| Karten neu mischen! | |
| Ingenieure: Spitzenkräfte nicht abschieben | |
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| Noch ist die Talsohle nicht erreicht: Während sich bundesweit
1990 noch 20.000 junge Leute für ein ingenieurwissenschaftliches Studium
einschrieben (Quelle: Statistisches Bundesamt), sind es heute weniger als
10.000. Bis diese ihr Studium beenden und zum Arbeitsmarkt drängen, vergehen
im Durchschnitt weitere fünf Jahre. Absolventeneinbrüche gibt es auch in
der Physik und Chemie. Der absolute Tiefpunkt wird aber wohl erst 2003 erreicht
sein. "Das Problem liegt bei den Medien und der Industrie", so Dr.-Ing. Jörg Albrecht (Dekanat Elektrotechnik und Informationstechnik). Denn 1989, nach der Wende, gab es kurzfristig ein kleines Überangebot an Ingenieuren. "Die Medien", so Albrecht, "betrieben damit Angstmacherei nach dem Motto ‚jetzt auch die', während die Industrie die Situation ausnutzte, um die Löhne zu drücken und billige Arbeitskräfte aus Fernost zu importieren." Zum ersten Mal mussten Absolventen von sich aus ausführliche Bewerbungen starten - und sie wussten nicht, wie das geht. Viele Anfänger orientierten sich außerdem um und studierten andere Fächer. In Bochum sanken die Anfängerzahlen von 400 (1990) auf 90 (1996). "An der Ausbildung aber liegt es nicht", so Albrecht, dass aus dem Ausland Fachkräfte eingefahren werden müssen, "denn wir verfügen über genügend gute Ausbildungsplätze." Das Nachwuchsdefizit wird auch nicht durch die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte aus Indien bewältigt, denn die - orientiert an den USA und die besten unter ihnen dorthin schon ausgewandert - kennen das deutsche Maßsystem nicht ausreichend. "Die meisten Informationstechniker werden aus Osteuropa kommen", klärt Albrecht auf, und räumt gleich mit einem weiteren Fehlmeldung auf: "Nokia braucht beispielsweise Hardware nahe Programmierer, das heißt: Nicht Informatiker sind gefragt, wie Bundeskanzler Schröder meint, sondern wir Informationstechniker, also Ingenieure." Das sieht auch Kollege Dr.-Ing. Hans-Peter Müller (Fakultät für Maschinenbau) so, dessen Zunft ebenso unter dem Schwund leidet. Der Präsident des Verbandes deutscher Maschinen- und Anlagenbau, Eberhard Reuther, forderte laut Süddeutscher Zeitung sogar jüngst eine "Green-Student-Card", denn nur jeder 20. angehende Ingenieur sei derzeit ein Ausländer. Müller sieht noch andere Aspekte: "Wenn Studierende aus Entwicklungsländern in Deutschland studieren, dann sind sie bei der Rückkehr in die Heimat auch an deutschen Maschinen interessiert - die Bildungsinvestition macht sich bezahlt." Die derzeitige Debatte verwischt, dass in Deutschland ausreichend Fachkräfte vorhanden sind. Albrecht: "Statt Green Cards müssten die ausländerrechtlichen Bestimmungen flexibler gestaltet werden. Es wäre schön, wenn die an der RUB ausgebildeten Fachkräfte noch fünf Jahre Praxiserfahrung in Deutschland sammeln könnten." Aber so einfach ist das nicht. Denn nach dem Studium wird den Absolventen die rote Karte gezeigt, sie sollen zurück in die Heimat, notfalls sogar gewaltsam per Abschiebung. Verständlicherweise suchen sich deshalb viele attraktivere Angebote in anderen Ländern - die rot-grüne Regierung sollte folglich die Karten neu mischen. tas |
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| 01.06.2000 |