Fernsehens MED-TV, ebenso Mitglied im kurdischen Exilparlament.
Bekannt ist der Fußballfan, der 1985 den ersten kurdischen Fußballverein
Europas in Celle gründete, als Autor von psychologischen Studien über
Kurden in der Migration (Der Sturz nach oben) oder "die Yeziden", eine
Religionsgemeinschaft, die fast vollständig nach Deutschland emigrierte
- Erfahrungen, die in Kizilhans Letztwerk einflossen. Aber "Stumme Gedanken"
schützt sich durch das Genre "Roman", wo ja alles fiktiv ist, Ähnlichkeiten,
Parallelen also rein spekulativ sind. tas
Ilhan Kizilhan: "Stumme Gedanken. Über die Suche nach Freiheit und das
grausam Wirkliche", Internationales Kulturwerk, Hildesheim 1998, 391 S.,
DM 28,80.
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