Kopfbohrer
   
  Serie: Medizinhistorische Sammlung
 
  Operative Eingriffe am menschlichen Schädel zählen zu den ältesten chirurgischen Verfahren. Im 19. Jahrhundert erregten archäologische Funde großes Aufsehen in der wissenschaftlichen Welt, die belegten, dass bereits die Inka in Altperu derartige Praktiken angewandt hatten. Bei der genauen Untersuchung steinzeitlicher Gräber stellte sich heraus, dass auch in prähistorischer Zeit operative Schädelöffnungen in ganz Europa und Nordafrika zum gängigen Kanon medizinischen Handelns gehört haben müssen. Zudem belegten zahlreiche verheilte Knochenwunden eine relativ hohe Überlebensrate der Operierten. Vorherrschende Methode war in dieser Periode die Schabtechnik: Mit einem scharfkantigen Feuerstein beschrieb man so lange eine Linie auf dem Knochen, bis sich ein kreisförmiges Stück der Schädelplatte abheben ließ. Da die so gewonnenen Rondellen durchbohrt auch als Amulett getragen wurden, maß man diesen Praktiken zunächst magisch-religiösen Charakter zu: Die Krankheitsdämonen sollten, durch Öffnen der Körperhöhle, in der man ihren Sitz vermutete, entweichen können. Es stellte sich jedoch heraus, dass bereits in der Vorzeit medizinische Indikationen für ein derartiges Vorgehen bestanden, etwa in der Entfernung von Knochensplittern nach einer Schädelfraktur.
Mit Anleihen vom Bohrer der ägyptischen Zimmerleute entwickelten dann die Griechen den klassischen Kronenbohrtrepan (gr. trypanon = Bohrer). Im Laufe der Zeit erweiterten sich die Anwendungsfelder der Trepanation ständig, umfassten u.a. Kopfschmerzen, Entzündungen, Epilepsie, Tumore oder dienten dem Aufbringen von Arzneien. Andererseits warnten antike Autoren vor den Gefahren und bezeichneten diese Technik als ultimum refugiens, als letzt mögliches Mittel. Die Autorität dieser Gelehrten führte dazu, dass die Schädelbohrung im Mittelalter kaum noch durchgeführt wurde. Erst in der frühen Neuzeit tauchte das Verfahren wieder auf und gipfelte im 18. Jahrhundert in einer förmlichen "Trepanationswut" - allerdings bei hohen Verlusten. Die besonderen Risiken lagen in einer Verletzung der Hirnhaut bzw. dem hohen Infektionsrisiko.
Über das Prozedere, das sich im Laufe der Zeit kaum verändert haben wird, gibt die Beschreibung einer Trepanation aus dem Jahr 1870 Auskunft. Der Heilkünstler versicherte sich der Zustimmung seines Opfers und verabreichte diesem als Narkotikum ein genügendes "Quantum Branntwein". Sein Assistent verstopfte dem Patienten die Ohren mit Watte, damit er das "sehr unangenehme Sägeklirren des Knochen nicht höre". Auf der rasierten Haut machte dann der Operateur dreieckige Einschnitte, klappte die Haut zurück, schabte das Fleisch ab und versorgte die Wunde mit blutstillenden pflanzlichen Mitteln. Dann nahm er den Trepan und drehte ihn an der ausgewählten Stelle bis sich das Schädelstück ablösen ließ. Jetzt konnte die eigentliche Heilbehandlung, das Entfernen von Fremdkörpern, Geschwüren, Eiter oder dergleichen, erfolgen. Großflächige Öffnungen wurden mit Obturatoren aus Knochen oder anderem Material - die Inka hatten Goldplatten benutzt ! - abgedeckt, kleinere einfach genäht und verbunden.
Mit dem Etablieren der Antisepsis im ausgehenden 19. Jahrhundert wurde das Infektionsrisiko minimiert und die Trepanation zu einer erfolgreichen Methode, insbesondere bei Hirnabzessen und -geschwüren. Die beschriebenen Form der Trepanation findet sich heute noch bei zahlreichen Naturvölkern, etwa in Afrika oder Ozeanien. Michael Martin
   
   
   
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01.06.2000