Lagerrealität und Politik
   
  RUB-Historiker: Vier dicke Bände zu Auschwitz
 
 

Als Schauplatz des größten Konzentrations- und Vernichtungslagers des NS-Staates hat Auschwitz eine traurige Berühmtheit erlangt. Einen umfassenden Einblick sowohl in Einzelheiten des Lagerlebens als auch in die Entwicklung der Besatzungs-, Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik im eroberten Polen bietet jetzt erstmals die unter Leitung von Prof. Dr. Norbert Frei (Neuere und Neueste Geschichte) entstandene zeitgeschichtswissenschaftliche Publikationsreihe "Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz".
Im Vordergrund stehen Fragen nach dem ideologischen Zusammenhang von "Germanisierungspolitik" und Massenvernichtung, nach der Verstrickung der deutschen Privatwirtschaft in die Verbrechen, aber auch nach dem Verhalten der deutschen Zivilbevölkerung in Polen angesichts von Terror und Mord. Das gerade abgeschlossene Forschungsprojekt ist nicht zuletzt dem wissenschaftlichen Austausch mit Archiven und Forschungseinrichtungen in Polen zu verdanken. Mit Jan Parcer gehört auch der frühere stellvertretende Leiter des Archivs des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau zu den Herausgebern des ersten Bandes der Reihe, einer Edition der Standort- und Kommandanturbefehle des Lagers, der die Alltagsrealität aus der Perspektive der SS für die Zeit von der Errichtung des Lagers im Juni 1940 bis zur Flucht vor der anrückenden Roten Armee im Januar 1945 widerspiegelt.
Die konzeptionelle und zeitliche Einheit von "Germanisierung" und Judenmord verdeutlicht der zweite Band der Reihe, in dem Dr. Sybille Steinbacher beschreibt, wie die Stadt Auschwitz zunehmend von Deutschen bevölkert wurde und allmählich zu einer regelrechten "Musterstadt" der "Eindeutschungspolitik" avancierte.
Im Mittelpunkt des dritten Bandes steht die Verstrickung der IG Farben in die Verbrechen von Auschwitz. Dr. Bernd C. Wagner schildert die Lebensbedingungen der zur Zwangsarbeit an der Baustelle des IG-Werks in Monowitz eingesetzten Häftlinge, von denen mehr als 25.000 starben.
Der vierte Band der Reihe versammelt Beiträge vorwiegend jüngerer Historiker/innen zu ausgewählten Aspekten der Lagerpolitik des "Dritten Reiches". Die Spannbreite der Themen reicht von der Struktur der "Häftlingsgesellschaft" über die Bedingungen der systematischen Vernichtungspolitik in den eroberten Gebieten der Sowjetunion bis zur Frage nach der Wahrnehmung der Verbrechen in der deutschen Gesellschaft. jk

 

  Darstellungen und Quellen zur Geschichte von Auschwitz. K. G. Saur Verlag, 4 Bände: 1) Frei, Grotum, Parcer, Steinbacher, Wagner (Hg.): Standort- und Kommandanturbefehle des Konzentrationslagers Auschwitz 1940-1945; 2) S. Steinbacher: "Musterstadt" Auschwitz. Germanisierungspolitik und Judenmord in Ostoberschlesien; 3) B. Wagner: IG Auschwitz. Zwangsarbeit und Vernichtung von Häftlingen des Lagers Monowitz 1941-1945; 4) Frei, Steinbacher, Wagner (Hg.): Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik.
   
   
  Ihre Meinung ist gefragt! Schreiben Sie uns einen Leser(innen)brief!
zurückblättern zur Themenübersicht weiterblättern

01.07.2000