"Haymatloz"
   
  Exil in der Türkei
 
 

Auf Einladung der türkischen Regierung emigrierten zwischen 1933 und 1945 - neben Politiker/innen und Künstler/innen - auch zahlreiche deutsche Wissenschaftler/innen in die Türkei und wirkten tatkräftig an der Modernisierung von Gesellschaft und Kultur mit, so der berühmteste unter ihnen, der Verwaltungs- und Kommunalwissenschaftler sowie spätere Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter.
Die Architektin Margarete Schütte-Lihotzky übernahm als Expertin des Erziehungsministeriums - trotz des Verbots der politischen Beteiligung im Gastland - mehrere Aufträge. Entgegen des Berufssperregesetzes fanden auch viele Wissenschaftler an der Istanbuler Universität eine Anstellung. In die Fremdenpässe der Deutschen schrieben die türkischen Behörden "haymatloz", das so als Lehnwort in die türkische Sprache einging.
Der Berliner Verein "aktives Museum" konzipierte eine zweisprachige Ausstellung, die im Juni in der Europa Universität Viadrina gastierte (Frankfurt/Oder). Der Ausstellungskatalog (s.u.) berichtet über die Lebenswege der deutschsprachigen Emigrant/innen und der von ihnen hinterlassenen Spuren in der Türkei. Die Ausstellung ist im Herbst noch in Osnabrück und Rheine bzw. in Heidelberg zu sehen.
Einem ähnlichen Thema widmete sich Anne Dietrich in ihrer Dissertation "Deutschsein in Istanbul", welche die Emigration in die Türkei jedoch schon früher an der Arbeitsmigration von 1843 ansetzt. Der folgten erst später die Fluchtbewegung während des Nationalsozialismus. Die deutschsprachige Community von heute tabuisiert, so Dietrich, dass es auch nationalsozialistische Strukturen in der Türkei gab und identifiziert sich öffentlich nur mit den deutschen Exilwissenschaftler/innen. Aber auch der Mediziner Clara erhielt noch nach 1945 einen Ruf in die Türkei, nachdem er zuvor mit Menschenversuchen in Buchenwald Karriere gemacht hatte. tas

 

  Der Katalog zu Haymatloz (235 Seiten) kostet DM 38 (+ Porto); http://www.aktives-museum.de; info@aktives-museum.de Anne Dietrich: Deutschsein in Istanbul. Nationalisierung und Orientierung in der deutschsprachigen Community von 1843 bis 1956. Schriftenreihe Zentrum für Türkeistudien, Bd. 13. Leske und Budrich: Opladen 1999, 448 S., DM 64.
   
   
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01.07.2000