| Leben und leben lassen | |
| RUB-Absolventin: Ausgewandert in die Karibik | |
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| Weißer Strand, blaues Meer und windschiefe Palmen - daraus
sind die meisten exotischen Karibikträume gestrickt, und die Reiseveranstalter
verstärken den Appetit mit geleckten Hochglanzprospekten und überdimensional
großen Postern. Für die karibikerfahrene Ilka Skoczowsky-Polanko (29) ist das zu wenig und gehören solche Vorstellungen ohnehin in den Bereich der Stereotype. Von den Reiseführern, die eigentlich mehr Infos über Land und Leute bieten sollten, ist sie enttäuscht. Einen nach dem Anderen hatte sie sich vor drei Jahren über die grüne Insel Hispaniola besorgt und in ihrer Magisterarbeit "Deutschsprachige Reiseführer über die Dominikanische Republik" (beim RUB-Romanisten Prof. Alfons K. Knauth) analysiert. Ihr Urteil fiel vernichtend aus: "Kein Reiseführer hat mir wirklich gut gefallen", erinnert sie sich und schaut versonnen in die weite Landschaft, über die ein weicher Wind hinweg zieht. "Statt über Land und Leute zu berichten, sind die Reiseführer allein auf Marketing zugeschnitten. Kommen Einheimische doch einmal vor, dann gleich sensationell", kritisiert Skoczowsky-Polanko. Sie kennt den Alltag besser. Direkt nach ihrem Magister an der RUB packte sie ihre Sachen und wanderte von Iserlohn in die 48.734 qkm große Inselrepublik aus - mit dabei "Oma Hilde". Die hatte spontan zur Ausreiseidee der Enkelin gesagt: "Ilka, ich lasse dich nicht alleine, schließlich ist es ein großer Sprung vom Sauerland in die Karibik." Auch die Mutter, anfangs traurig - da sie inklusive Schwiegersohn Luis Polanko (33), der im Bochumer Studienkolleg Deutsch gelernt hatte, gleich drei Familienmitglieder an die Karibik verlieren sollte - zögerte nicht lange: Heute wohnen Tochter, Schwiegersohn und Oma gleich gegenüber der Mutter und dem Stiefvater im bunten Siedlerstädtchen Sosua. Vom selbst erbautem Domizil ist der kilometerlange Sandstrand nur ein paar Minuten entfernt, und auf der anderen Seite backt der deutsche Bäcker Moser seine Brötchen und feinen Torten. Alleine ist die deutsch-karibische Familie im vom Atlantik umspülten Norden schon lange nicht mehr. Jeden ersten Samstag im Monat findet ein Treffen im deutsch-internationalen Residentenklub statt, dem auch einige hochbetagte Juden angehören. Sie waren 1938 aus Deutschland geflohen und dem nicht uneigennützigen, aber einzigen internationalen Rettungsruf des Diktators Trujillo in die damals unwirtliche Isolation des Inselnordens gefolgt. Der hatte sich als Gegenleistung der 100.000 Gerufenen vorgestellt, mit ihrer Hilfe den Farbton der schwarzen Dominikaner "aufzuhellen". Aber es kamen nur 500 Flüchtlinge, und statt wie vorgeschrieben, in der Einöde Land- und Viehwirtschaft nach europäischem Stil zu betreiben, produzierten die jüdischen Siedler Wurst und Milch. Heute ist Sosua ein internationaler und kosmopolitischer Ferienort, und die Kinder aus den gemischten Siedlerfamilien kehren aus Amerika zurück, um selbst Urlaub zu machen. Ilka Skoczowsky-Polanko kam aber nicht zum Faulenzen, sondern um zu Arbeiten - zuerst bei einem Rechtsanwalt im 30 Kilometer entfernten Provinzstädtchen Puerto Plata, das 1496 auf Wunsch von Kolumbus gegründet wurde. "Die kurvige Küstenstraße dorthin ist von wild rasenden und hupenden Autos bevölkert", so die Newcomerin, und die Anfahrt mit dem übervollen Guagua (Minibus) zog sich über eine Stunde hin. Mit dem deutschen Uniabschluss in der Tasche war eine neue Arbeit allerdings schnell gefunden. Bei einem großen Reiseanbieter vor Ort kümmert sie sich um die Klagen der Urlauber und ärgert sich oft über deren Vorbehalte: "Die Touristen beschweren sich darüber, dass Dominikaner schreien. Dabei gestikulieren sie nur stärker, ihre Stimme ist emotionaler. Dominikaner teilen gerne und sie sind sehr gastfreundlich. Die deutschen Touristen danken dies aber nicht und beschimpfen die Einheimischen. Dahinter steckt bloßes Erobererdenken." An Deutschland vermisst sie kaum etwas, "außer vielleicht Gummibärchen oder Matjes". Die 83-jährige Oma ergänzt: "Pumpernickel und Camembert fehlen, Sauerkraut kostet über fünf Mark, Nutella kann man sich nur ansehen. Dafür sind Reis, Bananen und Eier sehr billig, und tropische Früchte, Kochbananen und Rindfleisch gibt es im Überfluss." Die Abnabelung von der alten Heimat fiel leicht. Den Sauerländer Auswanderern gefiel auf Anhieb, dass die Menschen an der Bushaltestelle miteinander reden. "Es zählt der gemeinsame Spaß, kein Modediktat, keine Herkunft. Es herrscht die Devise: Leben und leben lassen", so die RUB-Absolventin. Vielleicht ist das karibische Lebensmotto bald Titel eines anderen Reiseführers, der in ihrem neu eingerichteten Arbeitszimmer geschrieben wird? "Diesen Traum würde ich mir gerne erfüllen", strahlt sie über die gut gekühlte Pina Colada hinweg. tas |
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| 01.07.2000 |