| Geisteswissenschaftler leben länger | |
| Graue Panther an der RUB | |
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| Im letzten Wahlkampf zum Studentenparlament (SP) der RUB
tauchte überraschend eine Liste namens "Graue Panther" auf - und errang
auf Anhieb beinahe einen Sitz im SP. Das ist nicht verwunderlich, denn Zielgruppe
der Liste sind alle Studis über 30, und von denen gibt es fast 14.000 an
der RUB. Einige Kommiliton/innen haben sogar bereits die 80 überschritten. Möglichen Vorurteilen begegnen die Seniorenstudenten mit Charme und Dynamik. Das Studium der Geisteswissenschaften verheißt ein langes Leben. Haben dessen Studierende bei Job und Lohn oft das Nachsehen gegenüber den Kommiliton/innen aus Natur und Technik, ist das beim Alter ganz anders. So zumindest beim ältesten Studenten der RUB, der mit über 83 Skandinavistik studiert. Ihm vom Alter her hart auf den Fersen ist eine Kommilitonin aus der Evangelischen Theologie. Was bei ordentlichen Studierenden trotz Prüfungsstress der Jungbrunnen ist, das bestätigt auch die Gasthörerstatistik des vergangenen Sommersemesters: Die Studentin aus derselben Altersklasse sorgt sich weniger um Maße oder Gewichte, sondern um den Sinn des Lebens. Folglich studiert sie Philosophie. Die zwei männlichen Altersgenossen tun es ihr fast gleich - der eine entschied sich für Katholische Theologie, der andere für Geschichte. Weit darunter rangiert der einzige Senior der Elektrotechnik mit seinen 75 Jahren, gefolgt von zwei Geografie- und einem Mathematikstudenten um die 70. Gehen die in der Menge der ordentlichen Studierenden völlig unter, so behaupten Geisteswissenschaftler/innen in diesem Alter massenhaft ihr Terrain: Allein 19 Studis um die 70, überwiegend männlich, suchen in Vorlesungen und Seminaren nach den eigenen Spuren und Wurzeln und studieren wie der Hagener Siegfried Fasel Geschichte. Fasel, früher Geschäftsführer in der Industrie, will "historische Defizite korrigieren und neue Erkenntnisse zur Einschätzung der aktuellen Politik gewinnen." Aufgeschoben, aber nicht aufgehoben: Nach diesem Motto verfuhr Karl-Heinz Görss (69), früher in einer Wittener Eisenhütte, der in seiner Jugend "kein Geld fürs Studium besaß." Jetzt sitzt er regelmäßig neben dem ein Jahr jüngeren Dr. Camillo Herget, der nach seinem "Brotstudium" der Chemie "Nachholbedarf" hat. Ist Bochums Uni eine Denkfabrik der Alten? Immerhin liegt der Anteil der 13.742 Studierenden über 30 bei 40%; in Dortmund beträgt er etwa 13 % weniger. Verkehrte Welt: Trotz fortschreitender Technik ist das Leben ihrer Studierenden kürzer. Und obwohl bekanntlich Frauen länger als Männer leben, ist der greise Student eher ein Mann. Von den 93 Bochumer Studierenden zwischen 66 und über 83 Jahren sind immerhin 66 Männer. Die Frauen holen aber auf: Unter den 1.797 jüngeren Bochumer Studierenden zwischen 42 und 65 sind 710 Frauen. Die Kinder sind aus dem Haus, Ehemänner noch im Erwerbsleben - Zeit für Selbstverwirklichung durch ein Studium. Alte Studierende wehren sich dagegen, mit Langzeitstudierenden verwechselt zu werden. Jan-Marcus Heise (31) will für beide eine Lobby sein. Dem Bochumer Elektrotechnikstudenten - seit zwölf Jahren an der RUB - spukte schon lange die Idee eines eigenen Zusammenschlusses "ab 30" im Kopf herum. Im Oktober 99 war es so weit: Bei den Wahlen zum Studentenparlament kandidierten 16 Bewerber selbstbewusst auf der Liste der "Grauen Panther", die nur knapp an einem Sitz vorbei schrammte. Unterschied der Studentenpanther zum Senior: Die meisten sind Langzeitstudierende, begannen direkt nach dem Abi mit dem Studium, arbeiten zur Finanzierung nebenher und sind häufig sozial engagiert. Heise: "Wir sind keine Randgruppe und wollen uns nicht verstecken. Die Angriffe auf uns sind unreflektiert. Wir kosten dem Staat in der Regel nichts. Langzeitstudierende erhalten kein Bafög, arbeiten meist berufsnah, zahlen Steuern und eine höhere Krankenversicherung." Die einzige Aufnahmehürde der Listenpanther ist die Zeit: Das Mindestalter beträgt 30 "als Gegenstück zum Kindergarten AStA". Die programmatische Forderung gibt sich schon kategorischer: keine Studiengebühren, auch nicht heimlich über Krankenversicherungen oder Sozialabgaben. Senior Heise zum ewigen Listenstreit beim AStA: "Streiten in der Sache ist wichtig, aber der irrationale Streit muss aufhören. Aufgrund unseres Alters und unserer Distanz können wir zu mehr Rationalität und Sachlichkeit beitragen, da wir uns nicht mehr so leicht vereinnahmen lassen." Trotz solch abgeklärter Gefühle kommen Langzeitstudent Heise ab und an Momente, in denen er schlucken muss und denkt, "schnell fertig zu werden und zu gehen" - dann nämlich, wenn die Profs immer jünger werden wie der 1965 geborene Bochumer Physikprofessor Alexander Altland oder Deutschlands jüngster Prof., der 28-jährige Tübinger Mineraloge Gregor Markl. Bislang sind Bochums studentische Graue Panther einmalig. Sie haben auch nichts mit dem Senior/innen/verein zu tun, der seinen geschützten Namen solch jungen Hüpfern aber auch nicht streitig machen möchte. Im Gegenteil: Das "Original" der Panther, die Vereinsvorsitzende Trude Unruh, äußerte sich kürzlich bei Radio c.t. erfreut über potentiellen Nachschub. Schließlich sind die aktiven Damen des Vereins dafür bekannt, dass sie gerne mal ein lockeres Tänzchen übers Parkett schieben, sie aber auch unter mortalem Männermangel leiden und deshalb der zentrifugale Partnerschub um die eigene Achse fehlt. Dazu der Graue Unipanther Heise: "Ich tanze gerne historisch und würde ein Tänzchen mit den alten Damen nicht ausschlagen, zumal wir über Männerüberschuss verfügen." tas |
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| 01.07.2000 |