Candide im Jungfernland
   
  Zu Gast an der University of Virginia
 
 

Klausuren ohne Aufsicht oder als take home exam per E-Mail an den Prüfer, kostenloser Transport im uni-eigenem Bus, gesteuert von der Kommilitonin aus dem Literaturkurs, die research-Bibliotheken rund um die Uhr geöffnet, die Mediathek mit Tausenden von Filmen in Sofortausleihe, kleine und kleinste Lehrveranstaltungen, doch über 4.000 Studierende, die ihr Zeugnis bei der jährlichen graduation-Feier erhalten, alle im Talar, beklatscht von über 10.000 Freunden und Verwandten, die Lehrenden in bunter feierlicher Prozession - "Candide im Jungfernland" reibt sich ungläubig die Augen. Und doch ist alles Wirklichkeit an der UVA, der University of Virginia, in Charlottesville, einer intellektuellen Oase, verloren im nördlichsten der Südstaaten, dort wo Scarlett O'Hara geliebt und gelitten hat, und wo die blutigsten Schlachten des Bürgerkriegs geschlagen wurden.
Die Uni ist eine Gründung von Thomas Jefferson, dem Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Präsidenten der USA in der Nachfolge George Washingtons. Mit 70 entwirft er - auf Monticello, seinem von 200 Sklaven bewirtschafteten Landbesitz - die Uni: ein weites Rechteck mit der vom römischen Pantheon inspirierten Rotunde und den langen, von Säulen geschmückten Gebäudereihen rechts und links, den spartanischen Zimmern für die Studierenden, in denen wohnen zu dürfen auch heute noch als Auszeichnung gilt.
Für 100 Studierende geplant - zu ihnen gehörte Edgar Allen Poe - hat die Uni heute 20.000 Studierende, ein Gigant für amerikanische Verhältnisse. Die Institute sind weit verstreut, alles im Backsteinstil, auf Hochglanz geputzt. Die UVA besitzt einen hervorragenden Ruf, die graduates werden durch massive Stipendien nationwide geworben. Ob als Magisterstudierende oder als Doktoranden im Spanish Departement sind sie an der Produktion von Wissenschaft beteiligt und werden bezahlt. Gegenleistung ist der Sprachunterricht für die jüngeren Semester.
Auch wenn viele Studierende einen Job haben, sind sie doch "Vollzeitstudierende". Auch wenn sie aus einem breitem Spektrum wählen können, ist das Studium so angelegt, dass sie nach vier Jahren tatsächlich als ersten Abschluss den BA erhalten und mit 22 ins Berufsleben gehen können. Bedingung dafür ist nicht nur ein Ein-Fach-Studium, sondern auch Studien begleitende Prüfungen, die Bewältigung eines großen Lektürepensums und eine professionelle Beratung im Fach und außerhalb. Selbstverständlich wird jede Lehrveranstaltung evaluiert - aber nicht, ob sie gefallen, sondern wie viele Studierende sie zum Erwerb der credits geführt hat.
Überhaupt ist Evaluation eine Schlüsselvorstellung. Dabei ist es stets das Ziel, die Dinge besser zu machen - bei klaren Vorgaben - und nicht irgendjemanden "rauszukicken". Wer noch nicht so gut ist, wie er sein sollte, braucht Hilfe und bekommt sie. Die motivierende Wirkung, die hierzulande von "Entbeamtungen", Probezeiten und Befristungen erhofft wird, erregt Erstaunen. Befristet an der UVA ist nur der "vertragslose" Rektor, der board verlängert ihn jeweils um ein Jahr. Sein hohes Gehalt verdient er durch professionelle Einwerbung von Mitteln.
Wer das Studium beginnt, schließt es in aller Regel auch ab, sicher nicht nur, weil die hohe Studiengebühr die Eltern häufig zur Aufnahme einer Hypothek zwingt. Hilfreich ist ein klar strukturiertes Studium und eine permanente, professionelle Anleitung und Beratung. Der Master in nur einem Fach dauert sechs Jahre, der Doktor sieben.
Die amerikanischen Unis sind nicht besser - aber sie machen sicher Vieles besser und professioneller als wir. Sie evaluieren ihre Arbeit, setzen sich Ziele, an denen sie gemessen werden können, haben eine vermutlich effektivere Personalstruktur, sind näher bei den Studierenden, im Studium und danach. Doch sollte man sich nicht täuschen: Jede amerikanische Uni hat ihr eigenes System, ein amerikanisches Modell, das sich einfach übernehmen ließe, gibt es nicht.
Und zum Wundermittel der Privatfinanzierung: alumni-Einwerbung ist ein hartes, langatmiges Profigeschäft - und das dicke Geld, das bringen eher die Veranstaltungen der Football- und Basketballmannschaften, die hierzulande fehlen.
Manfred Tietz (Der Bochumer Romanist verbrachte im Sommer mehrere Wochen in Virginia und schlüpfte dabei in die Rolle des Candide, der berühmten - neugierigen und naiven - Romanfigur von Voltaire)

   
   
   
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01.10.2000