Dein ist mein ganzes Herz
   
  Bahnbrechend: Herzforschung am RUB-Klinikum in Bad Oeynhausen
 
 

Autobahn 1 von Wien nach Salzburg: Während der morgendlichen Frühnebel ist ein Motorradfahrer verunglückt. Er ist sofort tot. Die europäische Transplantationszentrale in Leiden meldet dem Herz- und Diabeteszentrum NRW in Bad Oeynhausen ein lange ersehntes Spenderherz. Routiniert starten die Vorbereitungen nach einem minuziös berechneten Generalstabplan. Zwei Transplantationskoordinatoren checken, ob das Herz des verunglückten Österreichers wirklich für einen wartenden Patienten in Bad Oeynhausen infrage kommt. Gleichzeitig stimmen sie logistisch weitere Organentnahmen wie Leber, Niere oder Netzhaut ab. Während das OP-Team vom Hubschrauberlandeplatz des abseits vom Ballungszentrum Ruhr gelegenen RUB-Klinikums via Hannover nach Wien zur Organentnahme aufbricht, wird daheim schon der Patient in den OP geschoben und auf die Organverpflanzung eingestellt. In den nächtlichen OP-Sälen brennt das Licht stundenlang, denn alte Verwachsungen müssen entfernt werden. Aber nur vier Stunden dürfen zwischen Organentnahme und Verpflanzung vergehen. Die Hände, die vor Ort das noch zuckende Herz des Toten entnehmen, setzen es wenig später dem wartenden Kranken in der deutschen Klinik ein.
Für den 60-jährigen Manfred Butziak ist es aber noch nicht so weit, obwohl der schwer Herzkranke schon seit sieben Monaten auf ein Spenderherz hofft. Doch die Spendebereitschaft der Bevölkerung ließ in den letzten Jahren rapide nach. Von seinem Bauch führen zwei feste Plastikschläuche direkt in seine Bauchtasche und pumpen in regelmäßigen Abständen - "took took" -, um seine beiden Herzseiten zu unterstützen. Obwohl gerade erst operiert, fühlt sich Butziak "trotz Intensivbehandlung sauwohl - mein Herz zappelt nur noch." Neben dem Bett des Sauerländers steht ein kleiner Einkaufsroller - darin seine lebenswichtigen Herzunterstützungsgeräte. So kurz nach dem Eingriff ist der Patient trotzdem kein Liegefall. Täglich trainiert er 15 Minuten mit dem Heimtrainer und geht etwas spazieren, immer in enger Nähe mit seinem tragbaren Lebensretter auf Zeit.
Auf der Intensivstation von Manfred Butziak herrscht Hochbetrieb. "Wir führen täglich 18 Operationen mit der Herzlungenmaschine durch, 24 Betten stehen zur Verfügung. Wir operieren so gut, dass täglich 18 Patienten auf die normale Station verlegt werden können", erklärt Oberarzt Dr. Nils Reiß. Bei Herzkranken schnell zu reagieren, ist überlebenswichtig. Denn mit stetigem Krankheitsverlauf versagen auch lebenswichtige andere Organe. Um nach der OP wieder auf die Beine zu kommen, braucht es länger - neben der körperlichen Beeinträchtigung auch ein Kostenfaktor.
Um den vielen Herzkranken die lange Wartezeit zum Spenderherz zu überbrücken, wurde zuerst vom 90-jährigen US-Professor Michael DeBakey gemeinsam mit der NASA das per Batterie betriebene Kunstherz entwickelt. Bei diesem Kreislauf-Unterstützungssystem (bridging) wird die Pumpe extern am Körper des Patienten getragen, wodurch er bewegungsfähig bleibt. Der erste Kunstherzpatient war 1996 ein 62-jähriger Österreicher. Im Spätherbst 1998 wurde erstmals in Deutschland im Deutschen Herzzentrum in Berlin ein Kunstherz angeschlossen. Mittlerweile ist die Entwicklung so weit voran geschritten, dass je nach individueller Verfassung der Patienten verschiedene Einsatzmöglichkeiten vorhanden sind. Im Bad Oeynhauser RUB-Klinikum wurde dem weltweit ersten Patienten vom Ärztlichen Direktor der Klinik, Prof. Dr. Reiner Körfer, im Oktober vergangenen Jahres das Kunstherz "lionheart" dauerhaft eingepflanzt. Der 67-jährige lebt jetzt wieder zu Hause und wird von extra ausgebildeten Pflegern ambulant versorgt.
Als der 57-jährige Hans J. Schmolke aus Velbert in der Oeynhauser Klinik eintraf, war er nach einem Herzinfarkt und der daran anschließenden Bypassoperation mit seinen Kräften am Ende. Deshalb konnte er nicht sofort auf die Normalstation verlegt werden, sondern wurde über fünf Wochen lang intensiv behandelt. Nach der einseitigen externen Herzkammerunterstützung ging es aber stetig aufwärts. Am 63. Tag nach der OP kann er wie 60 andere Herzkranke trotz offenen Herzens wieder alleine Treppen steigen und mit Hanteln trainieren und das zwei Jahre lang. Solange muss er immer sein kleines Batterietäschchen - ähnlich groß wie für eine Kompaktkamera mit Raum für weitere 3-Stunden-Ersatzbatterien - mit sich führen. "Der Eingriff gab mir Sicherheit und Selbstvertrauen zurück", sagt der Gesundete dankbar dem Herzspezialisten. "Ich bin jetzt nicht mehr auf fremde Hilfe angewiesen und stolz auf meine neuen Leistungen."
Ähnliche Dankbarkeit empfindet der 66-jährige Duisburger Horst Lang. Er ist der dritte Oeynhauser Patient, dem Prof. Dr. Reiner Körfer das "Löwenherz" für immer einsetzte. "Took-took" klopft es nah unterm linken Brustkorb, der sich mit jedem Schlag etwas nach vorne spannt. Über eineinhalb Stunden kann sich der Operierte ohne Stromanschluss bewegen, Urlaub ist nur in der Nähe einer Steckdose möglich, mit der er sich mittels einer kleinen Spule "zum Aufladen" wieder verbindet. Aber das reicht ihm, wenn er nur wieder mit seinem "Chef herumlaufen kann", wie er liebevoll die Ehefrau bezeichnet und sich schon auf den nächsten gemeinsamen Spaziergang freut. "Der Professor und seine Crew haben bei mir Spitzenarbeit geleistet, aber es wäre wünschenswert, dass in Deutschland ähnliche Bestimmungen wie in Österreich gelten", gibt der Ruhrgebietspatient zu Bedenken. Im Alpenland ist grundsätzlich jeder tödlich Verunglückte potenzieller Spender, es sei denn, er hat zu Lebzeiten dagegen Widerspruch eingelegt.
Vor über 20 Jahren galten medizinisch betrachtet über 65-jährige Patienten als nicht mehr operabel. Inzwischen jedoch sind über 30% aller Herzoperierten über 70. Nur bei der Behandlung angeborener Herzfehler ist die Tendenz umgekehrt: Die meisten werden heute im Säuglingsalter möglichst nicht invasiv behoben. Bei der bestmöglichen Versorgung durch das Bad Oeynhauser RUB-Klinikum wurden durch ein modernes Management aber auch andere Lebenswerte fürs kranke Herz entdeckt. Am Haupteingang empfangen hohe und lichtdurchflutete Glaswände die Besucher, eingerahmt von den bunten Bildern von Elvira Bach, in denen strahlende rote Herzen leuchten.
Die Zuzahlerstation "Toscana" gewährleistet Kranken die Anwesenheit naher Familienangehöriger. Und die Kinderkardiologie für angeborene Herzfehler von Prof. Dr. Hans Meyer verbindet mit der Innenausstattung des Mülheimer Künstlers Peter T. Schulz ("olle Hansen") anspruchsvollste, hoch technische Versorgung mit menschlicher Wärme in kindgerechter "Wohlfühlatmosphäre". Mit diesem Projekt ist die RUB-Klinik auf der Expo 2000 in Hannover vertreten. Denn für kleine Patienten und ihre Eltern sind der operative Eingriff und der lange Krankenhausaufenthalt ganz besonders schwierig. Die phantasievolle Kapitänsfahrt in einem Boot oder die Reise im bunten Ballon lenken von den Strapazen ab.
Als ein weiteres Projekt entsteht in unmittelbarer Nähe dank der McDonalds-Kinderhilfe ein Elternhaus, in dem Angehörige Abstand vom Klinikalltag gewinnen, sich aber auch mit Betroffenen austauschen können. Für dieses zweite Zuhause auf Zeit gewann der amerikanische Bauträger den Stararchitekten Frank Owen Gehry, der damit ebenso auf der Expo präsent sein wird. Auch die Landesgartenschau "Aqua Magica" geht nicht an den Bad Oeynhauser Kinderherzspezialisten vorbei, auf der sie ihre Vision - Ersetzen des Herzkatheders durch Magnetresonanz - bei einer "virtuellen Reise durchs Herz" vorstellen werden, um zu zeigen, wie minimalinvasiv nach der ersten Herz-OP 1967 jetzt in Zukunft behandelt werden kann. Solches Jointventure von Medizin, Kreativität und Wirtschaft dient, so Meyer, einer "ganzheitlichen und nachhaltigen Fürsorge".
Gerade bei den kranken Patienten - ob klein oder groß - finden solche Bemühungen offene Herzen. Deshalb griff einmal eine herzkranke Künstlerin selbst in den Maltopf und tauchte dankbar das Porträt ihres Lebensretters in strahlendes Öl. tas

 

 

  Steckbrief Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein Westfalen
Gründung 1984
Uniklinik der RUB seit 1989; die Studierenden kommen meistens in den Semesterferien nach Bad Oeynhausen
Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Reiner Körfer
Geschäftsführer: Dr. Otto Foit
seit 1984 40.000 Eingriffe am offenen Herzen
4.500 Operationen jährlich an der Herzlungenmaschine
6 Operationssäle
1. Herztransplantation im März 1989
1. Lionheart-Implantation im Oktober 1999
Kinderkardiologie mit zwei Projekten bei der Expo 2000 registriert und mit einem bei der Landesgartenschau
   
   
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01.07.2000